Bundesliga - 32. Spieltag

Der Abgrund droht

Von Bastian Strobl
Samstag, 21.04.2012 | 22:40 Uhr
Optimismus sieht anders aus: Michael Preetz, Ante Covic, Rene Tretschok, Otto Rehhagel (v.l.n.r.)
© Getty
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Herthas Hoffnungen auf den Verbleib in der Bundesliga schwinden immer mehr. Die 1:2-Niederlage gegen Absteiger Kaiserslautern glich nicht nur taktisch einem Offenbarungseid. Otto Rehhagel wirkt hilflos, die Fans resignieren bereits. Das Kontrastprogramm ist beim 1. FC Köln zu beobachten.

Die Anhänger im Berliner Olympiastadion sahen keinen anderen Ausweg mehr. Zu viel hatten sie in diesem Jahr bereits mitmachen müssen: die Posse um Markus Babbel, die desaströsen Vorstellungen in der Rückrunde mit bislang mickrigen acht Punkten, die Durchhalteparolen der Offiziellen... Es war einfach genug.

Der zweite Gegentreffer am Samstag brachte das Fass endgültig zum Überlaufen. Einige Hertha-Fans packten ihre Sachen und verließen bereits sieben Minuten vor dem Pausenpfiff das Stadion.

Neben der zur Schau gestellten Enttäuschung war diese Aktion vermutlich auch ein verzweifelter Schrei nach Hilfe, denn die Hertha kommt nach der überraschenden Niederlage gegen Kaiserslautern dem drohenden Abgrund immer näher.

"Die Hütte muss brennen"

Das klang unter der Woche noch ganz anders. Vom "Alles-oder-nichts"-Spiel war die Rede. "Es geht um alles, da muss die Hütte brennen", forderte Peter Niemeyer. Dass es gegen die Roten Teufel vor allem in der eigenen Defensive brennen würde, hatte Niemeyer vermutlich nicht auf dem Zettel.

Zugegeben: Durch die Sperre von Lewan Kobiaschwili war Otto Rehhagel erneut gezwungen, seine Hintermannschaft umzustellen. Auf der Linksverteidiger-Position kam mit dem 21-jährigen Fabian Holland sogar ein Bundesliga-Debütant zum Einsatz.

Dass mit Christian Lell und Adrian Ramos vor beiden Gegentreffer ausgerechnet zwei Routiniers folgenschwere Fehler unterliefen, passt ins Bild. Noch bedenkenswerter ist jedoch die Reaktion nach dem 0:1.

Taktische Umstellung schlägt fehl

Anstatt technische Mängel mit unbändigem Willen aufzuwiegen, ergab sich die Hertha nahezu kampflos ihrem Schicksal. Dass es kein Debakel wurde, lag alleine an Thomas Kraft, dem einzigen Berliner mit Normalform, und Lauterns mangelhafter Chancenverwertung.

Neben den Spielern muss sich dies allerdings auch Rehhagel persönlich ankreiden lassen. Die Umstellung auf 4-4-2, mit der sich Rehhagel mehr Durchschlagskraft in der Offensive erhofft hatte, schlug komplett fehl.

Weder der unsichtbare Nikita Rukavytsya noch Raffael oder Andreas Ottl konnten dem Spiel ihren Stempel aufdrücken. Die Folge: Sowohl Ramos als auch Pierre-Michel Lasogga hingen in der Luft und blieben wirkungslos.

Dass Rehhagel in der zweiten Hälfte wieder auf das bewährte 4-2-3-1 umstellte, war nichts weniger als ein Eingeständnis des 73-Jährigen. Diese taktische Spielerei war rückblickend gesehen wohl nicht der einzige Fehler, den Berlins Trainer einräumen muss.

Rehhagel gibt Hoffnung nicht auf

Seit seinem Amtsantritt am 20. Februar sorgte Rehhagel in schöner Regelmäßigkeit für verdutzte Gesichter. Gerade seine Auftritte gegenüber den Medien blieben dabei in Erinnerung.

Sein historischer Vergleich nach der 1:4-Pleite gegen Wolfsburg ("Noch ist Polen nicht verloren, also noch ist Hertha nicht verloren.") oder der Versuch vor einigen Tagen, Kobiaschwili nach dessen Platzverweis in Schutz zu nehmen ("Kobi ist der fairste Spieler seit dem 2. Weltkrieg."), wirken fehl am Platze und zementieren das Bild eines in die Jahre gekommenen Trainers.

