Letzte Reifeprüfung für den Maestro

Mittwoch, 09.09.2015 | 23:00 Uhr
Xabi Alonso kam im August 2014 von Real Madrid zum FC Bayern München
© getty
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Der Wert von Xabi Alonso für den FC Bayern wird auch nach dem Schweinsteiger-Abgang kontrovers diskutiert. Der Spanier antwortet bislang mit Leistung auf dem Platz. Freiwillig räumen wird er diesen im Bayern-Mittelfeld nicht: Alonsos Job ist noch nicht erledigt.

Xabi Alonso ist viel rumgekommen als Profifußballer. Ob in Spanien, England oder mittlerweile in Deutschland - der 33-Jährige hat seine Spuren hinterlassen. Seine Expertise wird geschätzt und gerne verwendet. Zuletzt wollte die Sunday Times von ihm wissen, was er als ehemaliger Liverpooler vom englischen Fußball hält.

Herausgekommen ist kein besonders positives Fazit. England müsse seine Geschichte und Kultur bewahren, hat Alonso gefordert, doch das Mutterland des Fußballs habe wesentliche Entwicklungen des Spiels verschlafen.

"Der englische Fußball muss sich dem Spiel anpassen. Ich habe ein Interview mit einem Nachwuchsspieler der Liverpool Academy gelesen. Auf die Frage nach seiner größten Stärke hat er geantwortet: 'Mein Tackling'. Sowas tut mir weh. Als Mittelfeldspieler tut mir so eine Aussage weh. Tackling ist wichtig, aber es sollte nicht deine größte Stärke sein. Das ist nicht mehr zeitgemäß", sagte Alonso.

Der Maestro lehrt

Die Sunday Times überschrieb das Interview mit "English lessions from the Maestro". Der Maestro, wie Alonso zu Liverpooler Zeiten auf der Insel aufgrund seines charmanten Spielstils genannt wurde, erklärt England den modernen Fußball.

Seine Erfahrung, seine Titelsammlung, aber auch seine Einstellung zum Beruf und der Wunsch, das Spiel nicht nur zu spielen, sondern auch zu verstehen und vermitteln zu können, haben Alonso zu einem sehr begehrten Interviewpartner gemacht. Seine Ausführungen sind interessant und glaubhaft, Stromlinienförmiges hört oder liest man selten.

"Fußball ist ein Spiel. Und da spielen Glück und Zufälle natürlich eine Rolle. Aber Vieles ist planbar. Ich bin davon überzeugt, dass man im Sport nur Erfolg haben kann, wenn man sich Gedanken macht, warum Dinge so oder so passiert sind und sich auch selbst hinterfragt", sagte Alonso einmal.

Bayern war die richtige Entscheidung

Das tut der Spanier in fortgeschrittenem Alter immer öfter. "Ich bin heute ein anderer Spieler als mit 22. Ich analysiere heute viel mehr. Ich weiß, welche Wege Sinn machen und welche essentiell sind. Wissen Sie: Schnell war ich noch nie. Auch mit 22 nicht. Daran hat sich mit 33 nichts geändert. Aber ich kann den Ball schnell machen und wurde auf hohem Niveau ein Spieler, der seine Erfolge hatte", sagte Alonso dem Münchner Merkur.

Nach großen Erfolgen mit Liverpool, Real Madrid und der spanischen Nationalmannschaft wollte Alonso noch einmal zu einem neuen Top-Klub.

"Ich habe nach dem Champions-League-Triumph mit Real Madrid gespürt, dass es das noch nicht gewesen sein kann. Dass ich den Job noch nicht erledigt habe. Deshalb wollte ich noch einmal zu einem neuen Spitzenklub. Und ich fühle beim FC Bayern jeden Tag, dass ich die richtige Entscheidung getroffen habe", sagte er im Gespräch mit SPOX.

Stammspieler mit Bundesligarekord

In seiner ersten Saison in München war Alonso unumstrittener Stammspieler. Er stand in 39 von 45 Pflichtspielen in der Startelf und stellte gegen den 1. FC Köln mit 206 Ballkontakten einen neuen Bundesligarekord auf.

Als die Bayern spät in der Saison aus Champions League und DFB-Pokal ausschieden, wurde seine Rolle jedoch verstärkt hinterfragt. Im Detail ging es um die Verträglichkeit von Alonso und Bastian Schweinsteiger im Mittelfeld, sowie Alonsos Leistungsabfall infolge nachlassender Spritzigkeit.

