Fussball

"Blatter ist kein Reformer"

Von Interview: Oliver Wittenburg
Joseph Blatter bleibt wo er ist: an der Spitze der Fußball-Welt
© Getty

Der 61. FIFA-Kongress in dieser Woche in Zürich hat klar vor Augen geführt: Was seine Glaubwürdigkeit betrifft, befindet sich der Fußball-Weltverband wohl in der schwersten Krise seiner 107-jährigen Geschichte. Trotz aller Anfechtungen wurde Präsident Joseph Blatter in seinem Amt bestätigt. Der 75-Jährige scheint allen Widrigkeiten zu trotzen, ließ aber immerhin den Willen zu Reformen erkennen. Ob er es ernst meint? Die FIFA-Gegner jedenfalls wollen sich nicht zur Ruhe setzen. SPOX sprach mit dem englischen Politiker Damian Collins über sein Engagement in der Reformbewegung ChangeFIFA und den eigentlichen Kern der Krise. Der 37-Jährige warnt Blatter davor, den Ernst der Lage zu unterschätzen.

SPOX: Mr. Collins, die Fußballverbände Englands (FA) und Schottlands (SFA) sind mit der Absicht vor den FIFA-Kongress getreten, die Präsidentschaftswahl zu verschieben. Dieser Antrag wurde mit riesengroßer Mehrheit abgewiesen. Wie waren Ihre Erwartungen im Vorfeld?

Damian Collins: Es war die richtige Entscheidung, diesen Antrag vorzubringen mit der Absicht, doch noch Gegenkandidaten zu finden. Es wäre freilich besser gewesen, wenn der englische Verband schon vor Monaten die Bemühungen stärker unterstützt hätte, einen dritten Kandidaten aufzustellen und mit einem Reformkonzept ins Rennen zu schicken.

SPOX: Ist der Widerstand mit Joseph Blatters Wiederwahl vom Tisch?

Collins: Es ist wichtig, dass die Haltung Englands und der 16 anderen Länder, die den Antrag auf eine Verlegung der Wahl unterstützt haben, der Beginn eines Prozesses ist und nicht sein Ende. Die Leute, denen an einer Reform der FIFA gelegen ist, müssen eine Koalition bilden, um die FIFA zu verändern.

SPOX: Dieses Ziel verfolgen Sie gemeinsam mit der Bewegung ChangeFIFA. Was verbirgt sich dahinter?

Collins: Ich habe mit ChangeFIFa eine Agenda zur Reform der FIFA erarbeitet. Wir haben Richtlinien aufgestellt, in welcher Weise sich die FIFA ändern sollte. Wir bemühen uns um die Unterstützung von Politikern anderer Länder. Ich freue mich sehr, dass uns die Bundestagsabgeordnete Viola von Cramon unterstützt, aber auch Vertreter aus Australien, Polen, Belgien, Norwegen, Irland und Großbritannien. Wir werden versuchen, noch mehr Anhänger zu finden. Aus aller Welt. Wir erhalten schon Zuspruch von Fans aus Afrika, Südamerika und Europa.

SPOX: Wie kam es zu Ihrem Engagement?

Collins: Zum einen weil ich Fußball-Fan bin. Mein Herz schlägt schon immer für Manchester United. Und dann spielt natürlich auch meine Arbeit im Sportausschuss des Parlaments eine Rolle. In diesem Zusammenhang war ich vor gar nicht langer Zeit in Deutschland zu Gesprächen mit dem DFB, der DFL, Bayern München, Eintracht Frankfurt und 1860 München. Wir haben auch Vertreter von Fan-Klubs getroffen und hatten das Glück, das Pokalhalbfinale Bayern gegen Schalke zu besuchen.

SPOX: Können Sie die grundlegenden Prinzipien der Reform-Agenda kurz umreißen?

