Der Unfassbare

Donnerstag, 19.02.2015 | 11:57 Uhr
Kevin De Bruyne (l.) und Ivan Perisic (r.) vom VfL Wolfsburg
© getty
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Kevin De Bruyne hat sich zu einem der besten Mittelfeldspieler der Bundesliga entwickelt und ist mit dem VfL Wolfsburg auf dem Weg, sich direkt für die Champions League zu qualifizieren. Der 24-jährige Belgier engagiert sich privat für viele wohltätige Projekte, offenbart in gewissen Situationen aber auch eine andere Seite.

Im August 2014 sorgte Kevin De Bruyne für Aufsehen in den sozialen Medien. Auf seinem Instagram-Profil veröffentlichte er ein Foto, das den Belgier mit engstehenden, schräg aufwärtsgerichteten Augen und einem runden Gesicht zeigt - typischen Merkmalen für Menschen mit Trisomie 21.

"Wärst Du immer noch mein Fan, wenn ich so aussehen würde?", steht neben das Bild geschrieben. De Bruyne will sich mit seinem Foto aber keineswegs über Menschen lustig machen, die am Down-Syndrom leiden - im Gegenteil.

Der belgische Nationalspieler ist Botschafter für die Special Olympics, die Olympischen Spiele für Menschen mit kognitiver Behinderung. "Ich hoffe, ihr kommt alle und schaut euch die Special Olympics an. Denn jede großartige Leistung verdient ein großartiges Publikum. Ich bin stolz, einer der Botschafter zu sein." Es ist nicht das einzige soziale Projekt, das De Bruyne unterstützt, auch für den Vogelpark Walsrode fungiert er als Botschafter.

De Bruyne stellt Rekorde auf

Sportlich könnte es für De Bruyne vor dem Duell in der Europa League gegen Sporting (19 Uhr im LIVE-TICKER) ebenfalls kaum besser laufen. Seit seinem Transfer zum VfL Wolfsburg im Winter 2013 hat sich der 24-Jährige konstant weiter entwickelt und gehört aktuell zu den besten Mittelfeldspielern der Liga. De Bruyne wechselte für 22 Millionen in die Autostadt und wurde erst Anfang 2015 als teuerster Wintertransfer der Bundesliga-Geschichte von Mannschaftskollege Andre Schürrle abgelöst.

Unfassbare acht Tore und zwölf Vorlagen konnte der Belgier bis zum 21. Spieltag verbuchen. Seit der detaillierten Opta-Datenerfassung von Toren und Vorlagen konnte kein Mittelfeldspieler in der Bundesliga einen solchen Wert erreichen. Selbst Zvjezdan Misimovic hatte zum gleichen Zeitpunkt in der Meistersaison fünf Scorerpunkte weniger. Dazu kommen weitere sechs Scorerpunkte in der Europa League und einer im Pokal. Zum Vergleich: In der gesamten Rückrunde der vergangenen Saison gelangen dem 24-Jährigen wettbewerbsübergreifend "nur" zehn Torbeteiligungen.

Zahlen, die eindrucksvoll unter Beweis stellen, dass De Bruyne in diesem Jahr einen weiteren, großen Schritt nach vorne gemacht hat. Der Belgier vereint Geschwindigkeit, Technik und Kaltschnäuzigkeit, wie es sonst nur Arjen Robben, Marco Reus oder Franck Ribery verkörpern.

Seine Beidfüßigkeit und große Flexibilität innerhalb des Systems sind hingegen Alleinstellungsmerkmale. Ob als inverser Flügelstürmer, bewegliche Neun oder moderner Zehner: De Bruyne kann fast jede Position in der Offensive Wolfsburgs bekleiden und ermöglicht seinem Trainer Dieter Hecking so mannigfaltige Varianten - vor und während des Spiels.

Wohlfühlzone Wolfsburg

De Bruyne hat dazugelernt, ist ruhiger geworden. Wollte er zu Bremer Zeiten noch fast jeden Pass tödlich in die Gasse legen, scheut er heute auch das sichere Abspiel zum Neben- oder Hintermann nicht. Er muss sich nicht mehr beweisen, nicht mehr vorspielen oder zwingend glänzen, um sich für höhere Aufgaben zu empfehlen oder einen Trainer von sich zu überzeugen. In Wolfsburg hat er endlich das, wonach er seit Jahren strebt: Eine Wohlfühlzone.

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"Für mich war es sehr wichtig, nach vier Klubs in zweieinhalb Jahren wieder Kontinuität zu finden", erklärte er damals seine Entscheidung, zum VfL zu wechseln. Dass er sich für die Wölfe entschied, verdankt der Verein zu großen Teilen Klaus Allofs.

