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Fussball

FC Bayern München: Demütigung, Auferstehung, Barca-Irrsinn - die Schlüsselmomente des FCB in der Saison 2019/20

Von Dennis Melzer
Der FC Bayern München im November 2019: In Frankfurt kam man mit 1:5 unter die Räder.

Wer hätte das im November vergangenen Jahres gedacht? Der FC Bayern, damals von Eintracht Frankfurt deklassiert, steht am Sonntagabend im Finale der Champions League (ab 20.30 Uhr live auf DAZN) - und hat die große Chance, das zweite Triple der Vereinsgeschichte einzufahren.

SPOX und Goal zeigen noch einmal die zehn Schlüsselmomente einer skurrilen und schier unglaublichen Saison.

3.8.2019, DFL-Supercup, Borussia Dortmund - FC Bayern 2:0

  • Das ist passiert: Erstes Pflichtspiel der Saison, erster Titel futsch. Der BVB sicherte sich in einem hochklassigen Spiel den Sieg. Bayern presste hoch und spielte riskant, wie nie mehr unter Niko Kovac, der BVB gewann durch zwei Hochgeschwindigkeitstore von Paco Alcacer (48.) und Jadon Sancho (69.).
  • Warum war das ein wichtiger Moment? Der Supercup ist von allen erreichbaren Titeln sicher der unwichtigste, aber die drei Editionen zuvor hatte Bayern gewonnen. Den FCB, in der abgelaufenen Saison durch einen unwiderstehlichen Schlussspurt noch zum Double gekommen unter Trainer Niko Kovac, hatte das Glück verlassen. Die Pflichtspielsaison begann mit einer Niederlage.
  • Das folgte aus diesem Moment: Das - für diesen recht frühen Zeitpunkt in der Vorbereitung - überraschend hochklassige Spiel lässt die Fans in Deutschland von einer ebenso hochspannenden wie hochklassigen Saison mit zwei Titelaspiranten auf Augenhöhe träumen. Doch Niko Kovac verliert nach dem mühsamen und uninspirierten 3:1 im DFB-Pokal beim Regionalligisten Energie Cottbus und dem rasanten, aber unglücklichen 2:2 zum Bundesliga-Auftakt gegen die Hertha schon ein wenig seinen taktischen Mut. In den folgenden Spielen verfällt Bayern mehr und mehr in die abwartende und nicht zu den Spielern passende Spielweise der Vorsaison.

01.10.2019, Champions League, Gruppenphase, 2. Spieltag: Tottenham Hotspur - FC Bayern 2:7

  • Das ist passiert: Bayern gewinnt ein surreales Spiel beim Champions-League-Finalisten der Vorsaison beinahe lächerlich hoch mit 7:2. Bayern hat zwar in der Defensive auch bei Tottenham Probleme, doch die Torausbeute ist phänomenal und verdeckt die Schwierigkeiten. Serge Gnabry erzielt die ersten vier seiner bis zum Lissaboner Finale neun Treffer. Für die Mannschaft ist es das erste von einigen Schützenfesten dieser Champions-League-Saison, die Bayern zur torgefährlichsten Mannschaft in der Königsklasse der Geschichte machen.
  • Warum war das ein wichtiger Moment? Niko Kovacs erster großer Sieg in der Champions League lässt auch Chefkritiker Karl-Heinz Rummenigge verstummen. Der Vorstandsvorsitzende, der bei der Doublefeier im Sommer bei seiner Dankesrede demonstrativ vergessen hatte, das Trainerteam zu nennen, lobt nach dieser magischen Nacht von London seinen Trainer. Kovac scheint bei Bayern angekommen. Heute wissen wir: Es bleibt eine einmalige Momentaufnahme.
  • Das folgte aus diesem Moment: Die folgenden Ergebnisse in der Bundesliga und Champions League - Bayern verliert 1:2 in Hoffenheim, spielt 2:2 gegen den FC Augsburg und müht sich zu einem etwas glücklichen 3:2 bei Olympiakos Piräus sowie zu einem 2:1 gegen Union Berlin - Resultate, die die magische Nacht von London relativieren. So gierig wie bei Tottenham geben sich die Münchner nicht mehr. Bayerns tiefes Pressing, die Probleme im Spielaufbau, die fehlende Balance und zu große Abhängigkeit von Robert Lewandowski sind auch innerhalb der Mannschaft ein Thema. Kovacs Dauerkonflikt mit Thomas Müller tut sein Übriges. Kovac entschuldigt sich zwar für seine Notnagel-Aussage in Richtung Thomas Müller vor der Niederlage gegen Hoffenheim, aber ein Teil des nach dem 7:2 in London aufgebauten Kredits ist ein paar Tage später womöglich schon wieder verbraucht. Co-Trainer Hansi Flick muss vor dem Hoffenheim-Spiel zudem Javi Martinez trösten. Kovac hatte den Spanier wieder nicht spielen lassen, obwohl seine ganze Familie im Stadion war.

