Schiri-Check-8 - Saison 2011/12

Kircher überragt, Gräfe enttäuscht

Von Patrick Völkner
Donnerstag, 10.05.2012 | 18:09 Uhr
Seine Gelassenheit und Ruhe sichert Knut Kircher (r.) die Top-Platzierung
© Getty
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In unserer Reihe Schiri-Check werfen wir in regelmäßigen Abständen einen Blick auf die deutsche Schiedsrichtergilde. Wir analysieren ihre Leistungen, hinterfragen die Ansetzungen und geben einen stets aktuellen Überblick über die Bundesliga-Referees. In Ausgabe 8 ziehen wir Bilanz unter die Spielzeit 2011/2012 und analysieren die Schiedsrichter-Leistungen im großen Einzelcheck.

Die Saison 2011/2012 liegt hinter uns - eine Spielzeit, die für die Unparteiischen wieder mit einer Menge Kritik verbunden war. Nicht zu Unrecht, sorgten die Darbietungen der Schiedsrichter zuweilen doch für Frust und ungläubiges Kopfschütteln. Lichtblicke wie die soliden Leistungen des erfahrenen Knut Kircher und der Nachwuchshoffnungen Marco Fritz und Tobias Welz bildeten eher die Ausnahme. Unser Schiedsrichter-Fazit der Saison 2011/2012:

Fehlerreiches Finale: Der letzte Eindruck ist ernüchternd. Was sich die Schiedsrichter am abschließenden 34. Spieltag zusammenpfiffen, war größtenteils kaum akzeptabel. Selbst der sonst souveräne Florian Meyer leistete sich beim Kölner Abstiegsendspiel gegen den FC Bayern zwei schwere Patzer. So hätte er nach Contentos Handspiel in der 43. Minute genauso Elfmeter geben müssen wie nach Peszkos Foul an Robben im zweiten Spielabschnitt.

Den Vogel schoss jedoch Thorsten Kinhöfer ab, der bei der Partie zwischen Hertha BSC und Hoffenheim eine in jeder Hinsicht miserable Leistung ablieferte. Die vollkommen überzogene Ampelkarte gegen Hoffenheims Babel und der verweigerte Elfmeter nach Comppers Foulspiel an Lasogga waren dabei nur die "Höhepunkte" eines auch ansonsten indiskutablen Auftritts, der mit einer glatten 6 bewertet wurde.

Nur Gräfe patzt: Der schwache letzte Spieltag täuscht dabei hinweg über die durchaus soliden Darbietungen der Referees in den vergangenen Wochen. Beispielhaft für den jüngsten Aufwärtstrend steht der 32. Spieltag mit einer Fehlerquote von 0,67 und einer Durchschnittsnote von 2,83.

Konterkariert wurde der gute Eindruck an diesem Spieltag jedoch vom abermals schwachen Auftritt Manuel Gräfes. Der Berliner Referee, der mit der Leitung des Bremer Heimspiels gegen den FC Bayern betraut war, lag gleich in mehreren Szenen mit seinen Entscheidungen daneben. Gräfes großzügige Linie erreichte dabei mehrfach die Grenze des Vertretbaren. So hätten sowohl Schweinsteiger als auch Stevanovic zwingend Gelb sehen müssen. Dem FC Bayern verweigerte Gräfe zudem einen klaren Strafstoß (Foulspiel Naldo an Müller) und übersah bei Pizarros Großchance dessen klare Abseitsstellung.

Abgesehen von Gräfe warteten die Referees am 32. Spieltag mit durchweg ordentlichen Leistungen auf. Dies gilt auch für Peter Gagelmann, dessen Leitung der Partie zwischen Nürnberg und dem HSV -(von einer viel zu kurz bemessenen Nachspielzeit abgesehen) nur wenig Anlass zur Kritik gab - zumindest aus der Sicht des neutralen Beobachters. Die HSV-Profis hingegen gingen mit dem Referee hart ins Gericht und warfen diesem rüde Provokationen vor. Nachgewiesen werden konnten diese Anschuldigungen allerdings bislang nicht.

Saisonbilanz: Auch in der Spielzeit 2011/2012 standen die Bundesliga-Schiedsrichter oftmals im Mittelpunkt der Kritik. Insbesondere im Herbst erlaubten sich die Referees zahlreiche hanebüchene, zum Teil unerklärliche Fehler, wie sie eines Unparteiischen der höchsten Liga kaum würdig sind. Den negativen Höhepunkt bildete der 12. Spieltag, an dem die Schiedsrichter 2,11 Fehlentscheidungen pro Match fällten. Die Durchschnittsnote von 4,17 ließ dabei keinen Zweifel an der Unparteiischen-Krise, die erst gegen Ende der Hinrunde langsam abebbte.