Der Manager lockte De Bruyne schon nach Bremen und hielt seitdem den Kontakt zum Belgier. Beide wissen, was sie aneinander haben. Ein für De Bruyne ausschlaggebender Faktor. Zu oft musste er in den vergangenen Jahren seine Zelte auf- und abbrechen.

Beim FC Chelsea traute man De Bruyne den Durchbruch in der Premier League noch nicht zu und parkte ihn deshalb in der Bundesliga bei Werder. Der 24-Jährige zeigte sich nicht begeistert, wollte die Chance auf mehr Spielpraxis aber nutzen, um die Blues vom Gegenteil zu überzeugen. Auch wenn es sportlich durchaus gut lief, kam der Belgier nie richtig an der Weser an.

Öffentliche Kritik am Verein

Die erhofften Reaktionen aus London ließen auf sich warten, dazu das nordische Klima im Klub: De Bruyne fühlte sich nicht richtig wohl in Bremen. Es mag kein Einzelfall sein, dass junge Spieler nach einem Vereinewechsel eine gewisse Anlaufzeit benötigen. De Bruynes Fehler war, dass er seinem Unmut laut Kund tat. Im Gespräch mit belgischen Zeitungen bemängelte er "die fehlende Wärme im Klub" und gab sich froh, "nur für ein Jahr unterschrieben zu haben."

Zwar ruderte De Bruyne nach dem Bekanntwerden der Kritik zurück, ein fader Beigeschmack aber blieb. Es sollte kein Einzelfall bleiben. Sei es aus Enttäuschung, Wut oder Trauer: Der Belgier hat seine Emotionen nicht immer im Griff, für Außenstehende ist sein Verhalten streckenweise nur schwer zu fassen.

Schon nach seiner Rückkehr zu Chelsea wiederholten sich die Vorfälle. De Bruyne spielte nur kurz eine Rolle unter Jose Mourinho, fand sich im Anschluss aber meist auf der Bank und oft auf der Tribüne wieder. Erneut ließ sich De Bruyne gegenüber belgischen Medien zu Kritik hinreißen und deutete falsche Versprechungen an.

Wann platzt der Knoten?

Auch in Wolfsburg ist dem 24-Jährigen schon der eine oder andere Aussetzer unterlaufen. Im März 2014 flog er in der Partie gegen Augsburg (1:1) nach einem Frustfoul mit anschließendem Rempler gegen Schiedsrichter Felix Zwayer vom Platz.

VfL-Trainer Hecking nahm seine Nummer 14 im Anschluss in Schutz, machte aber auch deutlich, dass man sich mehr von De Bruyne erwarte: "Ich weiß nicht, ob er noch nicht wirklich bei uns angekommen ist. Kevin weiß, dass die Erwartungshaltung sehr groß ist, was ihn manchmal hemmt. Davon muss er sich freimachen. Derzeit müssen wir akzeptieren, dass ihm nicht alles gelingt. Wenn es auch in der Mannschaft wieder besser läuft, bin ich sicher, dass Kevin den Knoten platzen lassen wird."

"Give me the ball, you motherfucker"

Erst vor kurzem sorgte er mit der Beleidigung eines Balljungen, dem er "Give me the ball, you motherfucker" entgegenbrüllte, erneut für Aufregung. Auch im Spiel gegen Frankfurt (1:1) lief zum Zeitpunkt des Bocks wenig zusammen beim VfL, vor allem aber bei De Bruyne, der sich nur wenige Tage später bei dem Jungen entschuldigte: "Das war Blödsinn, ich habe die falschen Worte benutzt". Darüberhinaus schenkte er dem U-16-Spieler der Eintracht ein signiertes Trikot.

Kevin De Bruyne ist ohne Zweifel ein begnadeter Fußballer und auf dem besten Weg, sich auch für die ganz großen Klubs interessant zu machen. Er ist aber auch ein Heißsporn, der lernen muss, seine Emotionen auch in schwierigen Situationen unter Kontrolle zu haben.

Sein vorbildliches soziales Engagement und seine offene und herzliche Art, die seine Mannschaftskollegen mehrfach hervorhoben, zeigen, dass an De Bruyne keinesfalls ein Grobian der Marke Paul Gascoigne verloren gegangen ist. Sondern vielmehr ein junger Spieler, dem es in den vergangenen Jahren zu oft an Rückhalt, Vertrauen und einer wirklichen Heimat fehlte.

Darüberhinaus ist es fraglich, ob ein gewisses Maß an Hitzköpfigkeit für seine Karriere und Entwicklung tatsächlich hinderlich sein kann. Schließlich haben Spieler wie Zinedine Zidane, Cristiano Ronaldo oder Franck Ribery es mit ähnlichen Anlagen auch in die Weltspitze geschafft.

Kevin de Bruyne im Überblick

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