Luka Modric geht erhobenen Hauptes, Calcio geht auch ohne Juventus: Drei Dinge, die bei Kroatien gegen Italien auffielen

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Titelverteidiger Italien erreicht mit der italienischsten Souveränität (zittern bis zum Schluss, dann Traumtor) das Achtelfinale bei der EM, hat aber ein Stürmerproblem. Kroatien scheidet aller Voraussicht nach aus, Luka Modric tritt aber erhobenen Hauptes ab. Drei Dinge, die auffielen.

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Luka Modric, EM 2024, EURO, Kroatien, Italien
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Kroatiens Säulenheiliger: Luka Modric verabschiedet sich erhobenen Hauptes

Zerschellt an den krakenartigen Extremitäten von Gigio Donnarumma beim Elfmeter: Das hätte Luka Modric einfach nicht verdient gehabt, dass sein voraussichtlicht letzter Auftritt bei einem internationalem Turnier so sang- und klanglos endet. Und so traf der Altmeister nur 31 Sekunden nach seinem verschossenen Elfmeter eben mit Gewalt zum letztlich nutzlosen, aber zunächst reanimierenden 1:0 für Kroatien. Auch wenn Kroatien schließlich wegen Mattia Zaccagnis Traumtor in der Nachspielzeit so gut wie ausgeschieden ist - Modric tritt erhobenen Hauptes von der internationalen Bühne ab.

Was war nicht alles an - berechtigter Kritik - heruntergeprasselt auf den 38-Jährigen und seine restlichen auch schon weit über mittelalten Mittelfeld-Buddies nach den enttäuschenden Auftritten gegen Spanien und Albanien zum Auftakt in diese EM: Zu langsam, zu wenig zielgerichtet, das Spiel zu verschleppend, zu erfolglos und überhaupt - zu sehr über dem Zenit und viel zu alt.

Alles wahr, Modric ist doch nicht der Benjamin Button des Weltfußballs. Nachdem es lange so ausgesehen hatte, dass er immer jünger werden würde, wurde er zuletzt sehr schnell sehr alt, aber zur Wahrheit gehört auch: Modric hatte schon beim 2:2 gegen Albanien 64 Pässe im letzten Drittel gespielt, die zweitmeisten eines Spielers bei einer EM nach Mesut Özil (74 bei der EM 2012 gegen Griechenland) überhaupt.

Als er unter dem frenetischen Applaus der kroatischen Fans in der 81. Minute gegen Italien ausgewechselt wurde, waren es zwar nur 23 Pässe im letzten Drittel, aber das waren wieder mit Abstand die meisten aller Spieler auf dem Platz. Auch die meisten Pässe ins Angriffsdrittel (8) und Schüsse (3) gab er ab für seine Mannschaft.

Modric, der Säulenheilige des kroatischen Fußballs, der ziemlich sicher noch ein Jahr dranhängen wird bei Real Madrid, war wieder der entscheidende Spieler Kroatiens. Beim Gegentor saß er schon draußen. Er wurde zurecht zum Spieler des Spiels ausgezeichnet.

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Italien: Calcio geht auch ohne Juventus Turin

Seit der Saison 2019/2020 ist Juventus nicht mehr Meister geworden in der Serie A, der einstige Seriensieger und Rekordchampion ist nach den Mailänder Klubs Inter und AC Milan nur noch die Nummer drei in Italien - und das kommt allmählich auch in der Squadra Azzurra an. Erstmals seit der WM 1998 im Spiel gegen Kamerun startete Italien bei einem großen Turnier ohne einen Spieler der Vecchia Signora in eine Partie.

Der einzige hochklassige Spieler von Juventus auf der Bank war zudem Federico Chiesa, dem zwar seit Jahren ein gewisses Interesse des FC Bayern München nachgesagt wird, das aber ehrlicherweise jedes Mal unverständlicher wird, wenn man ihn spielen sieht.

Chiesa ist an guten Tagen ein passabler Außenstürmer, doch an schlechten Tagen gelingt ihm wenig bis nichts. Vor allem fehlt ihm offenbar die Eigenschaft, der Leader einer Mannschaft zu sein, die nach Anführern auf dem Platz lechzt.

Nach einer fast schon mehr als unsichtbaren Vorstellung gegen Spanien saß Chiesa gegen Kroatien nur auf der Bank. Stattdessen spielte Giacomo Raspadori von der SSC Neapel (dem auch nicht viel gelang). Das entscheidende Traumtor gelang schließlich dem eingewechselten Flügelstürmer Mattia Zaccagni von Lazio.