Mit einer Fehlerquote von 0,98 bei einem Notenschnitt von 3,02 muss die Saison 2011/2012 aus Schiedsrichter-Sicht insgesamt als höchst durchwachsen bezeichnet werden. Neben überzeugenden Leistungen, wie sie die alten Hasen Florian Meyer und Knut Kircher sowie die Jungspunde Tobias Welz und Marco Fritz ablieferten, bleiben auch zahlreiche klägliche Darbietungen der Referees in Erinnerung. Auffallend dabei, dass mit Peter Sippel, Manuel Gräfe und Dr. Jochen Drees gleich drei erfahrene Leute weit unter ihren Möglichkeiten blieben.

Der Blick in die Zukunft stimmt dabei eher sorgenvoll. Wenn in drei Jahren der große Umbruch in der Liga ansteht, wird man beim DFB dem Nachwuchsproblem nicht mehr ausweichen können. Denn auch wenn junge Leute wie Felix Zwayer und Tobias Welz in dieser Spielzeit ihr Potential andeuten könnten, bleiben bei den vermeintlichen Hoffnungsträgern Christian Dingert, Robert Hartmann und Markus Wingenbach doch schwere Zweifel, ob sie jemals internationales Format erreichen können.

Der Einzelcheck:

Deniz Aytekin (7. / 2,9 / 0,7): Ein solide Saison des Franken, dem es noch an der nötigen Gelassenheit fehlt, um sich als Klasse-Schiedsrichter zu etablieren. Leistete sich wenige Patzer und hat sich damit einen Platz im oberen Mittelfeld verdient.

Dr. Felix Brych (5. / 2,9 / 0,9): Deutschlands neuer Top-Schiedsrichter auf internationalem Parkett erlaubte sich auf nationaler Bühne den einen oder anderen Aussetzer. Strahlt jedoch stets Souveränität aus. Nach wie vor einer der Besten, die wir haben.

Christian Dingert (16. / 3,4 / 1,3): Wirkt - nicht zuletzt aufgrund seiner jugendlichen Erscheinung - mitunter noch etwas unsicher. Erlaubte sich zudem den einen oder anderen Bock zu viel. Hat noch Steigerungspotential.

Dr. Jochen Drees (21. / 3,6 / 1,4): Wurde nach durchweg enttäuschenden Leistungen von uns zur Pfeife der Hinrunde gewählt. Machte bei seinen ersten beiden Auftritten der Rückserie eine deutlich bessere Figur, kam verletzungsbedingt nach dem 21. Spieltag nicht mehr zum Einsatz.

Marco Fritz (8. / 2,9 / 1,1): Eine der wenigen positiven Überraschungen dieser Spielzeit. Verzichtet auf selbstgefälliges Gehabe und überzeugt durch gelassenes Auftreten. Hier und da mit dem einen oder anderen Fehler zu viel. Dennoch eine sehr vorzeigbare Saison. Zu Recht zum FIFA-Schiedsrichter befördert.

Peter Gagelmann (10. / 3,1 / 1,0): Geriet zuletzt in den Mittelpunkt der Diskussionen (s.o.), ist zum Ende seiner Karriere aber zu einem absolut soliden Bundesliga-Schirigereift. Fiel in der zurückliegenden Spielzeit nur selten auf und darf das Plus für sich verbuchen. Darf seine Klasse jetzt im Pokalfinale beweisen.

Manuel Gräfe (20. / 3,6 / 1,7): Eine komplett verkorkste Saison des letztjährigen Schiedsrichters des Jahres - nicht nur wegen der höchsten Fehlerquote der deutschen Erstliga-Referees. Bei 7 seiner 17 Auftritte stand eine Note von 4 oder schlechter zu Buche. Stand zudem nicht zu seinen Fehlern und muss sich den Vorwurf der Uneinsichtigkeit gefallen lassen.

Robert Hartmann (22. / 3,8 / 1,6): Hat in seiner zweiten Saison seine Eignung als Erstliga-Schiedsrichter nicht unter Beweis stellen können. Wirkte oftmals unübersehbar verunsichert und lag mit seinen Entscheidungen zuweilen komplett daneben. Auf lange Sicht wohl ohne Perspektive in der Bundesliga.

Thorsten Kinhöfer (14. / 3,3 / 1,0): Eine höchst mittelprächtige Saison des Herners, die ihren negativen Höhepunkt mit dem desaströsen Auftritt am Schlussspieltag erfuhr. Schafft es nach wie vor nicht, Ruhe und Besonnenheit auszustrahlen.

