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Fussball

Der FC Bayern München verwundert in vielerlei Hinsicht: Ein Spiel wie die Transferpolitik

Der FC Bayern hat Hertha BSC mit 4:3 geschlagen.

Am Tag vor dem Ende der Transferphase gewann der FC Bayern ein dramatisches Spiel gegen Hertha BSC mit 4:3. Der Auftritt sorgte für Verwunderung - genau wie das Verhalten des FC Bayern auf dem Transfermarkt.

"Zeit, Zeit, Zeit", rief Manuel Neuer in der Anfangsphase des zunächst gemächlichen und am Ende wilden Spiels gegen Hertha BSC, das der FC Bayern letztlich mit 4:3 gewinnen sollte, wieder und wieder lautstark durch die leere Allianz Arena. Und das ist durchaus eine Erwähnung wert in einem Klub, dem aktuell vor allem eines fehlt: Zeit.

Gerichtet war Neuers Botschaft an die aufbauenden Defensivspieler des FC Bayern, die nach Einschätzung ihres Kapitäns in ihren Aktionen nur nichts überhasten sollten. Überhastet wird ansonsten eh schon genug beim FC Bayern.

Da wäre der eng getaktete Spielplan, der die Mannschaft von einem Auftritt zum nächsten jagt und kaum Zeit zum Regenerieren und Trainieren lässt. Das Spiel gegen die Hertha war immerhin das fünfte innerhalb von 17 Tagen. Und da wäre das rasend näherkommende Ende der Transferphase am Montag um 18 Uhr, das die sportliche Führung um Sportvorstand Hasan Salihamidzic von einer Transferverhandlung zur nächsten jagt.

FC Bayern holt Roca, Sarr, Choupo-Moting und Douglas Costa

Und so gab es am Sonntag kaum noch die Möglichkeit, die zwei Aspekte Fußballspiele und Transfers zu trennen. Gegen 17.20 Uhr liefen die Spieler zum Aufwärmen auf den Platz und als sie kurz vor dem Anpfiff nochmal in die Kabine kamen, hatten sie schon einen neuen Kollegen. Um 17.37 Uhr verkündete der FC Bayern die Verpflichtung von Marc Roca. Der 23-jährige Mittelfeldspieler von Espanyol Barcelona unterschrieb einen Vertrag bis 2025 und soll rund neun Millionen Euro kosten.

Roca war der erste von den vier angedachten Transfers. Am Montagnachmittag verkündete der FC Bayern die drei weiteren: Der zuletzt vereinslose Offensivallrounder Eric Maxim Choupo-Mouting (31 Jahre) kommt ablösefrei, Douglas Costa (30) per einjährige Leihe von Juventus Turin und Rechtsverteidiger Bouna Sarr (28) von Olympique Marseille für eine kolportierte Ablösesesumme von zehn Millionen Euro.

Gemeinsam haben diese vier Verpflichtungen eines: Sie sorgen für Verwunderung mit einem Hauch Belustigung. Nachdem die Transfers, von denen der FC Bayern wirklich überzeugt gewesen wäre (wie etwa von Callum Hudson-Odoi oder Sergino Dest) aus verschiedenen Gründen gescheitert waren, mussten unter großem Zeitdruck Alternativen her, um den zu kleinen Kader aufzufüllen. Und nun kommen eben Spieler, die der FC Bayern unter gewöhnlichen Bedingungen wohl eher nicht verpflichtet hätte.

Hansi Flick scherzte über Marc Roca: "Wer soll das sein?"

Wie aus dem Umfeld von Espanyol zu vernehmen ist, war der Klub vom Angebot des FC Bayern für Roca durchaus überrascht. Die Entwicklung des spanischen U21-Europameisters von 2019 hatte zuletzt stagniert. In der vergangenen Saison stieg Roca mit Espanyol als abgeschlagener Letzter aus der Primera Division ab, für die spanische A-Nationalmannschaft war und ist er kein Thema.

Roca ist zwar ballsicher und mit seinen 1,84 Metern physisch stark, in Sachen Dynamik und Handlungsschnelligkeit hat er jedoch weiterhin Defizite. Als Trainer Hansi Flick bei einer Pressekonferenz am Samstag nach Roca gefragt wurde, lachte er und fragte: "Wer soll das sein?" War natürlich scherzhaft gemeint, passte aber irgendwie trotzdem ganz gut.

Bouna Sarr: Vom Flügelstürmer zum Rechtsverteidiger

Genau wie in Barcelona Verwunderung über Bayerns Verpflichtung von Roca herrscht, herrscht in Frankreich Verwunderung über die von Sarr. "Das ist eine große Überraschung", sagt Frankreich-Korrespondent Benjamin Quarez von Goal und berichtet, dass über den Transfer "viel gewitzelt wird".

Sechs Jahre lang spielte der mittlerweile 28-jährige Sarr zuletzt in der Ligue 1, einen Stammplatz hatte er bei seinen Klubs FC Metz und Marseille aber selten sicher. In der vergangenen Saison überzeugte er jedoch und stand fast immer in der Startelf. Sarr ist ein gelernter Flügelstürmer, der erst 2017 von Trainer Rudi Garcia zum Rechtsverteidiger umgeschult wurde. Entsprechend offensiv interpretiert er seine nun defensivere Rolle. Als große Stärke gelten seine präzisen Flanken.

