Schiri-Check 5 - Saison 2011/2012

Doch nur Durchschnitt

Von Patrick Völkner
Donnerstag, 16.02.2012 | 21:21 Uhr
Schiedsrichter des Jahres Manuel Gräfe konnte diesen Titel bislang noch nicht bestätigen
© Getty
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In unserer Reihe Schiri-Check werfen wir in regelmäßigen Abständen einen Blick auf die deutsche Schiedsrichtergilde. Wir analysieren ihre Leistungen, hinterfragen die Ansetzungen und geben einen stets aktuellen Überblick über die Bundesliga-Referees. So herausragend seine Leistungen in der Vorsaison waren, so enttäuschend sind seine Auftritte in der laufenden Saison: Manuel Gräfe kann seine Ernennung zum Schiedsrichter des Jahres 2011 derzeit nur selten rechtfertigen. Außerdem im Fokus: die mutigen Ansetzungen des Schiedsrichter-Ausschusses.

Ordentlich: Nach den miserablen Leistungen im Herbst und den positiven Eindrücken gegen Ende der Hinserie haben sich die Schiedsrichterdarbietungen zu Beginn des Jahres auf durchwachsenem Niveau eingependelt. Zwar gab es an den ersten beiden Rückrundenspieltagen im Schnitt wieder mehr als eine Fehlentscheidung pro Partie (jeweils 1,1). Bei einer Durchschnittsnote von 3,1 lassen sich die Darbietungen der Unparteiischen bislang aber zumindest als ordentlich bezeichnen.

Auffallend dabei: Die drei deutschen Schiedsrichter der UEFA-Elitegruppe warteten fast durchweg mit überzeugenden Leistungen auf.

So lieferte Wolfgang Stark bei seinen beiden Auftritten im neuen Jahr (Hamburg - Dortmund, 18. Spieltag, und Kaiserslautern - Köln, 20. Spieltag) jeweils einen fehlerfreien und souveränen Auftritt ab, ohne dabei freilich sein gewohnt autoritäres Gebaren abstreifen zu können. Florian Meyer präsentiert sich weiterhin in starker Verfassung und beeindruckt durch seine vorbildliche Kommunikation mit den Akteuren auf dem Platz. Mit der Durchschnittsnote 2,3 liegt er nach wie vor unangefochten in Front.

Allein Dr. Felix Brych leistete sich den einen oder anderen Fauxpas. In der Partie zwischen Schalke 04 und dem VfB Stuttgart (18. Spieltag) hatte der Münchener Referee das Spielgeschehen zwar größtenteils im Griff, pfiff Huntelaars Treffer aber wegen vermeintlicher Abseitsstellung fälschlicherweise ab.

Zwei Wochen später im Match zwischen dem SC Freiburg und Werder Bremen (20. Spieltag) leistete sich Brych dann zwei dicke Böcke, als er sowohl ein schweres Foul von Pizarro als auch ein absichtliches Handspiel von Jendrisek ungeahndet ließ. Zwei offensichtliche Fehlentscheidungen, wie man sie von dem sonst so aufmerksamen Brych nicht gewohnt ist.

(Über-)Mut: Nicht nur die Leistungen der Referees sorgen mitunter für Kopfschütteln unter den Fans. Auch die Schiedsrichter-Ansetzungen geben manchmal zu Ratlosigkeit Anlass. So offenbart der zuständige Schiedsrichter-Ausschuss des DFB unter Leitung von Ex-Schiri Herbert Fandel durchweg Kreativität und Mut, wenn es um die Benennung der Spielleiter geht.

Besonders mutig erschien dabei die Entscheidung, für das erste Samstagabend-Topspiel des neuen Jahres ausgerechnet den Unparteiischen mit der geringsten Erfahrung anzusetzen. Der Mut, den jungen Robert Hartmann mit der Leitung der Partie zwischen dem 1. FC Kaiserslautern und Werder Bremen am 18. Spieltag zu betrauen, sollte denn auch nicht belohnt werden.

Der 32-jährige Referee war mit der zeitweise hektischen Partie heillos überfordert und vermittelte zu keiner Zeit den Eindruck von Souveränität. Von den insgesamt fünf Fehlentscheidungen, die Hartmann an jenem Abend unterliefen (darunter neben einem übersehenen Handelfmeter zwei unterlassene Verwarnungen gegen Ignjovski und Schmitz sowie ein übersehenes Foulspiel an Pizarro) fiel ein Patzer besonders ins Gewicht.

Kouemahas Fallrückzieher gegen Prödl, der die Rücksichtslosigkeit des Lauterers mit einer schweren Gesichtsverletzung bezahlte, hätte zwingend mit Gelb und Elfmeter geahndet werden müssen. Hartmann jedoch verzichtete auf beides und komplettierte damit den schwachen Eindruck in seinem neunten Erstligaspiel, das mit der SPOX-Note 6 bedacht wurde.

Auch am folgenden Spieltag bewies der Ausschuss Mut bei der Schiedsrichteransetzung für das Samstagabend-Topspiel. Mit Dr. Jochen Drees wurde ein Referee für die Partie zwischen dem 1. FC Köln und Schalke 04 nominiert, der in der Hinrunde nicht zu überzeugen wusste und eine der höchsten Fehlerquoten aller Unparteiischen aufwies (1,7).

