Lieblingsschüler Raphaël Guerreiro glänzt - aber zwei Rivalen dürften sich wundern: Thomas Tuchels unglückliche Kommunikation beim FC Bayern München

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Lieblingsschüler Raphaël Guerreiro bescherte Thomas Tuchel einen wichtigen Sieg gegen Union Berlin. Mit seinen Aussagen im Rahmen der Partie dürfte der Trainer des FC Bayern München aber zwei seiner Spieler mindestens verwundert haben.

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Raphaël Guerreiro gilt als absoluter Lieblingsschüler von Thomas Tuchel. Die beiden arbeiteten einst bei Borussia Dortmund erfolgreich zusammen, später wollte ihn der Trainer vergeblich zu seinem damaligen Klub Paris Saint-Germain lotsen - beim FC Bayern fanden sie in diesem Sommer schließlich wieder zusammen.

Kaum in München angekommen, passierte aber das Erwartbare: Guerreiro verletzte sich. Nur wenige Topspieler sind dermaßen verletzungsanfällig wie der 30-jährige Portugiese. Muskelbündelriss, Comeback, Muskelfaserriss. Erst seit Mitte November ist Guerreiro wieder fit, seit Mitte Dezember ist er gesetzt. Fast ein bisschen unbemerkt erarbeitete sich Guerreiro einen Stammplatz. Derzeit gilt: Guerreiro spielt immer. In den vergangenen fünf Pflichtspielen durfte er stets beginnen.

Zunächst im zentralen Mittelfeld, weil Joshua Kimmich und Leon Goretzka fehlten. Dann an der Seite von Kimmich anstelle von Goretzka. Nach ordentlich-unspektakulären Auftritten empfahl sich Guerreiro mit seiner schwachen Leistung bei der 0:1-Pleite gegen Werder Bremen eigentlich für einen Platz auf der Ersatzbank. Guerreiros zweiter Vorteil (abgesehen von des Trainers Liebe) war aber: Linksverteidiger Alphonso Davies spielte gegen Bremen noch schlechter.

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FC Bayern: Raphaël Guerreiro zeigte gegen Union einen Gala-Auftritt

Folgerichtig nahm Tuchel Davies gegen Union Berlin aus der Startelf. Goretzka rotierte ins zentrale Mittelfeld, Guerreiro durfte erstmals beim FC Bayern auf seiner Parade-Position als Linksverteidiger starten. Auf der Position, "für die wir ihn grundsätzlich verpflichtet haben", wie Tuchel betonte. Und Guerreiro machte es gut, ausgezeichnet sogar.

Sein selbst eingeleiteter Treffer mit dem linken Außenrist kurz nach der Pause sicherte dem FC Bayern einen bitter benötigten Sieg. Der Rückstand auf Tabellenführer Bayer Leverkusen schrumpfte auf vier Punkte, der bereits angezählte Tuchel darf durchatmen - ehe es bereits am Samstag gegen den FC Augsburg geht. Guerreiro überzeugte nicht nur offensiv, sondern auch defensiv: Kurz vor der Pause klärte er beispielsweise in höchster Not gegen den durchgebrochenen Union-Stürmer Benedict Hollerbach.

Ein paar Zahlen zur Gala: Guerreiro sammelte die meisten Ballaktionen (129), verzeichnete die beste Passquote aller Startelf-Spieler (98 Prozent), spielte die meisten Pässe ins Angriffsdrittel (21) und gewann jeden seiner Zweikämpfe. "Er hat das gut gemacht", lobte Tuchel. "Ich freue mich sehr für ihn und hoffe, dass er gesund bleibt." Lieblingsschüler Guerreiro wird sich über dieses Lob freuen - seine Rivalen dürften sich aufgrund Tuchels weiterführender Aussagen dagegen mindestens wundern.

