Wintersport

Marco Büchel im Interview: "Ich kann mir nicht vorstellen, dass wir Rennen fahren“

Von Lukas Zahrer, Tobias Ruf
Marco Büchel.

Marco Büchel hat 19 Jahre im alpinen Ski-Weltcup verbracht. Heute ist der 48-Jährige als Mitglied in der FIS-Arbeitsgruppe für Material und als ZDF-Experte tätig. Im Interview spricht der Liechtensteiner über mentale Herausforderungen in der Coronakrise, und unfaire Chancenverteilungen im Skisport. Er befürchtet einen Gesamtausfall der kommenden Weltcup-Saison.

Außerdem zieht er Bilanz über die durchwachsene ÖSV-Saison und erklärt, warum die Finanzprobleme der Weltcup-Austragungsorte eigentlich nicht zu lösen sind.

Herr Büchel, wie macht sich die Coronakrise bei Ihnen bemerkbar?

Marco Büchel: Es war ein harter Bruch in meinem Alltag. Mein Kopf war noch nicht bereit, Knall auf Fall ständig zuhause zu sein. Ich liebe meine Frau über alles, bin aber womöglich ein schwieriger Zeitgenosse, wenn ich bestimmte Dinge nicht tun kann. Ich wollte im Sommer einen Marathon laufen, mittlerweile wurde der abgesagt. Mir fehlen Ziele und Struktur im Alltag. Ich bin quasi arbeitslos. Ich fühle mich nutzlos und ungebraucht. Ich habe mental gute und schlechte Tage, stelle mir viele Fragen über meine persönliche Zukunft, aber auch über jene des Skiweltcups.

Normalerweise hätten in den vergangenen Wochen Materialtests stattgefunden. Mit Ausnahme von Schweden gab es diese aber nicht. Welche Auswirkungen hat das auf den Skirennsport?

Büchel: Es wurde alles über den Haufen geworfen. Schweden hat einen merklichen Vorteil, weil der Lockdown nicht so umfassend war wie in den Alpenländern. Die Schweiz und Österreich verfügen über Gletscher, die können also problemlos mit dem Training beginnen. Deutschland etwa hat aber keine Möglichkeit, umfassend zu trainieren. Das könnte das Bild verzerren, das ist für mich nicht ganz in Ordnung.

Inwiefern?

Büchel: Vor Corona konnten Verbände aus Ländern ohne Trainingspisten den Nachteil mit Reisen nach Neuseeland, Chile oder Argentinien kompensieren. Letztlich kamen alle Athleten grob auf dieselbe Anzahl an Trainingstagen. Jetzt ist die südliche Hemisphäre nicht erreichbar, es kommt daher zu einer Verzerrung. Ich sehe keine Möglichkeit, wie man für Gerechtigkeit sorgen könnte.

Der finanzielle Aufwand, um es in den Weltcup zu schaffen, wird immer größer. Wäre eine gewisse Form einer Budgetobergrenze sinnvoll, um für eine große Basis an Nachwuchsathleten zu sorgen?

Büchel: Diese Gespräche fanden schon vor Corona statt. Die Gletscherschmelze macht es immer schwieriger, auf solche Reisen für Sommertrainings zu verzichten. Alle Nationen in den wenigen noch vorhandenen Trainingsgebieten auf Europas Gletschern zu vereinigen, ist unmöglich. Deshalb geht es oft nach Südamerika oder Ozeanien. Das ist unglaublich teuer, der ökologische Aspekt kommt noch erschwerend hinzu. Für die Skigebiete auf der Südhalbkugel sind die Trainingslager allerdings auch ein großer Wirtschaftsfaktor. Verbände werden größere Probleme haben, Geld für solche Reisen aufzutreiben. Vielleicht wird sich deshalb in diese Richtung etwas korrigieren. Aber das Speed-Training ist in jedem Fall beeinträchtigt.

Warum?

Büchel: In Zermatt liegt die einzige Abfahrts-Trainingspiste, die selbst im Sommer gut befahrbar ist. Die Grenzen machen aber erst frühestens im September auf, der Sommer ist also gelaufen. Sollten sie schon früher öffnen, wird der Schweizer Skiverband schauen, dass er den Heimvorteil perfekt ausnützt. Der kann ja auch nicht nach Südamerika. Dann reservieren sie diese Piste den gesamten Sommer über für sämtliche Leistungsstufen. Ein Argument wäre, einzelne Spitzenfahrer wie etwa einen Thomas Dreßen einzuladen, um sich im Training mit einer wahren Granate zu messen. Dieses Argument gilt beispielsweise für Slowenien nicht.