Collins: Es ist ganz einfach: Die FIFA muss transparent und rechenschaftspflichtig sein. Es muss klar sein, wie und warum Entscheidungen zustande kommen und wer dahinter steckt. Mitglieder des Exekutivkomitees sollten den gleichen Regeln unterworfen sein wie andere Personen des öffentlichen Lebens. Die Präsidentschaftswahl sollte der Anfang eines Prozesses gewesen sein. Aber wir werden den Druck hoch halten, um den Wandel wirklich durchzusetzen.

SPOX: Blatter hat erklärt, dass der Modus der WM-Vergabe geändert werden soll. In Zukunft soll nicht das Exko über den Ausrichter entscheiden, sondern alle 208 Mitglieder auf Basis einer Vorauswahl durch das Exko. Blatter sagte auch, es werde radikale Reformen geben. Wie radikal ist Ihrer Meinung nach überhaupt diese erste Maßnahme?

Collins: Sie ist ein Schritt in die richtige Richtung, aber es kommt auf die Umsetzung an. Ein Beispiel: Was ist, wenn das Exko nur ein Land auf der Liste hat und das Gremium auffordert, diesen Vorschlag abzusegnen. Das wäre natürlich absolut inakzeptabel. Die Verdächtigungen, die gegen Jack Warner und Mohammed Bin Hammam im Hinblick auf die Präsidentschaftswahl vorgebracht wurden, zeigen doch, dass nicht nur die Menge der Wahlberechtigten zählt, sondern dass auch die Regeln genau eingehalten werden müssen. Das Wichtigste ist, mehr Transparenz in die Politik der FIFA und ihre Entscheidungsprozesse zu bekommen und es bedarf einer unabhängigen Kontrollinstanz.

SPOX: Was ist Blatters Absicht? Glauben Sie, er will die FIFA grundlegend reformieren oder will er nur von der Krise ablenken?

Collins: Blatter hat gemerkt, dass er in Anbetracht der Ausmaße, die die Krise in dieser Woche angenommen hat, irgendwelche Reformen anbieten musste. Aber er ist nicht weit genug gegangen. Er ist seit 13 Jahren im Amt und kann niemandem glaubwürdig vormachen, dass er jetzt ein echter Reformer sei. Die FIFA in ihrem heutigen Zustand, ist die FIFA, die er geschaffen hat.

SPOX: Wie ist es eigentlich möglich, dass Blatter und die FIFA unter diesen Umständen "überleben"? Es sind schon Karrieren an weit weniger zerbrochen.

Collins: Wenn Blatter glaubt, dass er es für weitere vier Jahre geschafft hat und sich keine Gedanken mehr um die Reformbewegung machen muss, dann täuscht er sich. Ich glaube, dass der Druck, für mehr Offenheit und Transparenz zu sorgen, enorm hoch bleiben wird. Wenn er sich dagegen stellt, dann bin ich nicht sicher, ob er das Ende seiner Legislaturperiode erleben wird.

SPOX: England hat sehr klar Stellung bezogen. Was ist mit den anderen großen Verbänden wie Deutschland, Frankreich, Spanien oder Italien?

Collins: Die FA muss zusehen, sich mit anderen Mitgliedern der UEFA zusammen zu tun. Sie sollte sich aber auch nach Partnern auf der ganzen Welt umsehen.

SPOX: Es ist sehr schwierig, der FIFA beizukommen, weil sie nicht der normalen Rechtsprechung unterliegt. Sie zahlt keine Steuern und Korruptionsgesetze greifen nicht. Sämtliche Probleme werden intern gelöst. Ist das, was Sie vorhaben, nicht ziemlich aussichtslos?

Collins: Der Wandel muss von innen kommen, aber die Umstände, dass so etwas passiert, werden durch Druck von außen herbeigeführt. Druck, den die Fans, die Verbände, die Politik und Sponsoren aufbauen.

SPOX: Wo bleibt der Fußball?

Collins: Der Fußball gehört den Menschen, nicht der FIFA. Die FIFA ist nur das Führungsorgan und man kann es verändern. Die Fußball-Fans auf der ganzen Welt, die diesen Sport unterstützen und lieben, haben das Recht, dass der Dachverband sauber und ehrlich geführt wird. Das ist der Kern der ganzen Krise.

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