Schalke unter Di Matteo in der Datenanalyse

Kampf dem ewigen Pendel

Von Daniel Reimann
Donnerstag, 05.03.2015 | 18:15 Uhr
Roberto Di Matteo übernahm Schalke 04 im Oktober vergangen Jahres
© spox
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Roberto Di Matteo sollte bei Schalke 04 den Umbruch einläuten. Doch die Datenanalyse mit Hilfe von Opta zeigt: Die Transformation unter Jens Kellers Nachfolger gerät ins Stocken. Denn trotz diverser Fortschritte bleibt vor allem eins bestehen: Die Schalker Urkrankheit.

Seinen wichtigsten Auftrag hatte sich Roberto Di Matteo mit Amtsantritt im Oktober selbst gegeben. "An der defensiven Struktur müssen wir arbeiten", kündigte er an. Er sah in Schalke 04 eine "gute Mannschaft, die nach vorne viel Potenzial besitzt, aber in der Defensive einige Probleme hat." Er wollte diese Probleme abstellen, die Abwehr stabilisieren.

Di Matteo war bekannt, ja beinahe schon berüchtigt für seine zurückgezogene Spielweise, die auf geduldiges Verteidigen und ein strukturiertes Angriffsspiel ausgelegt ist. Den FC Chelsea führte er auf diese Weise - kombiniert mit einer gnadenlosen Effektivität - seiner Zeit zum Champions-League-Titel.

Fünf Monate später steckt Schalke in der ersten kleinen Krise unter Di Matteo. Nur einen Punkt holte Königsblau aus den letzten vier Spielen, der blutleere Auftritt im Revierderby warf Fragen auf. Wie weit ist der erhoffte fußballerische Wandel überhaupt schon fortgeschritten? Spiegelt sich der Umbruch in Zahlen wieder? Und hat sich unter dem neuen Trainer überhaupt viel zum Positiven verändert? SPOX bemüht mit Unterstützung von OPTA die Datenanalyse.

Dichtes Zentrum, weniger Gegentore

Der Italiener hat S04 ein neues Spielsystem verpasst, das auf den ersten Blick tatsächlich stabiler wirkt. Königsblau agiert in einem Hybrid aus 3-5-2 und 5-3-2. Bei eigenem Ballbesitz schieben die Außenverteidiger nach vorne und hinterlassen eine Dreierkette.

Im Spiel gegen den Ball wiederum bildet Schalke mit drei Innenverteidigern und zwei absichernden Sechsern ein eng besetztes Zentrum und treibt den Gegner auf die Flügel, wo die Außenverteidiger Druck auf den Ballführenden ausüben.

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Gegen spielerisch hochklassige Teams wie Chelsea, Dortmund oder Madrid offenbart das System noch immer enorme Lücken, doch fußballerisch unterlegene Gegner tun sich gegen Königsblau dadurch oft schwer.

Ein ebenso einfacher wie oberflächlicher Indikator für die Qualität der Schalker Defensivarbeit ist die durchschnittliche Anzahl an Gegentoren. Hier kann Di Matteo tatsächlich kleine Fortschritte aufweisen. Kassierte Schalke unter Jens Keller diese Saison noch wettbewerbsübergreifend 1,6 Tore pro Spiel, waren es unter dem neuen Coach nur noch 1,4.

Die durchschnittliche Position der Schalker beim 4:1 gegen Mainz

Gegnerische Effektivität leidet

Doch Schalkes Gegner erzielten gegen Di Matteo nicht nur durchschnittlich weniger Treffer, auch der dazu notwendige Aufwand ist gegen das "neue" Schalke größer. Reichten unter Kellers gesamter Amtszeit noch durchschnittlich 8,3 Schüsse des Gegners für ein Tor, benötigt man seit Di Matteos Antritt nun beinahe elf Schüsse pro Treffer.

Man kann es auf die mangelnde Effektivität gegnerischer Stürmer oder andere Faktoren schieben. Doch Di Matteos systemtaktische Ausrichtung ist zumindest einer der Gründe dafür. Denn dank der hinzugewonnenen Kompaktheit im Defensivzentrum bleiben dem Gegner oft nur qualitativ schlechtere Torchancen - zum Beispiel Abschlüsse aus der Distanz.

Darüber hinaus führt das konsequente Absichern bei eigenen Angriffen durch das Verteidigungs-Trio sowie mindestens einen der Sechser dazu, dass Schalke nicht mehr so oft in verheerende Unterzahl-Situationen gerät, wenn der Gegner nach Ballgewinn schnell umschaltet.

Passivität und Geduld

Ein weiteres klassisches Kennzeichen von Di Matteos Spielphilosophie hat sich bei Königsblau bereits vom ersten Tag an etabliert: Passivität. Reaktion statt Aktion. Di Matteo lässt sein Team aus einer kollektiven Zurückgezogenheit heraus agieren.

Dominanz durch Ballbesitz ist für den Italiener ein Fremdwort. Stattdessen zwingt er dem Gegner sein im Idealfall zermürbend-diszipliniertes Spiel gegen den Ball auf. Seit seiner Übernahme hat es Di Matteo damit geschafft, Schalkes durchschnittlichen Ballbesitzanteil pro Bundesligaspiel in dieser Saison von fast 54 auf 47 Prozent zu senken.

Geduld ist dabei das Zauberwort. Statt mit überfallartigem Gegenpressing will Schalke seinen Gegenüber durch hartnäckiges Anlaufen des Ballführenden und ausbalanciertes Zustellen der Passwege zu Fehlern zwingen. In unmittelbare Zweikämpfe stürzt sich die königsblaue Elf dadurch deutlich seltener. Unter Keller führte S04 saisonübergreifend 141 Zweikämpfe pro Spiel, während der durchschnittliche Wert unter Di Matteos Regie auf 128 gesunken ist.

Minimalistisches Angriffsspiel

Ein weiteres Stilmittel, das Di Matteo bei Chelsea bisweilen zur Perfektion getrieben hat, war eine minimalistische Effektivität im Angriffsspiel. Gerade gegen ebenbürtige Gegner investierten die Blues selten mehr als nötig im Angriffsspiel, um dann schon den kleinsten Fehler eiskalt zu bestrafen. Eine Tatsache, die unter anderem der FC Bayern im Finale dahoam auf bitterste Art und Weise erfahren musste.

Auch bei Königsblau lassen sich dahingehend Fortschritte erkennen - wenn auch nur in Ansätzen. In der laufenden Saison trifft Di Matteos Schalke beinahe genauso oft (1,3 Tore pro Spiel) wie in den ersten zehn Pflichtspielen unter Keller (1,4). Allerdings benötigt Schalke unter dem Italiener pro Spiel nur noch durchschnittliche 11,7 Schüsse dafür, während der Wert unter Keller noch bei 13,2 lag. Unter dem neuen Coach darf Schalke immerhin schon jeden neunten Torabschluss bejubeln.

Beeindruckend ist in diesem Zusammenhang vor allem die gesteigerte Siegesquote während der laufenden Saison. Keller gewann 2014/2015 lediglich zwei seiner zehn Pflichtspiele. Di Matteo hingegen triumphiert seit seiner Übernahme in 48 Prozent aller Partien. Ein Hauch von Effektivität hat der Italiener Schalke also offensichtlich schon einflößt.

Seite 1: Stabilität, Passivität, Effektivität - Ansätze von Di-Matteo-Fußball

Seite 2: Lücken, Standardschwächen und die Schalker Urkrankheit

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