29.10.2019, DFB-Pokal, zweite Runde: VfL Bochum - FC Bayern 1:2

  • Das ist passiert: Serge Gnabry (83. Minute) und der eingewechselte Notnagel Thomas Müller (89.) drehen in der Schlussphase das Spiel beim Zweitligisten und vermeiden gerade so die Pokalblamage. Alphonso Davies hatte die Bochumer in einem seiner ersten Spiele als Startelf-Linksverteidiger mit einem Eigentor in der ersten Halbzeit in Führung gebracht. Sportdirektor Hasan Salihamidzic erträgt das Fehlpassfestival des Rekordmeisters nur mit ganz viel Sarkasmus ("Top Abend! Top, top!"), sein Auftritt in der Mixed-Zone ("Ich bin einfach nur da, um da zu sein") hat Kult-Potenzial.
  • Warum war das ein wichtiger Moment? Obwohl Niko Kovac einigen Stars für den Auftritt beim Zweitligisten eine Atempause gegönnt hatte (Robert Lewandowski, David Alaba, Philippe Coutinho saßen auf der Bank) darf Müller wieder nicht von Beginn an spielen. Seine Aussagen nach dem Siegtreffer sprechen Bände: "Wenn ich spiele, dann spiele ich. Wenn nicht, dann nicht. Alles weitere - darüber reden wir jetzt nicht", sagt er. Kovac hatte zudem vor dem Spiel mit einem Vergleich aufgewartet, der nach dem 8:2 gegen Barcelona in Lissabon immer wieder zitiert wurde: "Man kann nicht versuchen, 200 km/h auf der Autobahn zu fahren, wenn sie nur 100 schaffen.". Salihamidzics sarkastischer Auftritt nach dem Bochumspiel zeigt dem Trainer, dass er langsam auch seine letzten Verbündeten zu verlieren droht. Es wird einsam um Kovac.
  • Das folgte aus diesem Moment: Auf die spielerische Bankrotterklärung in Bochum folgt der tiefste Tiefpunkt: Das 1:5 bei Kovacs Ex-Klub Eintracht Frankfurt besiegelt das Ende eines Missverständnisses.

2.11.2019, Bundesliga, 10. Spieltag: Eintracht Frankfurt - FC Bayern 5:1

  • Das ist passiert: Die Frage müsste eher lauten: Was ist nicht passiert? Nach einer frühen Roten Karte gegen Jerome Boateng (9. Minute) verlieren die Münchner komplett ihre Ordnung, agieren kopf- und saftlos. Niko Kovac lässt trotz des Wegfalls eines Innenverteidigers die zwei Spielmacher Thiago und Philippe Coutinho auf dem Platz. Die Eintracht spielt die Bayern phasenweise schwindlig, die frühere Mannschaft von Kovac demütigt seine jetzige Mannschaft - und ihren Ex-Trainer gleich mit.
  • Warum war dieser Moment wichtig? Der "herbe Schlag" (Niko Kovac) ist zu herb, zu den spielerischen Problemen, den vielen Fehlpässen und Fehlern der Abwehr und den atmosphärischen Störungen zwischen Trainer und Teilen der Mannschaft gesellt sich nun auch dieses blamable Ergebnis. Während Bayerns Bosse in Frankfurt komplett schweigen, findet Kapitän Manuel Neuer als erster die richtigen Worte: "Es hat sich abgezeichnet. Für mich ist es kein Wunder, was heute passiert ist. Es läuft einfach nicht. Es muss sich auf jeden Fall etwas ändern", sagt er. Das passiert.
  • Das folgte aus diesem Moment: Bayerns Verantwortlichen neigen dazu, Kovac noch das folgende Champions-League-Spiel gegen Piräus und den Knaller gegen den BVB leiten zu lassen, auch um einen möglichen neuen Trainer nicht sofort zu verbrennen. Doch als Kovac am kommenden Sonntagabend seinen Rücktritt anbietet, nehmen Bayerns Verantwortliche ihn an. Hansi Flick wird zum Interimstrainer. Kovacs bisheriger Co-Trainer spricht explizit von einer "Aufgabe für zwei Spiele.". Es sollten dann doch ein paar Partien mehr werden.

9.11. 2019, Bundesliga, 11. Spieltag: FC Bayern - Borussia Dortmund 4:0

  • Das ist passiert: Der FC Bayern walzt im zweiten Spiel unter Hansi Flick Borussia Dortmund nieder, das 4:0 ist von der ersten bis zur letzten Minute eine bayerische Demonstration der Stärke. Robert Lewandowski (17., 76.), Serge Gnabry (47.) und ein Eigentor von Mats Hummels (80.) rücken die Verhältnisse wieder zurecht. Der BVB, dessen Sportchef Michael Zorc vor dem Spiel von seinen Spielern "Männerfußball" gefordert hatte, findet kein Mittel gegen das hohe und aggressive Pressing der Bayern, Alphonso Davies spielt als Linksverteiger mit Jadon Sancho Katz und Maus, noch in der ersten Halbzeit wechselt BVB-Coach Lucien Favre Sancho aus. David Alaba agiert in der Innenverteidigung, Joshua Kimmich im zentralen Mittelfeld. Flick hat schon da seine Traum-Elf gefunden.

  • Warum war dieser Moment wichtig? Es ist, als ob die Bayern in diesem Spiel im kollektiv "Da samma wieder" schreien würden, das 4:0 ist der Moment, in dem die Bayern wieder zu Bayern werden. Flick habe "die Grundhaltung verändert", wie Leon Goretzka anmerkt, "das defensive Anlaufen, wie wir verteidigen, all das beeinflusst die Dynamik, denn nur so gibt es von Beginn an Ballgewinne." Flick darf nach diesem Triumph "bis auf Weiteres" weitermachen. Aus dem Zweispieletrainer wird hier die mögliche Dauerlösung Flick. Wer weiß, ob es ohne diesen Triumph das folgende Märchen gegeben hätte?
  • Das folgte aus diesem Moment: Die Bayern spielen sich in einen kleinen Rausch, gewinnen 4:0 in Düsseldorf und 6:0 bei Roter Stern Belgrad. Die zwei darauffolgenden Niederlagen sind verschmerzbar, weil praktisch auf Anhieb eine klare Handschrift des Trainers zu erkennen ist und die Münchner wieder so spielen, wie Verantwortliche und Fans sie spielen sehen möchten. Trainer und Mannschaft sind eine spürbare Einheit. Gemeinsam fliegen sie durch den Rest der Saison.
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