Dienstag, 07.04.2015

DFB-Sportrichter Hans E. Lorenz im Interview

"Wenn wir sprechen, klatscht keiner"

Rotsünder, Fan-Ausschreitungen, Auf- oder Abstieg: Hans E. Lorenz ist Vorsitzender des DFB-Sportgerichts und somit Entscheider in den wichtigen Fällen des deutschen Profifußballs. Mit SPOX spricht er über die Unanfechtbarkeit von Tatsachenentscheidungen, Für und Wider der Dreifachbestrafung und die Gewaltentwicklung in deutschen Stadien.

Hans E. Lorenz verhandelte im Februar unter anderem die Causa Jerome Boateng
© getty
Hans E. Lorenz verhandelte im Februar unter anderem die Causa Jerome Boateng

SPOX: Herr Lorenz, haben Sie eigentlich selbst einmal Fußball gespielt und sind dabei vom Platz gestellt worden?

Hans E. Lorenz: Ich habe in der Jugend einmal eine Zeitstrafe erhalten, weil ich mich in einem Auswärtsspiel geweigert habe, den Ball aus dem Kornfeld zu holen - mit der Begründung, das müsse der gastgebende Verein machen. Da wurde ich wegen Nichtbefolgung der Schiedsrichter-Anordnung für zehn Minuten des Feldes verwiesen. Das war natürlich eine völlig falsche Schiedsrichterentscheidung (lacht).

SPOX: Können Sie diese Entscheidung heute aus juristischer Sicht nachvollziehen?

Lorenz: Ich kann sie nachvollziehen, gleichwohl an meinem Argument sicher etwas dran war.

SPOX: Hauptamtlich sind Sie Vorsitzender Richter am Mainzer Landgericht. Sie leiteten unter anderem zwei der drei Hauptverfahren der Wormser Prozesse in den 90er Jahren. Wie schwer fällt Ihnen dieser Kontrast zwischen skrupelloser Kriminalität in der Gesellschaft und vergleichsweise lapidaren Sportvergehen im Profifußball?

Lorenz: Das fällt mir überhaupt nicht schwer. Es sind zwei unterschiedliche Gebiete. In beiden geht es darum, Sachverhalte zu erfassen, zu bewerten und in einem Urteil darzustellen. Die Verfahren einer großen Strafkammer sind in aller Regel deutlich aufwendiger als die der Sportgerichtsbarkeit. Ich habe in meinem Beruf mit Leuten zu tun, die sich auf irgendeinem Gebiet kriminell verhalten haben. Im Sport dagegen habe ich nicht mit Kriminellen zu tun, sondern mit Menschen, die in einer bestimmten Situation einmal eine Spielregel verletzt haben.

SPOX: Bedeutet die ehrenamtliche Arbeit beim DFB für Sie aber nicht auch zusätzlichen Stress in Ihrer eigentlichen Freizeit?

Lorenz: Es ist zunächst einmal ein Ausgleich. Meine Arbeit als Sportrichter ist eine gute Zusammenführung meiner Interessengebiete. Sie macht gelegentlich Spaß, jedoch gibt es natürlich auch oft sehr unangenehme Situationen, schließlich sind wir meistens die Überbringer negativer Botschaften. Wenn wir ein Urteil sprechen, klatscht keiner - egal, ob es mild oder hart ist.

SPOX: Wie 2013 beim Phantomtor von Stefan Kießling. Sie erkannten das Tor an und verweigerten so ein Wiederholungsspiel. Warum?

Lorenz: Weil die Tatsachenentscheidung des Schiedsrichters gilt, auch wenn sie falsch ist. Generell sage ich immer: Die Richter des Fußballs sind die Schiedsrichter und nicht wir. Sie treffen die Grundentscheidung, wir reagieren darauf und sind sozusagen die Richter der zweiten Reihe.

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SPOX: Sind diese Tatsachenentscheidungen beim DFB grundsätzlich nicht annullierbar?

