Der BVB blamiert sich in der Champions League gegen APOEL

Die erste Schramme steht bevor

Donnerstag, 02.11.2017 | 08:09 Uhr
Der BVB gewann keine der beiden Partien gegen APOEL
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Beim 1:1 in der Champions League gegen APOEL zeigt Borussia Dortmund die nächste schwache Leistung, das Überwintern in Europa hängt am seidenen Faden. Der BVB befindet sich in einem Loch, es herrscht Druck auf Trainer und Verein. Peter Bosz bleibt dennoch sachlich-optimistisch.

Vielleicht braucht es ja eine genauere oder sogar neue Begriffsdefinition. Niemand weiß schließlich, wann im Sprachgebrauch des Profifußballs eine sogenannte Ergebnis-Krise beginnt und wie und wann sie in eine Krise, ohne weitere Umschreibungen, mündet.

Michael Zorc und Hans-Joachim Watzke, die sportlich Verantwortlichen bei Borussia Dortmund, geißelten die mediale Berichterstattung kürzlich mit den Worten "schizophren" und "krank". Eine drastische Wortwahl, die man aus Sicht der beiden Herren auch bedingt nachvollziehen kann.

Schließlich krittelte die Presse am Tabellenführer der Bundesliga herum, den großes Verletzungspech ereilte und der das Spielglück zuletzt auch nicht auf seiner Seite hatte. Der BVB unter Trainer Peter Bosz bereitet Spektakel und ist wohl tatsächlich das spannendste Projekt der Liga.

Schmelzer: "Diese Krise, äh, schwache Phase..."

Nach einem Traumstart in die neue Saison ist nun aber das Gegenteil eingekehrt, Dortmund hat in den vergangenen sechs Pflichtspielen nur gegen Drittligist Magdeburg gewonnen. Bosz errang mit der Borussia noch keinen Sieg in der Königsklasse, die Tabellenführung ist seit dem vergangenen Wochenende und der unterirdischen Leistung in Hannover auch futsch.

Ganz egal, wie man das Wort Krise letztlich definiert: Arg viele nicht gewonnene Partien wird sich der BVB nicht mehr leisten können, bis auch Zorc und Watzke mit dieser Begrifflichkeit einverstanden sind.

Womöglich wären das Teile der Mannschaft bereits jetzt, Marcel Schmelzer rutschte am Sky-Mikrofon doch tatsächlich das K-Wort heraus: "Diese Krise, äh, schwache Phase...", korrigierte sich der Kapitän schnell.

Vereinzelte Pfiffe im Signal Iduna Park

Auch Christian Pulisic äußerte sich zur aktuellen Lage unmissverständlich, nachdem er darauf angesprochen wurde, was denn nun Hoffnung auf Besserung machen würde für die Partie am Samstag gegen den FC Bayern: "Dass es momentan so schlecht läuft, vielleicht."

Die Enttäuschung nach dem Schlusspfiff am Mittwochabend im Signal Iduna Park war groß. Schon während der Partie waren vereinzelte Pfiffe im nicht ausverkauften Stadion zu vernehmen, nach Spielende leerte sich das Rund in Windeseile. Bosz schickte seine Mannschaft auf direktem Wege in die Kabine, auf Interviews am Spielfeldrand mussten die Rechteinhaber diesmal verzichten.

Es wäre wie im ebenfalls enttäuschenden Hinspiel in Nikosia nichts als die Pflicht gewesen, APOEL zu Hause zu besiegen und Platz drei in der Gruppe abzusichern. Die Schwarzgelben hätten zumindest für den Moment den letzten Eindruck etwas beiseite wischen können. Oder wie es Bosz vor der Partie sagte: "Wir müssen das Spiel gewinnen, auch für das Gefühl nach den letzten zehn Tagen."

BVB: Mehr spielerische als System-Krise

Das ist nicht passiert. Dortmund befindet sich seit der letzten Länderspielpause in einem akuten Leistungsloch, um ein weiteres Krisen-Synonym zu bemühen. Ein Sieg gegen die Zyprer hätte sich daher sicherlich positiv auf das Selbstvertrauen der Spieler ausgewirkt, er wäre andererseits allenfalls ein laues Lüftchen gewesen.

Deutlich wurde vor allem, dass der BVB in einer spielerischen und nicht zwingend einer System-Krise steckt. Boszs Herangehensweise ist sehr riskant, schon ein einziger Fehler kann sich fatal auf die Statik der Formation auswirken. Die Gegner, darunter individuell schwächere Teams aus der Bundesliga, zogen aus Dortmunds ersten Auftritten unter Bosz zuletzt recht ähnliche Schlüsse.

Gleichwertig oder stärker besetzten Mannschaften kann es gegen die Borussia gelingen, sich der frühen Vorwärtsverteidigung spielerisch zu entziehen und gefährliche Konter zu starten. APOEL, Frankfurt und Hannover reichte schon eine schnöde Manndeckung über das ganze Feld, um das Dortmunder Vertikalspiel zum Erlahmen zu bringen.

