Sepp Blatter: WM-Vergabe durch Kongress?

SID
Mittwoch, 01.06.2011 | 14:03 Uhr
Sepp Blatter plant anscheinend eine kleine Revolution bei der WM-Vergabe
© Getty
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FIFA-Präsident Joseph S. Blatter hat eine Revolution bei der WM-Vergabe angekündigt. Der 75-Jährige will in Zukunft die 208 Delegierten der Mitgliedsverbände entscheiden lassen.

Damit wäre die Entscheidungsgewalt nicht mehr beim wegen der massiven Korruptionsvorwürfe umstrittenen FIFA-Exekutivkomitee. Das FIFA-Exko soll nur noch eine Vorauswahl treffen dürfen.

"Wir wollen radikale Schritte unternehmen und nicht nur kleine kosmetische Verbesserungen. Wir brauchen eine grundlegende Reform, denn die FIFA ist in einer unwürdigen Lage. Unser Schiff ist in Schieflage geraten, wir fahren durch trübe Gewässer. Aber ich werde als Kapitän alles daransetzen, dass wir wieder auf Kurs kommen", sagte der Schweizer Blatter, der am Mittwoch voraussichtlich in seine vierte Amtszeit als FIFA-Boss geht.

Theo Zwanziger fordert Überprüfung

DFB-Präsident Theo Zwanziger forderte indes eine Überprüfung der skandalumwitterten Vergabe der WM 2022 an Katar. "Ich muss nach dem, was ich höre und lese, davon ausgehen, dass es einen beachtlichen Grad an Verdächtigungen gibt, den man nicht einfach wegschieben kann", sagte Zwanziger wenige Stunden vor der Wahl des FIFA-Präsidenten im Interview mit dem "ZDF-Morgenmagazin".

Er müsse davon ausgehen, "dass man unter diesem Gesichtspunkt die Vergabe der WM noch einmal überprüfen muss. Wie das zu geschehen hat, dazu will ich mich erst äußern, wenn ich mehr über den Sachverhalt weiß. Ich komme von außerhalb und war nicht Mitglied der Exekutive."

Auch Politiker aus Koalition und Opposition haben mittlerweile eine Überprüfung der WM 2022 an Katar gefordert. "Die Vergabe der WM an Katar zu überprüfen, ist im Angesicht der dazu erhobenen massiven Korruptionsvorwürfe der letzten Tage unverzichtbar", sagte die Vorsitzende des Bundestags-Sportausschusses, Dagmar Freitag (SPD) dem "Handelsblatt Online".

Auch die Vize-Vorsitzende der FDP-Bundestagsfraktion, Gisela Piltz, sieht den Weltverband FIFA in der Pflicht. "Die FIFA sollte ein ureigenes Interesse an einer lückenlosen Aufklärung der Ungereimtheiten rund um die Vergabe der WM in Katar haben", sagte Piltz.

Revolution: Positive Reaktionen der Delegierten

Die Delegierten reagierten derweil positiv überrascht auf die Ankündigung von Blatter, die Vergabe der Weltmeisterschaften in ihre Hände zu legen. Auf einem noch nicht terminierten außerordentlichen Kongress soll die Reform beschlossen werden.

Damit dürfte der Wiederwahl von Blatter, der dem Weltverband seit 1998 vorsteht, nichts mehr im Wege stehen. Zudem soll eine Art Lösungskommission gegründet wird, die gemeinsam mit der Ethikkommission den Korruptionsvorwürfen auf den Grund geht.

"Wir brauchen Transparenz und können nicht mehr einfach nur reden, sondern müssen handeln. Schließlich geht es um den Ruf unseres Königswettbewerbs, der Weltmeisterschaft. Die doppelte Vergabe im Dezember 2010 hat zu einer Welle von Anschuldigungen geführt. Und diese ganzen Wellen sind noch immer nicht verebbt. Wir müssen reagieren", sagte Blatter.

Schmiergelder für WM 2022 in Katar?

Nichtsdestotrotz bleibt weiter fraglich, ob Blatter seine vierte Amtszeit wirklich übersteht. Bei der Vergabe der WM 2022 an Katar sollen Schmiergelder in Millionenhöhe gezahlt worden sein.

Auch über die Vergabe an Russland wurde hinter den Kulissen heftig diskutiert. Blatter weiß, dass es in den kommenden Wochen noch eng für ihn werden könnte.

"Ich habe einige Ohrfeigen eingesteckt. Wenn jetzt sogar schon die Natur eine Revolte anstrengt, dann ist es auch normal, dass die Menschen eine Revolte anstrengen. Die Welt durchlebt unruhige Zeiten. Aber ich bin weiter überzeugt, dass der Fußball eine verbindende Rolle spielen kann", sagte der Schweizer, der die Korruptionsprobleme beim Weltverband sogar mit der Naturkatastrophe in Japan verglich.

FA-Antrag auf Wahl-Verlegung wird abgelehnt

Zuvor hatte der Kongress den Weg für die Wiederwahl Blatters freigemacht. Die 208 Delegierten lehnten einen Antrag des englischen Verbandes FA auf eine Verlegung der Wahl mit 172:17 Stimmen deutlich ab. FA-Boss David Bernstein hatte einmal mehr die Verlegung der Wahl gefordert.

"Einige wollten mich überreden, hier zu schweigen. Die Wahl ist ein Rennen mit einem Pferd. Ich fordere aber eine offene und faire Wahl mit einem Konkurrenten. Denn dann wird der gewählte Präsident auch die notwendige Glaubwürdigkeit haben, um die Probleme zu lösen", sagte Bernstein, der sich als einziger Redner gegen Blatter auflehnte.

Das wiederum brachte Senior-Vize-Präsident Julio Grondona aus Argentinien auf die Palme. "Es kommen immer wieder Attacken aus England, sie beschweren sich immer wieder. Ich kann den Engländern nur raten, die FIFA-Familie in Ruhe zu lassen. Sie sollen aufhören zu lügen und sich um die Wahrheit kümmern", wetterte Grondona.

Kein Zutritt für Bin Hammam

Keine Reaktionen zeigte Blatter mehr in Richtung Mohamed Bin Hammam. Dem suspendierten Bin Hammam wurde am Mittwoch zudem der Zutritt zum Kongress verwehrt. Der Katarer, der ursprünglich bei der Präsidentschaftswahl gegen den Amtsinhaber antreten wollte, konnte bislang keinen Einspruch gegen seine Suspendierung einlegen.

Bereits vor der Suspendierung hatte Bin Hammam seine Kandidatur zurückgezogen. Bin Hammam soll mithilfe von Jack Warner, Präsident der CONCACAF-Konföderation (Nord- und Mittelamerika und Karibik), Stimmen von Mitgliedern der karibischen Fußball-Union CFU gekauft haben.

"Ich bin sehr traurig darüber, was in den letzten Tagen passiert ist. Ich werde nie akzeptieren, wie mein Name und mein Ruf beschädigt wurden. Ich werde um mein Recht kämpfen", sagte der 62-Jährige und fügte hinzu: "Ich wurde bestraft, bevor ich schuldig gesprochen bin. Das geht nicht."

Die FIFA versinkt vor der Präsidentschaftswahl im Chaos

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