Schiri-Check 4 - Saison 2011/2012

Rekordhalter Dr. Drees

Von Alexander Marx
Dienstag, 20.12.2011 | 18:38 Uhr
Dr. Jochen Drees pfiff in der Hinrunde wenig überzeugend
© Getty
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In unserer Reihe Schiri-Check werfen wir in regelmäßigen Abständen einen Blick auf die deutsche Schiedsrichtergilde. Wir analysieren ihre Leistungen, hinterfragen die Ansetzungen und geben einen stets aktuellen Überblick über die Bundesliga-Referees. In Ausgabe 4 küren wir die Pfeife der Hinrunde und ehren den Top-Schiri der ersten Halbserie.

Mussten wir zuletzt noch miserable Schiedsrichterleistungen konstatieren, so können wir nunmehr vorsichtige Entwarnung geben. Die Leistungen der Referees wurden stärker, gaben jedoch nicht immer Anlass zur Freude. Wir schauen zurück auf die Hinrunde der Schiedsrichter und benennen die Tops und die Flops:

Es geht doch: Nach den schwachen, zuweilen abenteuerlich-schlechten Leistungen im Herbst zeigten sich die Schiedsrichter an den vergangenen Spieltagen deutlich verbessert. So lag die Durchschnittsnote an den vergangenen vier Spieltagen jedes Mal im 2er Bereich, während die Fehlerquote pro Spiel jeweils eine Null vor dem Komma aufwies.

Insgesamt müssen die Schiedsrichterleistungen der Hinrunde jedoch als höchst durchwachsen bezeichnet werden. Dies äußert sich weniger in der Fehlerquote, die sich mit 1,05 noch im akzeptablen Bereich aufhält, als vielmehr im Gesamterscheinungsbild: Die Unparteiischen der Bundesliga wirkten - gerade im Herbst - auffallend unsicher und gaben zumeist einen wenig souveränen Eindruck ab. Sowohl auf als auch neben dem Spielfeld präsentierten sich die Referees mitunter höchst verkniffen und wanden sich, wenn es darum ging, eigene Fehler einzugestehen.

Einem Manuel Gräfe stünde es sicher nicht schlecht zu Gesicht, sich offen zu einer Fehleinschätzung zu bekennen, anstatt sich wie nach dem Spiel zwischen dem VfB Stuttgart und Borussia Dortmund (11. Spieltag) in Ausreden zu verlieren. Der 38jährige Berliner, Mitte des Jahres noch zum Schiedsrichter des Jahres gewählt, weist zudem mit 1,9 die höchste Fehlerquote aller Erstligareferees auf und ist in dieser Saison bislang eine einzige große Enttäuschung.

Hoffnung macht da allein die Entwicklung der letzten Wochen, in denen die Unparteiischen vergleichsweise entspannt agierten und mit ihren Entscheidungen zumeist ins Schwarze trafen. Stellvertretend dafür sei nur die Leistung von Günter Perl in der Partie zwischen dem SC Freiburg und Borussia Dortmund am letzten Hinrunden-Spieltag genannt. Perl behielt, obwohl mehrfach von seinen Assistenten Michael Emmer schmählichst im Stich gelassen, die Übersicht und erkannte Gündogans Treffer zum 1:2 korrekterweise an. Eine Abseitsstellung von Blaszczykowski lag - entgegen dem Zeichen des Assistenten - nicht vor, da der Ball vom Gegner kam (Rosenthal schießt Krmas an). Hervorragend gesehen von Perl.

Sollten die überwiegend erfreulichen Schiedsrichterleistungen der letzte Wochen weiter anhalten, dürfte am Ende der Saison eine bessere Durchschnittsnote als die 3,07 nach Abschluss der Hinserie zu Buche stehen.

Pfeife der Hinrunde: Doch trotz des positiven Trends der jüngeren Vergangenheit fielen auch an den zurückliegenden Spieltagen wieder einige schwache Schiedsrichterleistungen ins Auge.

So gab Peter Sippel, dem der DFB nach dessen hanebüchener Darbietung beim Spiel Schalke 04 - 1. FC Kaiserslautern (9. Spieltag) eine längere Denkpause verordnet hatte, bei seinem ersten Auftritt nach sieben Wochen wiederum keinen überzeugenden Eindruck ab. Im Spiel zwischen dem VfL Wolfsburg und dem FSV Mainz 05 (15. Spieltag) irrte der Münchener Referee zweimal, als er Hasebe die Ampelkarte zeigte und Benaglios Einsteigen gegen Ivanschitz nicht mit Gelb ahndete. Da sich Sippel in dem leicht zu leitenden Spiel keine weiteren Fehler erlaubte, wurde seine Leistung immerhin noch mit der SPOX-Note 4,0 bewertet.

Dr. Jochen Drees lieferte bei der Leitung der Partie zwischen Freiburg und Hannover (15. Spieltag) zwar eine ordentliche Leistung ab, fiel eine Woche später aber wieder in seinen Trott dieser Saison zurück. Im Spiel zwischen dem 1. FC Nürnberg und 1899 Hoffenheim (16. Spieltag) gab Drees zwei überzogene Platzverweise (Chandler, Compper) und machte darüber hinaus keine souveräne Figur (SPOX-Note 4,0).

Mit einer Durchschnittsnote von 3,9 und einem Fehlerschnitt von 1,7 liegt Drees zwar noch vor seinem Kollegen Sippel, hinterließ aber insgesamt einen nicht minder schwachen Eindruck. In fünf seiner bislang sieben Auftritte wurde Drees mit der Note 4 oder schlechter bewertet. Nur selten wusste er zu überzeugen und legte mit fünf Fehlentscheidungen in einem Spiel bei der Partie zwischen Köln und Hannover am 9. Spieltag auch den bisherigen Saisonnegativrekord ab. Uns bleibt daher keine Wahl: Dr. Drees ist die Pfeife der Hinrunde.