Vielfältige Gründe für das Warum

Den Westfalen fehlte es dann an einem kreativen Positionsspiel, Dortmund konnte sich keine Räume in gefährlichen Zonen öffnen. Bei Ballverlusten mangelte es gegen beide Arten von Gegnern an der Absicherung, der BVB stand durch das hohe Risiko im Moment des Gegenpressings häufig sofort total offen.

Die Gründe nach dem Warum sind vielfältig, besonders die Ausfälle einiger Defensivspieler wiegen schwer. Eine konstante Formation konnte sich so bislang nicht einspielen.

Auch die Einstellung stimmt, die Mannschaft hat sich nie hängen lassen. Auf groteske Weise wurden Großchancen in den letzten Spielminuten vergeben. Es drängt sich der Eindruck auf, als passe in Dortmund derzeit das Personal nicht zum System.

Bosz: "Wir brauchen wirklich einen Sieg"

Bosz hatte es deshalb schwer, gewisse Pärchen für bestimmte Positionen zu finden. Aufgrund der hohen Taktung der Spiele und der zahlreichen Rückkehrer wie Raphael Guerreiro, Julian Weigl, Andre Schürrle, Schmelzer und selbst Götze muss er das Thema Belastungssteuerung weiter streng im Auge behalten.

Ein Systemwechsel kommt für Bosz, den die Frage danach schon die gesamte Karriere begleitet, partout nicht in Frage. Letzte Woche sagte er, man hätte unter ihm bereits den vielzitierten Plan B sehen können, wenn man richtig hingeschaut habe. Konkreter ging Bosz darauf nicht ein, er könnte beispielsweise die tiefere Verteidigungslinie im Spiel gegen RB Leipzig gemeint haben.

Die seit Oktober andauernde "schwierige Phase" (Schmelzer) hat bei der aktuellen Besetzung des Teams unübersehbare Spuren hinterlassen. Das ist im Misserfolgsfall extrem natürlich. "Ich verstehe die Enttäuschung, das Vertrauen ist nicht ganz da. Die momentane Phase ist sehr schwer, wir brauchen wirklich einen Sieg", resümierte Bosz.

Es herrscht Druck auf Bosz und dem BVB

Das tat der Niederländer in seiner typischen Art: sachlich, ruhig, positiv und optimistisch. Man nimmt Bosz ab, dass ihn keine grundsätzlichen Zweifel plagen. Ein wenig schwingt bei ihm auch der Eindruck mit, als würde er das alles schon hinkriegen.

Zeit und Geduld gehören schließlich zu den wichtigsten Faktoren eines Entwicklungsprozesses, doch gerade im Fußball sind sie ein fragiles Gut. Es herrscht Druck auf Bosz und dem BVB. Eine Pleite gegen die Bayern und Dortmund hätte seit dem 1. Oktober elf Punkte auf den Rekordmeister eingebüßt.

Durch den droht für den amtierenden Titelverteidiger auch das vorzeitige Pokal-Aus, kurz vor Weihnachten reist der BVB zum Achtelfinale nach München. Seit Mittwoch lässt sich jetzt hinzufügen: Mit etwas Glück hat man zu diesem Zeitpunkt zudem das Überwintern in der Europa League gesichert.

Nach der Länderspielpause muss Dortmund zu den 2017 daheim noch ungeschlagenen Stuttgartern, anschließend kommen Tottenham und Schalke 04 in den Signal Iduna Park. Gefolgt von zwei Auswärtsspielen in Leverkusen und bei Real Madrid.

Zorc: "Es kann die eine oder andere Schramme geben"

Welcher Begriff letztlich für den momentanen Zustand des BVB der richtige ist, erscheint unerheblich. Bosz und der BVB brauchen wieder eine Erfolgsserie wie zu Anfang der Spielzeit.

In einem Prozess steckt nämlich gleichfalls Perspektive - und diese lässt sich nach den letzten Vorstellungen auch trüber darstellen. Zorc meinte zuletzt im kicker: "Es ist klar, dass es in diesem Jahr die eine oder andere Schramme geben kann, weil wir in der Champions League keine guten Ergebnisse geliefert haben. Unser Ziel aber bleibt es, zu den besten Mannschaften Europas zu gehören - und in Deutschland mindestens die Nummer zwei zu sein."

Die erste Schramme der Saison könnte schon im Winter bevorstehen. Und dennoch würde ein Sieg gegen den Rivalen aus München die Dortmunder in der Bundesliga wieder zum Spitzenreiter machen. Nach den Ereignissen bei beiden Teams in den letzten vier Wochen gehen die Borussen als Außenseiter in die Partie. Damit fühlte man sich gegen die Bayern ohnehin oft wohler.

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