Wie Roca spielte auch Sarr noch nie für die A-Nationalmannschaft seines Landes. 2018 wollte ihn das Heimatland seines Vaters Senegal für die Weltmeisterschaft in Russland nominieren, doch Sarr lehnte ab - mit der Hoffnung, irgendwann doch noch für Frankreich auflaufen zu dürfen. Künftig spielt er immerhin in einer Art Ersatz-Nationalmannschaft. Beim FC Bayern trifft Sarr auf seine Landsleute Lucas Hernandez, Tanguy Nianzou, Benjamin Pavard, Corentin Tolisso und Kingsley Coman. Michael Cuisance wird er dagegen wohl nicht mehr antreffen: Er soll an Marseille verliehen werden.

Choupo-Moting und Douglas Costa wecken keine Phantasien

Choupo-Moting war nach Stationen beim 1. FC Nürnberg, Hamburger SV, FSV Mainz 05, FC Schalke 04 und Stoke City kurioserweise bei Paris Saint-Germain gelandet. Dort wurde sein Vertrag zuletzt jedoch nicht verlängert, weshalb ihn der FC Bayern nun ablösefrei verpflichten konnte. Spötter würden sagen: Dafür hätte er nicht einmal vereinslos sein müssen. Bei keinem seiner zahlreichen Klubwechsel wurde auch nur ein Cent Ablöse gezahlt.

Genau wie sich Choupo-Moting bei PSG nicht von seiner angedachten Rolle als Lückenfüller emanzipierte, konnte sich auch Douglas Costa bei seinem aktuellen Klub Juventus Turin nicht durchsetzen. Dass ihn der FC Bayern, wo er von 2015 bis 2017 mäßig erfolgreich spielte und immer wieder verletzt ausfiel, nun zurückholte, soll bei Juve für Verwunderung und Freude gleichermaßen sorgen. Gebraucht wurde er in Turin nämlich nicht mehr. "Costa hat nicht funktioniert, weil er ein ziemlicher Söldner war, der uns charakterlich nicht gefallen hat", sagte kurioserweise Uli Hoeneß im August 2017 im Interview mit der Frankenpost.

Choupo-Moting und Costa sind zwar ordentliche Kaderauffüller, mit 31 und 30 Jahren aber keine Spieler, die Phantasien wecken. Keine Spieler, die dem Klub auf lange Sicht helfen werden. Aber darum geht es beim FC Bayern aktuell ohnehin nicht mehr, es geht nur mehr um die kurzfristige Vergrößerung des Kaders.

Hansi Flick über Spiel gegen die Hertha: "Nicht Bayern-like"

Gegen Hertha hätte der FC Bayern einen der beiden durchaus gebrauchen können: Weil Coman und Leroy Sane ausfielen, musste Linksverteidiger Alphonso Davies als Flügelstürmer aushelfen. Sein Auftritt war wie der der ganzen Mannschaft (bis auf Robert Lewandowski) durchwachsen. In der ersten Halbzeit fehlten die Ideen, in der zweiten die Kontrolle.

Der FC Bayern ging zwar mit 2:0 in Führung, kassierte Mitte der zweiten Halbzeit aber den Ausgleich und lieferte sich mit der Hertha dann einen verrückten Schlagabtausch. Als tief in der Nachspielzeit nicht mal mehr Zeit für ein geordnetes Aufbauspiel blieb, ging es bei den Bayern zu wie auf dem Transfermarkt - es ging nicht mehr um einen übergeordneten Plan, sondern nur mehr um kurzfristigen Erfolg. Darum, dass irgendwie irgendwas passiert. Und so traf Lewandowski mit seinem vierten Tor per Elfmeter zum entscheidenden 4:3.

Dass es überhaupt zu solch einer Schlussphase kommen konnte, verwunderte die Beteiligten durchaus und Flick sprach dem FC Bayern sogar ab, als FC Bayern aufgetreten zu sein. "Die Art und Weise, wie wir Fußball spielen, ist nicht Bayern-like", verkündete er nüchtern. Etwas philosophischer wurde Thomas Müller: "Wenn du fünf Titel eingesackt hast, dann ist der Schritt zum Stehenbleiben, wenn man in Führung ist, nah. Das ist irgendwo logisch und vielleicht auch verständlich. Aber wir sind nicht auf dem Platz, um verständliche Dinge zu tun, sondern Dinge, die nur der FC Bayern tut. Dinge, für die wir bewundert werden. Da müssen wir wieder hinkommen."

Hinkommen zu dieser Bewunderung soll der FC Bayern nach der anstehenden Länderspielpause unter anderem mit neuen Spielern, die in Verbindung mit dem FC Bayern aktuell noch für Verwunderung sorgen. Bis Montag 18 Uhr sollen sie allesamt unterschreiben, dann ist die Transferphase vorbei. "Ich bin super, super happy wenn es morgen 18 Uhr ist", sagte Flick am Sonntagabend und sein "super, super" klang glaubhafter als das von einem berühmten Vorgänger als Trainer des FC Bayern.

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