Fandels Kühnheit sollte sich diesmal jedoch nicht rächen. Dr. Drees lieferte eine solide Partie ab und lag nur einmal daneben, als er Schalkes Jurado wegen vermeintlicher Abseitsstellung fälschlicherweise zurückpfiff und ihm so eine Großchance nahm. Ansonsten lag der rheinland-pfälzische Referee durchweg richtig und verdiente sich die SPOX-Note 2,5.

Trotz allen Mutes verzichtete Herbert Fandel jedoch bislang darauf, seinen Schiedsrichter-Novizen einzusetzen. Tobias Stieler, in der Winterpause zum Erstliga-Referee befördert, war an den ersten vier Rückrundenspieltagen nur als Assistent und Vierter Offizieller im Einsatz. Die Leitung eines Bundesligaspiels war ihm bis dato nicht vergönnt. Er ist deshalb auch noch nicht in unserem Schiri-Update aufgeführt.

Uneinsichtig: Für Befremden sorgt indes weiterhin das Auftreten des amtierenden Schiedsrichters des Jahres Manuel Gräfe auf und neben dem Platz. Der Berliner Referee rangiert mit der Durchschnittsnote 3,6 und der zweithöchsten Fehlerquote (nach Robert Hartmann) auf Platz 19. Gräfe, der in der Hinrunde nur selten zu überzeugen wusste, leistete sich einen klassischen Fehlstart in die Rückserie.

Bei der Partie zwischen dem FC Augsburg und dem 1. FC Kaiserslautern am 19. Spieltag unterliefen ihm drei klare Fehlentscheidungen. Zunächst übersah er ein offensichtliches Halten von Tiffert gegen de Jong, um dann Jörgensen trotz taktischen Fouls nicht zu verwarnen und schließlich einen schwerwiegenden Fauxpas zu begehen: Brinkmanns Einschreiten gegen Jörgensen in der Schlussminute war - für jedermann sichtbar - ein eindeutiges Foulspiel und hätte zwingend einen Strafstoßpfiff nach sich ziehen müssen.

Schlimmer als die Fehlentscheidung an sich wog jedoch Gräfes Erklärung im Anschluss an die Partie. So hielt der Referee auch nach Betrachten der Fernsehbilder an seiner Entscheidung fest und wollte kein elfmeterreifes Foulspiel gesehen haben. Eine Meinung, die Gräfe exklusiv haben dürfte. Gräfes Statement ist umso bemerkenswerter, als er sich diese Saison schon einmal der Vorwurf der Uneinsichtigkeit gefallen lassen musste.

Nach der Partie zwischen dem VfB Stuttgart und Borussia Dortmund am 11. Spieltag behauptete Gräfe, ein elfmeterreifes Foulspiel von Molinaro gegen Götze habe nicht vorgelegen, obwohl sämtliche TV-Perspektiven eine andere Sprache sprachen. In Augsburg nun verpasste Gräfe erneut die Chance, Größe zu zeigen und seinen Fehler unumwunden einzugestehen. Eines Schiedsrichters des Jahres unwürdig.

Bei der Leitung des Topspiels zwischen Borussia Mönchengladbach und dem FC Schalke 04 am zurückliegenden Spieltag lieferte Gräfe indes seit langem endlich wieder einmal eine gute Leistung ab. Der 38-jährige Unparteiische lag in allen wichtigen Szenen richtig und hatte die Partie jederzeit sicher im Griff (SPOX-Note 2).

Kinhöfers Karten: Manuel Gräfe ist zudem der bislang kartenfreudigste aller Erstliga-Schiedsrichter. Mit einem Schnitt von 5,0 Gelben Karten pro Match weist der Berliner Referee die bisher höchste Quote an Verwarnungen auf. Er liegt damit noch vor Thorsten Kinhöfer, der sich im Spiel zwischen Bayer Leverkusen und dem VfB Stuttgart (20. Spieltag) jedoch redlich mühte, die Zahl seiner Verwarnungen in die Höhe zu schrauben.

Kinhöfer, in der vergangenen Saison einer der wenigen Schiedsrichter mit einer höheren Verwarnungsquote als Gräfe, hatte die Partie zunächst gut im Griff und sah in der 1. Halbzeit gänzlich von persönlichen Strafen ab. Nach dem Seitenwechsel allerdings verlor der 43-jährige Unparteiische zusehends die Kontrolle und verfiel in einen regelrechten Kartenrausch.

Dabei war zwar keine der sieben Verwarnungen genauso wie die Ampelkarte gegen Kadlec als klare Fehlentscheidung zu werten. Doch mit etwas mehr Fingerspitzengengefühl und Gelassenheit hätte Kinhöfer auf die eine oder andere Gelbe Karte verzichten und das Spiel damit vor unnötiger Hektik bewahren können.

Der Platzverweis gegen Molinaro in der Schlussminute muss hingegen als Fehlentscheidung bezeichnet werden. Der Stuttgarter Linksverteidiger traf Schürrle nicht im Gesicht und agierte weder absichtlich noch rücksichtslos.

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