Büchel: "Brauchen jemand, der Milliarden für TV-Rechte zahlt"

Wir werden also sportliche Auswirkungen der Coronakrise sehen?

Büchel: Definitiv. Ich gehe noch einen Schritt weiter und frage mich, ob wir überhaupt einen Weltcup-Winter erleben werden. Ich kann mir nicht vorstellen, dass wir Rennen fahren. Der Kalender wird sich definitiv stark verändern.

Falls es Rennen gibt, müssen diese wahrscheinlich ohne Zuschauer stattfinden.

Büchel: Die Veranstalter leben von den Zuschauern, und zwar auch aus finanzieller Sicht. Es ist absolut undenkbar, dass wir vor der Entdeckung eines Impfstoffs Zuschauer zulassen können. Diese Abstandsregeln sind einfach nicht durchsetzbar. Wir werden ausschließlich Geisterrennen fahren. Die Frage ist: Können sich das die Veranstalter leisten?

Können Sie?

Büchel: In einer normalen Saison haben Adelboden und Wengen schon Existenzängste. Die schreiben rote Zahlen ohne Ende. Nennen Sie mich einen Pessimisten, aber Rennen ohne Zuschauer sind dort nicht machbar. Sponsoren werden pleitegehen, Skifirmen kämpfen ebenso wie Verbände - ja, selbst ganze Tourismussektionen straucheln. Wer reist nächsten Winter schon nach Italien zum Skifahren - falls wir das überhaupt dürfen?

Das spricht nicht für den Weltcup, wenn solch namhafte Weltcuporte nicht positiv bilanzieren. Ist das ein schlechtes Geschäftsmodell?

Büchel: Adelboden hatte vor 20 Jahren ein Budget von knapp unter einer Million. Heute stehen sie bei sieben Millionen. Sie haben den Kanton und den Staat um Unterstützung angefragt, um überleben zu können - und das in noch "gesunden" Zeiten. Der Aufwand ist um vieles größer geworden. Die Anzahl der Gäste, die zum Rennen kommen, ist auf der anderen Seite aber gleichgeblieben. Kitzbühel ist ziemlich weitläufig. Dort können mit dem Zug tausende Menschen kommen. Wengen oder Adelboden sind aber schwer erreichbar. Es geht nicht, die Zuschauerzahlen zu steigern. Die Fernsehrechte sind nicht vergleichbar mit jenen aus dem Fußball und machen nur einen verschwindend kleinen Anteil der Einnahmen aus.

Wie könnte man solche Finanzprobleme in Zukunft vermeiden?

Büchel (überlegt lange): Wenn ich das genau wüsste. Wir bräuchten jemanden, der unverschämt viele Milliarden Euro für die Fernsehrechte bezahlt. Bleiben wir realistisch: Ski Alpin ist die schönste Sportart überhaupt. Aber es ist eine Randsportart, nicht vergleichbar mit Tennis oder Golf. Einschaltquoten bestimmen den Preis. Wenn sie die Normen sprengen, wären wir finanziell abgesichert. Dem ist aber leider nicht so.

Muss in der Vermarktung ein größeres Publikum angesprochen werden?

Büchel: Schauen Sie, vor 40 Jahren gab es bei mir Zuhause fünf Fernsehsender. Bei vier dieser fünf Sender liefen Skirennen. Alle liefen nach Hause und haben vor dem Fernseher Mittaggegessen. Heute haben wir 200 TV-Sender, Millionen Internet-Streams - wenn man möchte, kann man rund um die Uhr Sport schauen. Das Angebot ist riesig geworden, es gleicht nur mehr einem Verdrängungskampf. Die Bevölkerung wächst, aber gleichzeitig tun das die TV-tauglichen Sportarten auch. Dass der Skisport die TV-Quoten halten kann, ist ein riesiger Erfolg! Sie auszubauen, ist ein fast utopisches Ziel. Möglicherweise ist TV nach Corona wieder in.

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