Lorenz: Würde die Sportgerichtsbarkeit, im Bemühen um objektive Gerechtigkeit, jede Schiedsrichterentscheidung annullieren, korrigieren oder verbessern, ginge das an unserer Aufgabe vorbei. Wir sind kein Reparaturbetrieb für falsche Schiedsrichterentscheidungen. In jedem Spiel trifft ein Schiedsrichter Fehlentscheidungen - wenn er gut war, zwei bis drei unmaßgebliche, wenn er einen schlechten Tag hat, vier bis fünf maßgebliche. Wir alle müssen damit leben, dass der Schiedsrichter auch einmal eine falsche Tatsachenentscheidung trifft, bis auf wenige Ausnahmen.

SPOX: Welche sind das?

Lorenz: Wir machen dann eine Ausnahme, wenn der Schiedsrichter einem offensichtlichen Irrtum unterlegen ist, der für jedermann sofort erkennbar war. Beispiel: Die Nummer Sechs begeht im Strafraum ein Foulspiel. Im Tumult stellt der Schiedsrichter aber fälschlicherweise die Nummer Acht vom Platz, die gar nicht beteiligt war. Bei einem so groben Unrecht wird auch einmal eine Rote Karte annulliert und keine Sperre verhängt.

SPOX: Im Fall Kießling war es doch aber auch offensichtlich, dass der Ball von außen ins Netz fiel.

Lorenz: Nein, das war es nicht. Alle Beteiligten in diesem Spiel waren zunächst völlig unsicher, ob der Ball drin war oder nicht - Stefan Kießling, die Hoffenheimer Spieler und auch der Schiedsrichter Felix Brych. Einer der Assistenten sagte sogar aus, dass der Ball für ihn ganz klar drin war und er das auch dem Schiedsrichter kommuniziert habe. Der andere Linienrichter hatte es nicht genau gesehen. Es brauchte später die Zeitlupe im Fernsehen, um zu erkennen, dass es tatsächlich kein Tor war. Also lag nicht der Fall des offensichtlichen Irrtums vor. Den hätte es gegeben, wenn Kießling den Ball an die Eckfahne geschossen und Brych dann ein Tor gegeben hätte.

Wir sind meistens die Überbringer negativer Botschaften. Wenn wir ein Urteil sprechen, klatscht keiner - egal, ob es mild oder hart ist.

Hans E. Lorenz

SPOX: Freuen Sie sich, in Anbetracht dieser Problematik, auf den Einsatz der Torlinientechnik?

Lorenz: Die haben wir in diesem Zusammenhang auch gefordert. Mit der Torlinientechnik hätte es den Fall damals mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht gegeben. Man stelle sich nur einmal vor, ein solches Tor würde die Meisterschaft oder den Einzug in den internationalen Wettbewerb entscheiden. Da hängen Millionen von Euro dran. Aus diesem Grund halte ich die Torlinientechnik für absolut zeitgemäß und notwendig.

SPOX: Ebenfalls ein aktuelles Thema ist die Dreifachbestrafung. Wie stehen Sie als Richter dazu? Ein überarbeiteter Passus würde Ihnen doch sicherlich einige Diskussionen ersparen.

Lorenz: Ich bin mit der sogenannten Dreifachbestrafung nicht verheiratet. Wenn irgendjemand sagen würde, dass es für Notbremsen keine Roten Karten mehr gäbe, könnten wir sehr gut damit leben, schließlich würde es weniger Arbeit bedeuten. Andererseits muss man sehen, weshalb sie in den 80ern überhaupt eingeführt wurde: In dieser Zeit wurde jeder Stürmer, der sich dem Strafraum näherte, gnadenlos umgetreten. Um das Spiel wieder fairer zu gestalten und dem Stürmer mehr Chancen zu ermöglichen, hat die Vereitelung einer klaren Chance seitdem den Platzverweis zur Folge. Man erreichte dadurch eine Reduzierung der groben Fouls.

SPOX: Befürchten Sie bei einer Abkehr von der Dreifachbestrafung also eine Rückkehr zum überharten Fußball?

Lorenz: Es würde kein Jahr dauern, bis die alten Verhaltensweisen der Abwehrspieler wieder praktiziert würden. Insofern halte ich die sogenannte Dreifachbestrafung, die in meinen Augen keine solche ist, nicht für grob unfair.

Seite 1: Lorenz über unanfechtbare Entscheidungen und die Dreifachbestrafung

Seite 2: Lorenz über den Fall Boateng und Gewaltentwicklung in deutschen Stadien

Interview: Benedikt Treuer

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