DFB-Sportrichter Hans E. Lorenz im Interview

"Wenn wir sprechen, klatscht keiner"

Von Interview: Benedikt Treuer
Dienstag, 07.04.2015 | 12:47 Uhr
Hans E. Lorenz verhandelte im Februar unter anderem die Causa Jerome Boateng
© getty
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SPOX: Sie erklärten im Fall Jerome Boateng zuletzt, dass dieser nach dem Schalke-Spiel für zwei Partien gesperrt wurde, da der Elfmeter nach seiner Notbremse nicht zum Tor führte. Hätte Eric Maxim Choupo-Moting aber getroffen, wäre Boateng nur für ein Spiel gesperrt worden. Warum wird hier mit zweierlei Maß gemessen?

Lorenz: Die Rote Karte wird wegen des Eingriffs in den Wettbewerb gegeben. Wenn der Elfmeter verwandelt wird, ist dieser Eingriff kompensiert. Dann ist das passiert, was passiert wäre, wenn Boateng den Stürmer nicht festgehalten hätte.

SPOX: Es ist doch nicht definitiv gesagt, dass der Stürmer die Torchance vorher auch wirklich verwertet hätte?

Lorenz: Das nicht, aber der Eingriff in den Wettbewerb bleibt aufrechterhalten, wenn der Elfmeter nicht verwandelt wird. Demnach erhält der Spieler zwei Spiele Sperre. Geht der Ball rein, findet eine Kompensation statt, die den Wettbewerbsnachteil beseitigt. Dann greift die FIFA-Vorgabe, dass ein Spieler, der eine Rote Karte sieht, mindestens für ein Spiel gesperrt werden muss. Diese Regel können wir nicht aushebeln.

SPOX: Haben Sie manchmal das Gefühl, dass Paragraphen über den gesunden Menschenverstand gewinnen?

Lorenz: Der Richter ist grundsätzlich an Paragraphen gebunden und nicht vogelfrei. Er ist zwar einem Gewissen unterworfen, aber immer im Rahmen der geltenden Gesetze.

SPOX: Als endgültiger Entscheider urteilen Sie im schlimmsten Fall über Abstieg oder Klassenerhalt, wie 2012 bei den Ausschreitungen im Relegationsspiel zwischen Düsseldorf und Hertha BSC. Welche Auswirkungen hat das Bewusstsein von weitreichenden Konsequenzen auf die Urteilsfindung?

Lorenz: Es ist uns klar, dass dies sehr schwierige Urteile sind, mit all ihren Folgen und Konsequenzen. Sie haben existenzielle Bedeutung für die betroffenen Vereine, jedoch muss man sich davon frei machen. Wir beurteilen einen Sachverhalt, den es zuerst einmal festzustellen gilt. Dabei hat es keine Rolle zu spielen, ob es ein Relegationsspiel war, in dem es um Auf- und Abstieg ging, oder ein relativ belangloses Meisterschaftsspiel, in dem es nur darum geht, ob ein Verein Neunter oder Zehnter wird.

SPOX: Verständnis wurde Ihnen vonseiten der Hertha damals nur bedingt entgegengebracht.

Lorenz: Jeder Verein hat seinen Anhang. Natürlich treffen wir mit unseren Entscheidungen nicht nur den Verein und seine Funktionsträger, sondern auch die Anhängerschaft. Dazu zählen auch die Journalisten, die den Verein die ganze Saison über begleiten. Wir haben natürlich Verständnis, dass sie mitunter eine subjektive Sicht der Dinge haben. Aber das ist das Schicksal eines Richters, und wer damit nicht leben kann, muss sich einen anderen Job suchen.

SPOX: Kommentator Marcel Reif klagte zuletzt gegen den Fan-Hass, der ihm persönlich entgegengebracht wurde. Haben Sie schon einmal ähnliche Szenen erlebt oder aufgrund einer Entscheidung gar Drohungen erhalten?

Lorenz: Ich persönlich habe aufgrund von Entscheidungen noch keine Drohungen erhalten, dafür aber natürlich viele Beschwerden durch E-Mails oder Briefe. Früher, als ich selbst noch als Journalist tätig war, habe ich durchaus das Gewaltpotenzial von Fangruppen erlebt. Da war man oftmals froh, wenn man unbeschadet an diesen vorbeikam und das Auto keine Beulen davontrug.

SPOX: Wie beurteilen Sie da generell die Entwicklung von Gewalt in deutschen Fußballstadien? Sie sagten einmal, Tote seien nur eine Frage der Zeit.

Lorenz: Das habe ich in einer Hochphase vor einigen Jahren gesagt. In der Zwischenzeit hat sich eine Menge getan. Das würde ich heute nicht mehr so sagen. Alleine schon, weil die Rahmenbedingungen in den Stadien und um die Stadien herum besser geworden sind. Die Vereine sind organisierter und betreiben sehr viel intensive Fanbetreuung. Außerdem gibt es stark verbesserte Überwachungsanlagen.

SPOX: Wobei es dennoch immer wieder zu Ausschreitungen kommt. Jüngstes Beispiel war der 1. FC Köln.

Lorenz: Für Köln war nach den gravierenden Vorkommnissen beim Pokalspiel in Düsseldorf und der Partie in Mönchengladbach eigentlich ein Geisterspiel fällig. Im Endeffekt haben sie aber nur drei reduzierte Teilausschlüsse und eine Geldstrafe erhalten, weil sie den problematischen Fanclub rausgeschmissen haben. Der Verein hat eine Selbstreinigungsmaßnahme durchgeführt. Dadurch muss die Sportgerichtsbarkeit nicht mehr so massiv gegen den Verein vorgehen.

SPOX: Aktuell dreht sich im deutschen Profifußball aber alles um das sogenannte Teilzeitbefristungsgesetz. Ist das vorläufige Urteil im Fall Müller, der sich erfolgreich einen unbefristeten Vertrag eingeklagt hat, nachvollziehbar?

Lorenz: Es ist ein Urteil, gegen das Rechtsmittel eingelegt worden ist. Ganz allgemein kann man sagen: Dieses Urteil ist mit den Realitäten im Profifußball nur schwer vereinbar, aber es kann aufzeigen, dass der Gesetzgeber bei der Abfassung von Gesetzen möglicherweise nicht alle denkbaren Fälle im Auge hatte. So ein Urteil könnte dazu führen, dass das Gesetz an der einen oder anderen Stelle modifiziert wird.

SPOX: Bei allem Ernst und der Objektivität Ihres Jobs sind Sie für Ihren Humor bekannt. Hat Ihnen Stefan Kießling Ihre Anmerkung zur Einladung des DFB damals aber übel genommen?

Lorenz: Jeder hat seinen Stil, und so habe ich meinen. Ab und zu streue ich sicher einmal eine Bemerkung ein, die dazu dient, die Atmosphäre ein wenig aufzulockern. Es gibt keine Gerichtsverhandlung, bei der es nicht für alle Beteiligten gut ist, dass sie zwischendurch auch einmal lachen können - auch, wenn es um ganz schwierige und ernsthafte Dinge geht.

Seite 1: Lorenz über unanfechtbare Entscheidungen und die Dreifachbestrafung

Seite 2: Lorenz über den Fall Boateng und Gewaltentwicklung in deutschen Stadien

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