Knut Kircher (1. / 2,5 / 0,7): Die personifizierte Gelassenheit. Bei hitzigen Spielen der Fels in der Brandung. Durch nichts aus der Ruhe zu bringen und genau deshalb ein Klasse-Schiedsrichter. Wurde zu Recht mit der Leitung des Topspiels am 30. Spieltag zwischen dem BVB und dem FC Bayern betraut und machte seine Sache gewohnt sicher. Von wenigen schwachen Spielen abgesehen eine absolut überzeugende Spielzeit des Schwaben. Unser Top-Mann der Spielzeit 2011/2012.

Florian Meyer (2. / 2,5 / 0,5): Der Kommunikator unter den Schiedsrichtern. Steigerte sich nach schwachem Start deutlich und überzeugte vor allem durch Gelassenheit und Sachlichkeit. Weist die mit Abstand geringste Fehlerquote auf, erlaubte sich am letzten Spieltag ungewohnte Schwächen. Dennoch eine sehr starke Saison.

Günter Perl (4. / 2,9 / 0,9): Die Solidität in Person. Stellt sich selbst nie in den Vordergrund des Geschehens und überzeugt mit beschwichtigender Gestik. Eine von wenigen Patzern abgesehen sehr ordentliche Saison des Müncheners.

Babak Rafati (17. / 3,5 / 1,3): Lieferte bei seinen vier Auftritten dieser Saison insgesamt passable Leistungen ab. Kam nach seinem Suizidversuch nicht weiter zum Einsatz und wird zukünftig auch nicht mehr als Schiedsrichter im Profi-Fußball tätig sein.

Markus Schmidt (19. / 3,5 / 1,1): Vermag es weiterhin nicht, Sicherheit auszustrahlen. Körpersprache und Kommunikation gehören nach wie vor nicht zu seinen Stärken. Bleibt nach einer mittelprächtigen Saison einer der schwächeren Erstliga-Schiedsrichter.

Peter Sippel (13. / 3,2 / 0,9): In der Hinrunde mit z.T. grotesk schlechten Leistungen. Erhielt vom DFB eine Denkpause von fünf Spieltagen. Präsentierte sich in der Rückserie deutlich verbessert, wenngleich seine Körpersprache noch immer erstligaunwürdig ist. Wird seine Karriere voraussichtlich nach dieser Spielzeit beenden.

Wolfgang Stark (5. / 2,9 / 0,7): Gilt noch immer als Deutschlands Vorzeige-Schiri, ist aber gerade auf Bundesliga-Ebene nicht unumstritten. Übertreibt es zuweilen mit seinem Feldherren-Habitus, wirkt wichtigtuerisch. Aufgrund seiner Erfahrung aber noch immer eine der besseren deutschen Unparteiischen. Eine alles in allem gelungene Saison des FIFA-Referees.

Tobias Stieler (15. / 3,3 / 1,7): Wurde in der Winterpause zum Erstliga-Schiedsrichter befördert. Kam dreimal zum Einsatz und machte seine Sache überwiegend ordentlich. Muss seine Fähigkeiten aber erst noch in einer gesamten Saison unter Beweis stellen.

Tobias Welz (3. / 2,8 / 0,9): DIE Überraschung dieser Saison. Erarbeitete sich mit einigen starken Auftritten ein gutes Standing beim DFB, der ihn inzwischen regelmäßig bei Erstligaspielen einsetzt. Sollte noch etwas an seiner Körpersprache feilen und auf Befehlshaber-Gestik verzichten. Eine der wenigen echten Nachwuchshoffnungen.

Michael Weiner (11. / 3,2 / 1,2): Gilt als Oberlehrer unter den Schiedsrichtern und hat sich diesen Ruf durch unnötige Strenge hart erarbeitet. Blieb in der Rückrunde kein einziges Mal fehlerfrei. Eine eher durchwachsene Saison des Niedersachsen.

Markus Wingenbach (17. / 3,5 / 0,9): Ergänzungsschiedsrichter, dem man von Seiten des DFB nicht viel zutraut. Lieferte zu Saisonbeginn prima Leistungen ab, ließ im Laufe der Saison bei seinen wenigen Einsätzen aber erschreckend nach. Muss dringend an seiner Körpersprache arbeiten. So nicht erstligatauglich.

Guido Winkmann (11. / 3,2 / 0,7): Pendelte zwischen Kreisklasse und Champions League. Lieferte sehr solide Partien ab, um sich am Folgespieltag wieder um Kopf und Kragen zu pfeifen. Hat das Potential zu einem ordentlichen Erstliga-Referee, muss aber noch konstanter werden.

Felix Zwayer (9. / 3,1 / 1,0): Hat hier und da seine Klasse andeuten können und ist einer der wenigen Hoffnungsträger der deutschen Schiedsrichter-Zunft. Für seine 31 Jahre schon mit bemerkenswert souveränem Auftreten. Mitunter noch etwas zu fehleranfällig.

(in Klammern: Platzierung / Durchschnittsnote / Fehlerquote)

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