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Nach Thomas Tuchels Erklärung: Leon Goretzka äußert sich vielsagend

Goretzkas Startelf-Rückkehr gegen Union begründete Tuchel vor dem Spiel lapidar damit, dass Davies eine Pause bekommt und durch Guerreiros Versetzung nach links hinten somit ein Platz im Mittelfeld frei wurde. Lobende Worte für Goretzka blieben aus.

"Ach so", erwiderte Goretzka im Sky-Interview und ergänzte auf die Frage nach einem Zweikampf mit Guerreiro: "Weiß ich gar nicht, müssen wir wahrscheinlich den Trainer fragen. Aber wenn er das gesagt hat, dann ist das wahrscheinlich so." Auch in der Mixed Zone äußerte sich Goretzka zu Tuchels Aussagen. Er brauchte keine Worte, um seine Gefühle rüberzubringen. Seine Mimik sagte alles.

Ungefragt lobte Goretzka anschließend die Leistung seines nach links hinten versetzten Rivalen. "Sehr gut" habe Guerreiro gespielt, er sei "ein anderer Spielertyp als Phonzie". Während Davies zumeist die Linie hält, orientiert sich Guerreiro bisweilen auch ins Zentrum und kurbelt dort mit seiner Passsicherheit das Aufbauspiel an. Auch weil Goretzka im Zentrum überzeugte, dürfte Guerreiro seinen Platz als Linksverteidiger vorerst behalten. Davies geht unterdessen als großer Verlierer aus dem Spieltag.

Tatsächlich ist der 23-jährige Kanadier sogar einer der Verlierer der bisherigen Saison, durfte mangels Alternativen bisher aber dennoch meist starten. Auf drei Scorerpunkte an den ersten beiden Spieltagen folgte kein weiterer mehr. Stellungsfehler und technische Unzulänglichkeiten im Passspiel häuften sich dafür bedenklich. Nach vielen unterdurchschnittlichen Leistungen präsentierte sich Davies gegen Werder völlig von der Rolle, an Mitchell Weisers entscheidendem 0:1 trug er die Hauptschuld.

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Thomas Tuchels verwunderliche Aussagen über Alphonso Davies

"Die Situation hemmt ihn eher, als dass sie ihn beflügelt. So sieht im Moment sein Spiel auch aus", sagte Tuchel bei der Pressekonferenz vor dem Union-Spiel, angesprochen auf Davies' Formkrise. "Wir sprechen viel mit ihm, wir lassen ihn immer wieder spielen, auch wenn er seiner absoluten Topform ein bisschen hinterherhinkt. Ihm fehlt über längeren Zeitraum Selbstvertrauen. Im Zweifel hilft ihm am allermeisten, wenn wir ihm weiter vertrauen."

Vertrauen? Tags darauf setzte ihn Tuchel auf die Bank, sagte vor Anpfiff aber immerhin: "Phonzie wird das Spiel für uns beenden. Er kommt rein, wenn die Räume ein wenig größer sind. Ich freue mich darauf, ihn mal ab der 60. Minute bringen zu können." Tatsächlich brachte ihn Tuchel aber gar nicht, Davies saß die komplette Spielzeit auf der Bank. Genau wie Goretzka dürfte sich Davies über Tuchels Worte gewundert haben, er selbst äußerte sich nach dem Spiel nicht.

Für Davies kommt diese Entwicklung zu einem unglücklichen Zeitpunkt, geht es aktuell doch um seine mittelfristige Zukunft. Sein Vertrag läuft 2025 aus. Der FC Bayern will zwar prinzipiell verlängern, schreckte bisher aber vor Davies' angeblich übertriebenen Gehaltsforderungen zurück. Laut kicker teilten die Bosse des FC Bayern Davies' Management kurz vor Weihnachten zudem mit, dass sie mit dessen stagnierender Entwicklung unzufrieden sind.

Großes Interesse an einer Verpflichtung hat unterdessen weiterhin Real Madrid. Dort würde Davies auf den Spieler treffen, an dessen Seite er in der Triple-Saison 2019/20 seine beste Zeit beim FC Bayern hatte: David Alaba.