Man sieht: Italien ist spätestens beim dritten Gruppenspiel wieder ganz bei sich angekommen. Die spielerische Revolution, die Nationaltrainer Luciano Spalletti anstoßen möchte und die am ersten Spieltag gegen Albanien für einen sehr rassigen Kick gesorgt hatte, muss offensichtlich warten.

Gegen Kroatien war man von Beginn an auf ein 0:0 aus, zeigte nur kurz nach der Pause vor dem Gegentreffer Angst und holte schließlich mit der italienischsten Souveränität (zittern bis zum Schluss und dann ein Traumtor) den nötigen Punkt für Platz zwei. Calcio funktioniert also auch ohne Juventus.

Mateo Retegui, Italien, Kroatien, EM
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Italiens Stürmerproblem: Mateo Retegui ist ein wandelndes altes Klischee

Es verlangt ja niemand Bobo Vieri, Pippo Inzaghi, Luca Toni, Mario Balotelli oder die genialen Fantasista Roby Baggio, Francesco Totti oder Alessandro del Piero. Aber bei der Squadra Azzurra der Klasse 2024 läuft noch nicht einmal ein semiwertiger Angreifer wie Ciro Immobile herum.

Stattdessen versuchte sich gegen Kroatien Mateo Retegui, vor 25 Jahren in Argentinien geboren, ganz vorne. Retegui, der Angreifer von CFC Genua, erhielt die Staatsbürgerschaft im Eilverfahren dank seiner italienischen Großeltern. So weit nicht ungewöhnlich, auch Mittelfeldspieler und Europameister Jorginho etwa wurde eingebürgert.

Jedoch, nachdem dieser als Jugendlicher in das Land seiner Großeltern gekommen und bereits zehn Jahre in Italien gelebt hatte; Retegui hatte vor seinem ersten Länderspiel für die Squadra Azzurra im Frühjahr 2023 noch nie italienischen Boden betreten. So groß war die Not der Azzurri im Angriff. Doch was die Eile bei Retegui sollte, erschließt sich nicht.

Der Angreifer ist weder besonders schnell, noch weiß er besonders viel mit dem Ball anzufangen. Gegen Spanien dauerte es nach seiner Einwechslung 20 Minuten, bis er das erste Mal am Ball war. Gegen Kroatien war er zwar aktiver, gab auch die meisten Schüsse aller Spieler ab (drei, alle in der ersten Halbzeit), aber er wirkte immer wie ein Stürmer von trauriger Gestalt.

Er ist ein Mittelstürmer ganz alter Schule, der, wenn er den Ball in der genau richtigen Position erhält, diesen durchaus im Tor unterbringen kann. Wenn nicht, steht er stets mit mindestens einem Bein im Abseits, schießt die Gegenspieler an oder stolpert über den Ball und liegt dann erst einmal eine gefühlte Ewigkeit auf dem Rasen (einverstanden, Marcelo Brozovic hatte ihm in besagter Szene, nachdem Retegui über den Ball gestolpert war, noch recht unabsichtlich einen leichten Wischer mitgegeben). Retegui ist ein wandelndes ganz altes italienisches Klischee - und das als gebürtiger Argentinier.

Und doch strahlt Retegui immer noch mehr Torgefahr aus als Gianluca Scamacca, der sich während der ersten zwei Spiele ganz vorne versuchen sollte. Scamacca ist im Steil-Klatsch-System von Spalletti eher als Wandspieler vorgesehen, der den Ball auch im Strafraum wieder zurücklegen soll auf Nicolò Barella oder einen anderen schussstarken Spieler.

Doch dafür müsste man eben auch einmal an den Ball kommen im Strafraum. Oder den Ball auch dorthin passen, wo ein Spieler angelaufen werden könnte. Oder zur Not halt mal selbst schießen. Das alles tat er kaum. Ähnlich düster sieht es bei den Flügelspielern aus. Chiesa enttäuschte gegen Spanien auf ganzer Linie und musste gegen Kroatien Platz machen für Giacomo Raspadori, dem auch nicht viel gelang.

Selbst wenn die Azzurri sich für das Achtelfinale qualifizierten, nur auf Traumtore hoffen ist als Strategie ein bisschen wenig.

EM 2024: Die Abschlusstabelle der Gruppe B

#MannschaftSp.SUNToreDiff.Pkt.
1Spanien33005:059
2Italien31113:304
3Kroatien30213:6-32
4Albanien30123:5-21
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