Schiri-Check 1 - Saison 2011/2012

Zwei Junge in Front – Kircher beispielhaft

Von Patrick Völkner
Mittwoch, 07.09.2011 | 22:45 Uhr
In unserer neuen Reihe beleuchten wir die Leistungen der Bundesliga-Schiedsrichter
© getty
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Thorsten Kinhöfer, Wolfgang Stark, Knut Kircher - sie alle standen an den ersten vier Bundesliga-Spieltagen wieder einmal im Mittelpunkt der Kritik. Zu Recht? In unserer neuen Reihe Schiri-Check werfen wir in regelmäßigen Abständen einen Blick auf die deutsche Schiedsrichtergilde. Wir analysieren ihre Leistungen, hinterfragen die Ansetzungen und geben einen stets aktuellen Überblick über die Bundesliga-Referees.

Grundlage der Bewertung ist das faktenbasierte SPOX-Bewertungssystem für die Unparteiischen. Die Schiedsrichter-Noten orientieren sich dabei zunächst an der Zahl der Fehlentscheidungen, berücksichtigen darüber hinaus aber auch den Schwierigkeitsgrad der zu leitenden Partie. Richtige Bewertungen kniffliger Entscheidungen fallen dabei ebenso ins Gewicht wie eine sichere und souveräne Spielleitung. Die wichtigsten Infos über die Bundesliga-Unparteiischen sind dabei jeweils in unserem Schiri-Update zusammengefasst.

In der ersten Ausgabe bilanzieren wir die Schiedsrichterleistungen im Monat August (Spieltag 1 bis 4) und liefern wissenswerte Hintergrundfakten für die anstehenden Bundesligawochen:

Erfreulicher Auftakt: Mögen auch einige Fans mit dem Auftakt ihres Lieblingsklubs gehadert haben, so verlief der Saisonstart für die Unparteiischen durchaus erfreulich. Lediglich drei Fehlentscheidungen standen am ersten Spieltag der neuen Spielzeit zu Buche (im Gegensatz zu zehn Fehlern am Auftaktspieltag der Vorsaison).

Zweimal verzichteten die Referees dabei auf die jeweils zwingend gebotene Verwarnung: Günter Perl ließ bei der Schwalbe des Bremers Lukas Schmitz die Gelbe Karte ebenso stecken wie Thorsten Kinhöfer, der nach Emanuel Pogatetz' Foul an Fabian Johnson zwar korrekterweise auf Elfmeter entschied, von der an sich unumgänglichen persönlichen Strafe (Gelb oder Rot, beides war hier vertretbar) jedoch absah. Babak Rafati schließlich irrte, als er Mario Gomez bei dessen Alleingang wegen vermeintlicher Abseitsstellung zurückpfiff.

An den ersten vier Spieltagen lagen die Unparteiischen insgesamt 24 Mal daneben. Zum gleichen Zeitpunkt der zurückliegenden Spielzeit musste man dagegen schon 34 klare Fehlentscheidungen konstatieren. Bei einer Quote von 0,67 Fehlentscheidungen pro Partie und einer Durchschnittsnote von 2,81 für die Schiedsrichter fällt das erste Zwischenfazit nach vier Spieltagen positiv aus.

Dabei deutet sich auch eine strengere Linie der Unparteiischen an, die gerade bei den persönlichen Strafen härter durchgreifen als zuletzt. Insgesamt 134 Mal wurde an den ersten vier Spieltagen Gelb gezückt, in der Vorsaison waren es zum gleichen Zeitpunkt nur 106 Verwarnungen.

Sechs Spieler wurden bislang des Feldes verwiesen (2010/2011: fünf nach vier Spieltagen). Dabei fällt ins Auge, dass die sechs Platzverweise von lediglich drei Schiedsrichtern ausgesprochen wurden. Wolfgang Stark (2 x Rot), Manuel Gräfe (2x Gelb-Rot) und Peter Gagelmann (1x Rot, 1x Gelb-Rot) schickten je zwei Spieler in die Kabine, lagen mit ihren Entscheidungen aber grundsätzlich richtig.