Die Hoffnung hat Rehhagel trotzdem noch nicht aufgeben: "Solange wir noch eine Chance haben, werden wir sie wahrnehmen." Eine gewisse Hilflosigkeit kann der Europameister von 2004 mit diesen Phrasen allerdings nicht von sich weisen.

Preetz vor dem Ende?

Bei Michael Preetz hörte sich das im Anschluss an die Partie schon eindeutiger an. "Mit dieser Leistung hast du diese Chance nicht", so Preetz zu den Aussichten auf den Klassenerhalt. Auch seiner Spieler nahm sich Berlins Geschäftsführer zu Brust und warf ihnen Einstellungsprobleme vor: "Ich habe keine Erklärung so kurz nach dem Spiel. Ich weiß nicht, warum wir das Herz nicht auf den Platz schmeißen und alles geben."

Wie Rehhagel muss sich jedoch auch Preetz hinterfragen lassen. Immerhin stellte er Spieler an den Pranger, die er als Manager nach Berlin geholt hatte. Acht Trainer in den letzten drei Jahren zeugen zudem nicht gerade von einer gewissen Konstanz im Verein.

Sollte der sofortige Abstieg nicht vermieden werden könnte, dürfte es für Preetz in der Hauptstadt noch deutlich ungemütlichter werden. Der Scharfrichter könnte dabei ausgerechnet Markus Babbel spielen.

Babbel als Scharfrichter

Der einstige Hertha-Coach ist am letzten Spieltag mit 1899 Hoffenheim Berlins Gegner und wird vermutlich über den Klassenerhalt seines früheren Arbeitgebers entscheiden.

Sollte die Hertha jedoch am nächsten Wochenende auf Schalke erneut verlieren und der momentan mit 30 Punkten auf dem Relegationsplatz liegende 1. FC Köln in Freiburg gewinnen, wäre das einjährige Intermezzo im Fußball-Oberhaus bereits einen Spieltag vor Saisonende wieder beendet.

Doch nicht nur wegen des Zwei-Punkte-Vorsprungs spricht im Rennen um den Relegationsplatz einiges für die Geißböcke. Im Gegensatz zur Hertha bewiesen die Kölner beim Remis gegen den VfB Stutttgart den im Abstiegskampf überlebensnotwendigen Kampfgeist.

Trainer-Effekt in Köln

"Die Mannschaft hat heute eine Botschaft gesendet! Sie ist so aufgetreten, wie man im Abstiegskampf auftreten muss. Unabhängig von allen Tabellenkonstellationen oder vom Ergebnis ist das für mich die wichtigste 'Message' aus diesem Spiel", so Frank Schaefer.

Offenbar fand der Interims-Coach die richtigen Worte, denn seine Truppe zeigte sich im Duell mit den zuletzt stark aufspielenden Stuttgartern wie ausgewechselt. Der typische Effekt, den ein neuer Trainer häufig mit sich bringt, scheint sich auch in Köln einzustellen.

Dass der FC fußballerisch noch viel Luft nach oben hat, erklärt sich von selbst. Das wissen Schaefer, das wissen die Spieler. In der momentanen Situation zählen jedoch nur die nackten Zahlen.

Hertha fehlt emotionale Stütze

Ein damit verbundenen Aspekt darf jedoch nicht unter den Tisch fallen: Die Stimmung innerhalb der Mannschaft sowie auf den Rängen. Nicht nur, aber vor allem in der fußballverrückten Domstadt.

Gegen Leverkusen hatte man den Eindruck, als hätten die Fans nach den Enttäuschungen der letzten Wochen wieder Frieden mit ihrem Team geschlossen. Eine solche emotionale Stütze wird sicherlich nicht alleine den Ausschlag im Abstiegskampf geben, darf allerdings genauso wenig unterschätzt werden.

In Berlin durfte man um 17.20 Uhr das Kontrastprogramm erleben. Statt eines gelleden Pfeiffkonzerts machten die Zuschauer ihrem Ärger auf eine weitaus schmerzhaftere Art und Weise Luft: Eine gespenstige Stille zog das Olympiastadion in den Bann.

Bis auf ein paar Becher, die in Richtung der blauen Laufbahn geworfen wurden, reagierten die Anhänger mit Gleichgültigkeit auf den nächsten Rückschlag. Zumindest diejenigen, die noch nicht das Stadion verlassen hatten.

Hertha - Kaiserslautern: Daten zum Spiel

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