Schiri der Hinrunde: Top-Schiedsrichter der Hinrunde ist dagegen Florian Meyer. Der niedersächsische Referee, der bei seinem Saison-Debüt am 4. Spieltag noch mit einer höchst unglücklichen Leistung aufwartete (Hamburg - Köln, SPOX-Note 5,0), lieferte in der Folge eine herausragende Hinserie ab. Mit der Durchschnittsnote 2,3 liegt er nicht nur auf Platz 1 der Tabelle, sondern weist zudem auch die geringste Fehlerquote aller Erstligaschiedsrichter auf (0,4).

Sein Meisterstück lieferte Meyer bei der Leitung des Revierderbys ab am 14. Spieltag ab. Zwar waren nicht sämtliche Entscheidungen frei von Zweifel (der Freistoßpfiff vor dem 1:0 war zumindest fragwürdig), doch gelang es Meyer mit einer klaren, aber eben doch auch freundlichen Ansprache jederzeit für Ruhe zu sorgen. Genau hierin liegt letztlich auch der große Vorzug Florian Meyers, durch den er sich von vielen durchschnittlichen Erstligaschiedsrichtern abhebt. Meyer ist in der Lage, sich bei aller Entschiedenheit in der Sache noch immer ein gesundes Maß an Freundlichkeit und Lockerheit zu bewahren. Wie kaum ein anderer beherrscht er die Kunst der Deeskalation und eignet sich damit besonders zur Leitung brisanter Partien.

Eben jene Qualitäten bewies Meyer auch am Folgespieltag bei der Partie zwischen dem FC Bayern und Werder Bremen. Der 43jährige Unparteiische offenbarte zwar Schwächen bei der Zweikampfbewertung und lag gründlich daneben, als er Pizarros Ellenbogencheck gegen Badstuber ungeahndet ließ, hatte das zeitweise hitzige Match durch sein besonnenes Auftreten aber jederzeit im Griff.

Schiedsrichter wie Michael Weiner oder Deniz Aytekin, die allzu oft den Oberlehrer geben und zuweilen eine gewisse Hochnäsigkeit ausstrahlen, sollten sich an Meyer ein Beispiel nehmen. Überstrenge Gestik und überhebliches Auftreten sind selten der richtige Ansatz, um das Spiel unter Kontrolle zu halten. Ein bisschen Gelassenheit und Verbindlichkeit würde ihnen sicher nicht schaden.

Aufsteiger: Der Rat zu ein wenig mehr Lockerheit richtet sich auch an Tobias Welz. Der junge Unparteiische aus Wiesbaden wirkt zumeist noch verkrampft und scheut sich, eine lässige Ansprache an die Profis zu wählen. Dennoch ist Welz bislang einer der Aufsteiger der Saison und liegt - seiner geringen Fehlerquote von 0,9 sei Dank - auf Platz 4 der Tabelle.

Den besten Eindruck der jungen Referees vermittelte indes der Berliner Felix Zwayer. Zwar unterlief ihm zuletzt die eine oder andere Fehlentscheidung; vom Auftreten her und in der eigentlichen Spielleitung machte Zwayer indes zumeist eine gute Figur. Dies goutierte auch der DFB, der ihn in der Hinrunde insgesamt neun Mal ansetzte. Selbst so etablierte Unparteiische wie Wolfgang Stark oder Dr. Felix Brych brachten es nicht auf mehr Einsätze.

Auch wenn Zwayer noch nicht über die ganz große Persönlichkeit verfügt, die einen Schiedsrichter von internationalem Format ausmacht, so ist ihm doch als einem von wenigen eine Karriere auf europäischer Ebene zuzutrauen. Der DFB scheint ähnlich zu denken und versucht den Berliner Unparteiischen sukzessive aufzubauen, indem er ihn regelmäßig mit der Leitung von Toppartien betraut (zuletzt Borussia Mönchengladbach - Borussia Dortmund, 15. Spieltag).

Mit Platz 11 liegt Zwayer derzeit zwar im Mittelfeld der Tabelle, ist aber gleichwohl unser Aufsteiger der Hinrunde. Er genießt die Wertschätzung des DFB und besitzt das Potential, auf lange Sicht ein wirklich Guter zu werden.

Rafati: Für große Bestürzung sorgte vor kurzem der Suizid-Versuch von Babak Rafati, in dessen Zuge auch zahlreiche Mutmaßungen über die Beweggründe geäußert wurden. Dabei geriet auch die Frage, inwiefern der auf den Schiedsrichtern lastende Druck ein ausschlaggebender Faktor gewesen sein mag, in den Mittelpunkt.

Wir wollen uns an diese Spekulationen nicht beteiligen, glauben aber, dass eine faire, faktenorientiere Bewertung der Schiedsrichter für den Fußball insgesamt, aber auch für die Unparteiischen selbst förderlich ist. Die letzten Begutachtungen im Rahmen unseres Schiri-Checks hatten dabei im Übrigen gezeigt, dass Rafati nach schwächeren Auftritten in der zurückliegenden Saison wieder auf einem ordentlichen Niveau gepfiffen hat. Seine Leistungen bei seinen vier Spielleitungen dieser Spielzeit waren solide (Note 3,5).

Wir wünschen Babak Rafati, unabhängig von der Frage, ob er als Schiedsrichter in die Bundesliga zurückkehren wird, alles Gute.

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