Peter Gagelmann hätte Khalid Boulahrouz nach dessen obszöner Geste im Spiel gegen Leverkusen allerdings glatt Rot statt der Ampelkarte zeigen müssen.

Unglücklich, unsicher: Dass eine weitgehend fehlerfreie Leistung nicht zwingend mit einer optimalen Spielleitung gleichzusetzen ist, zeigte sich am 1. Spieltag in Hannover. Schiedsrichter Thorsten Kinhöfer lag über die 90 Minuten nur einmal daneben, als er Pogatetz' Foul an Johnson nicht ahndete (s.o.). Für ihn reichte es gleichwohl nur zur SPOX-Note 4,5.

Seine missverständliche Gestik vor Schlaudraffs Freistoß, die den Anschein erweckte, er würde das Spiel per Pfiff wieder freigeben wollen, sorgte für lange Diskussionen um seine Person. Kinhöfer zeigte jedoch kein Verständnis für den Unmut der Hoffenheimer Spieler, deren Ärger man als neutraler Beobachter gleichwohl nachvollziehen konnte. Denn Kinhöfers Vorgehen war zwar regelkonform, aber in jedem Falle äußerst unglücklich.

Auch Kinhöfers Kollege Guido Winkmann wusste, ohne dass ihm schwerwiegende Fehler unterliefen, bei seinem Saisondebüt nicht zu überzeugen.

Winkmann, der am 2. Spieltag mit der Leitung der Partie zwischen Schalke und Köln betraut war, lag in allen wichtigen Situationen regeltechnisch richtig (der Handelfmeter gegen die Gäste war zwar hart, aber vertretbar). Seine Spielleitung wurde dennoch nur mit der Note 4,0 bewertet, da Winkmann sowohl bei der Vorteilsauslegung als auch bei der Zweikampfbewertung deutliche Schwächen offenbarte.

Zwei Junge ganz vorn: In der Notenskala liegen nach vier Spieltagen mit Tobias Welz und Markus Wingenbach zwei Referees der jüngeren Garde in Front. Die beiden Schiedsrichter, die 2009 bzw. 2010 in die Liste der Erstliga-Unparteiischen aufgenommen wurden, kamen bislang zwar erst zu einem Einsatz.

Doch sowohl Welz (beim Gastspiel der Augsburger in Lautern) als auch Wingenbach (bei Augsburgs Heimniederlage gegen Hoffenheim) lieferten jeweils eine tadellose Leistung ab und entschieden auch knifflige Situationen stets korrekt. Ihre souveränen Auftritte wurden folgerichtig mit der Note 1,0 bedacht.

Der dienstjüngste Erstligareferee Robert Hartmann, der erst im Februar zu seinem Bundesligadebüt kam, machte bei seinem bislang einzigen Auftritt in dieser Saison (Hannover gegen Hertha) eine ungleich schlechtere Figur. Hartmann verweigerte Panders Freistoßtor wegen eines vermeintlichen Foulspiels fälschlicherweise die Anerkennung und wirkte während der gesamten Spielleitung auffallend unsicher. Mit der Note 5,0 bildet er vorerst das Schlusslicht unserer Schiedsrichtertabelle.

Hartmann teilt sich die Rote Laterne derzeit mit Florian Meyer, neben Wolfgang Stark und Dr. Felix Brych einer von drei deutschen Schiedsrichtern in der Elite-Gruppe der UEFA. Meyer absolvierte verletzungsbedingt erst am 4. Spieltag beim Heimspiel des HSV gegen den 1. FC Köln sein Saisondebüt und überzeugte nicht.

Bei der insgesamt wenig souveränen Darbietung, die mit der Note 5,0 bewertet wurde, fielen zwei klare Fehlentscheidungen ins Gewicht: Der Abseitspfiff gegen Petric zu Beginn der Partie war genauso falsch wie die Elfmeterentscheidung (Geromel gegen Aogo), die wenig später zum 1:0 des HSV führte.