Wie wertvoll Alonso für die Bayern noch sein kann, bewies er im CL-Halbfinale gegen Barcelona im Camp Nou. Als einzigem Münchner Mittelfeldspieler gelang es ihm, Zweikämpfe zu gewinnen, Bälle zu erobern und zumindest phasenweise, sich Barcas Wirbelwind entgegenzustellen.

Weltklasse als Innenverteidiger

Trotz Schweinsteigers Abgang zu Manchester United ist Alonso auch in dieser Spielzeit Bestandteil vieler Diskussionen. Nicht wenige trauen ihm nicht mehr zu, höchsten Ansprüchen der Bayern zu genügen. Zumal die Konkurrenz auch ohne Schweinsteiger enorm ist: Arturo Vidal, Thiago, Philipp Lahm, David Alaba, Joshua Kimmich, irgendwann auch Javi Martinez - Pep Guardiola hat reichlich Alternativen.

Der zentrale defensive Mittelfeldspieler des Trainers hieß in den ersten Saisonspielen Xabi Alonso. Beim 3:0 gegen Bayer Leverkusen half er zusätzlich als zentraler Abwehrspieler aus, wenn situationsbedingt von Dreier- auf Viererkette umgestellt wurde, worauf hin ihm von Sportvorstand Matthias Sammer eine "Weltklasseleistung" attestiert wurde.

Seine Werte sind sehr ordentlich: Laut Opta kommt Alonso in den drei Bundesligaspielen auf 90,3 Prozent Passquote und war an sechs Torschüssen der Bayern beteiligt.

Alonso weiß, dass ihn jedes schwächere Spiel den Platz in der ersten Elf kosten könnte: "Man muss sich bei Bayern auf Top-Niveau beweisen, immer um seinen Platz kämpfen. Ist man nicht in Top-Form, zittert man um seinen Platz. Auch ich."

Vertrauen aufs eigene Gefühl

Die Analyse seiner Leistungen überlässt er ungern anderen. "Ich bin mein eigener Kritiker. Ich weiß ganz gut, wenn ich Dinge richtig mache und wann ich mit meinem Spiel zufrieden bin. Deswegen höre ich da lieber auf meine eigenen Gefühle", sagt Alonso.

Das Gefühl habe ihn bislang selten im Stich gelassen und Alonso vertraut auch darauf, wenn es um seine Zukunft geht. Eine Vertragsverlängerung in München kann er sich ebenso vorstellen wie eine weitere Station im Ausland.

"Wir werden sehen, wie ich mich am Ende der Saison fühle und was der Klub denkt. Aber ich fühle mich gut und habe mir bisher kein Limit gesetzt, ob ich noch ein, zwei, drei - oder auch null Jahre weiter spiele. Ich habe keine Deadline und schließe keine Türen. Ich liebe diese Erfahrungen, die man für sein Leben sammeln kann. Wenn meine Familie dahintersteht, ist so etwas immer denkbar", so Alonso.

Für ihn sei entscheidend, "ob ich meine Qualitäten noch ausspielen kann. Aktuell funktioniert es sehr gut, und wenn es mit 35 noch genauso geht, trete ich nicht ab. Es ist noch nicht der Zeitpunkt gekommen, um zur Seite zu treten und andere vorbeizulassen."

Aufschließen zum Professor?

Seine zweite Saison beim FC Bayern wird für Alonso zur letzten Reifeprüfung einer bereits beeindruckenden Karriere. Er muss beweisen, dass er noch mithalten kann auf höchstem europäischen Niveau. Er muss sich seinen Platz erarbeiten inmitten der Thiagos und Vidals.

An mangelnder Motivation wird Alonso jedenfalls nicht scheitern. Er will immer noch jedes Spiel gewinnen: "Wenn du als FC Bayern ein Bundesligaspiel verlierst, ist es immer ein Drama. Das gefällt mir, das spornt mich an."

Das gilt freilich auch für die Champions League. Bislang hat erst ein Spieler die Königsklasse mit drei verschiedenen Vereinen gewonnen: Clarence Seedorf. Der Niederländer wurde zu seiner Zeit beim AC Milan Professore genannt. Maestro und Professore können durchaus in einer Liga spielen.

Xabi Alonso im Steckbrief

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