Kommunikation ist (fast) alles: Mit der Durchschnittsnote 3,3 liegt Knut Kircher derzeit im unteren Mittelfeld der Bewertungsskala. Ausschlaggebend für die durchwachsene Benotung des erfahrenen FIFA-Referees waren zwei klare Fehlentscheidungen in der Partie zwischen dem VfL Wolfsburg und dem FC Bayern: Helmes stand vor seinem Tor deutlich nicht im Abseits und Riberys Stoßen gegen Mandzukic war zumindest gelbwürdig.

Was die eigentliche Spielleitung angeht, und dabei vor allen Dingen die Kommunikation mit den Akteuren auf dem Platz, machte Kircher indes eine mitunter herausragende Figur. Gerade beim zeitweilig hektischen und hitzigen Gastspiel der Lauterer in Köln wusste der Unparteiische aus Rottenburg die Profis durch ein wohltuend besonnenes und unaufgeregtes Auftreten zu beschwichtigen.

Am Beispiel von Knut Kircher zeigt sich, wie wichtig eine bestimmte aber eben doch auch freundliche und deeskalierende Ansprache für einen guten Schiedsrichter ist.

Dies scheint auch Top-Referee Wolfgang Stark inzwischen wieder besser verinnerlicht zu haben. Stark, der nach der Hinrunde der Vorsaison von den Spielern wegen seines mitunter selbstgefälligen Auftretens zum schlechtesten Schiedsrichter der Liga gewählt wurde, agiert nunmehr deutlich entspannter und unaufgeregter.

Auch in seinem Falle verhinderten unübersehbare Fehlentscheidungen eine bessere Bewertung als die bislang zu Buche stehende 3,0.

Anerkennenswert ist jedoch, dass Stark - wie unlängst nach dem unterlassenen Platzverweis gegen Mats Hummels - öffentlich einen Fehler eingesteht. Der kommunikative Umgang mit den Medien passt dabei zu Starks verändertem Selbstverständnis und dürfte sich auf die Wahrnehmung der Schiedsrichter insgesamt positiv auswirken.

Alle durften ran: Entgegen anderslautenden Gerüchte verzichtete der Schiedsrichterausschuss des DFB in der Sommerpause darauf, zusätzliche Schiedsrichter für die Bundesliga zu nominieren. Auch die angedachte Beförderung von Bibiana Steinhaus wurde bis auf weiteres aufgeschoben.

So stehen nach dem Karriereende von Marc Seemann vorerst nur 21 Schiedsrichter als Spielleiter für die Eliteklasse zu Verfügung, die an den bisherigen vier Spieltagen allesamt zum Einsatz kamen.

Auffallend dabei insbesondere, dass der Bremer Schiedsrichter Peter Gagelmann bereits drei Mal eingesetzt wurde und damit den Eindruck der Vorsaison festigt, im Schiedsrichterausschuss neuerdings eine besondere Wertschätzung zu genießen. Denn Gagelmann, seines Zeichens ältester Erstligaschiedsrichter, gleichwohl nie als FIFA-Referee im Einsatz, wird inzwischen regelmäßig mit der Leitung von Topbegegnungen betraut.

So pfiff er u.a. die Partie zwischen Stuttgart und Leverkusen sowie Bayerns Gastspiel auf dem Betzenberg und machte seine Aufgabe jeweils ordentlich (Durchschnittsnote 2,8).

Im Gegensatz zu Peter Gagelmann besitzt Babak Rafati das Privileg, das Trikot mit dem FIFA-Emblem tragen zu dürfen. Doch in der zurückliegenden Saison konnte der Hannoveraner Referee nur selten internationale Klasse beweisen und kam aufgrund zahlreicher Fehlentscheidungen nur zu neun Erstligaeinsätzen.

An den ersten vier Spieltagen der neuen Spielzeit wurde Rafati jedoch gleich wieder zweimal angesetzt und konnte das in ihn gesetzte Vertrauen rechtfertigen. In beiden Partien lag er jeweils nur einmal daneben, wirkte bei der Spielleitung aber deutlich souveräner als bei seinen Auftritten in der zurückliegenden Spielzeit. Mit der Durchschnittsnote 2,5 rangiert Rafati derzeit auf Platz 7 unserer Bewertungsskala.

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