Muss sich Deutschlands Sergio Ramos "den Mund zutapen"? Robert Andrichs spezielle Rolle im DFB-Team

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Robert Andrich (29) ist nicht der talentierteste Spieler der deutschen Nationalmannschaft, könnte aber dennoch ein entscheidender Erfolgsbaustein werden: Der Spätstarter von Bayer Leverkusen ist Julian Nagelsmanns "Chef-Worker", eifert Sergio Ramos und zwei Bremern nach, steht gerne auf Gegners Füßen und will sich bei der EM womöglich "den Mund zutapen".

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"Jaaa, na gut", sagt Robert Andrich und sucht kurz nach zitierfähigen Worten. Bei einer Medienrunde im DFB-Camp in Herzogenaurach geht es gerade um sein Abräumer-Vorbild Sergio Ramos. Darum, dass man dessen Spielweise durchaus auch kritisch sehen könnte. Stichwort Champions-League-Finale 2018, als Ramos Liverpools Stürmer Mohamed Salah mit einer rüden Attacke verletzte und somit aus dem Spiel nahm. Letztlich jubelten natürlich Real Madrid und Ramos, wie immer.

"Jaaa, na gut", sagt Andrich also. "Man braucht schon ein richtiges Gespür, wie doll man nachgehen kann oder wie arg der Stoß ist. Nachtreten ist zu viel, aber so ein kleiner Rempler von der Seite oder mal auf dem Fuß des Gegners zu stehen, ist schon erlaubt." Auch das "hitzige Provozieren" gehöre für ihn dazu oder "mal von hinten reinzugehen". Es würde schließlich "etwas mit einem Gegenspieler machen, wenn er immer wieder einen kleinen Kontakt kriegt. Das kann jemanden schon aus dem Konzept bringen".

Diese kleinen Nickligkeiten habe sich Andrich unter anderem von Ramos, mittlerweile 38 und beim FC Sevilla, abgeschaut und in sein eigenes Spiel integriert. Bestens zu begutachten bei seinem Startelfdebüt für Deutschland gegen Frankreich im März. Mit einem weiteren Foul entnervte er Kylian Mbappé dermaßen, dass der Superstar zurücktrat und dafür durchaus die Rote Karte hätte sehen können. "Wenn er die bekommt, habe ich alles richtig gemacht", sagte Andrich anschließend.

Aber nicht nur fußballerisch erinnert Andrich an den langjährigen spanischen Nationalverteidiger Ramos, sondern auch optisch: Der entschlossene Blick, der Bart, der wuchtige Körper, 1,87 Meter sind es, dazu die Tattoos. Wie viele eigentlich? "Gute Frage, 100 aufwärts." Vielleicht kommt in einem Monat ja der EM-Pokal dazu.

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Nagelsmanns Spätstarter: Wie Robert Andrich im DFB-Team landete

Als der Gewinn dieses Pokals für Deutschland nach den desillusionierenden Pleiten gegen die Türkei und Österreich im November vollkommen unrealistisch erschien, beschloss Bundestrainer Julian Nagelsmann einige grundlegende Änderungen vorzunehmen. Einerseits überredete er Toni Kroos zum DFB-Comeback, andererseits kündigte er an: "Vielleicht müssen wir auf zwei Prozentpunkte Talent verzichten und zwei Prozentpunkte mehr Worker reintun."

Und damit zu Robert Andrich. Im Alter von 29 Jahren hatte ihn Nagelsmann für die USA-Reise im Oktober erstmals in die Nationalmannschaft berufen, gegen Österreich verhalf er ihm per Einwechslung zu seinem ersten Länderspieleinsatz. Seit seinem gelungenen Startelfdebüt gegen Frankreich ist Andrich auf der Doppelsechs neben Stratege Kroos gesetzt. Als Chef-Worker oder "eine Art Zerstörer", wie Nagelsmann neulich betonte.

Seit dieser Mittelfeld-Neustrukturierung geht es mit dem DFB-Team aufwärts, seitdem ist die Hoffnung zurück. Zuletzt kürten die Bundesligaspieler Deutschland in einer Umfrage des kicker sogar zum Top-Favoriten auf den Titel. Dreimal standen Andrich und Kroos bisher gemeinsam auf dem Platz, dreimal gewann Deutschland. Auch die rundum schwache Generalprobe gegen Griechenland, bei der Andrich erstmals im DFB-Trikot enttäuschte. Immerhin stimmten der Wille und letztlich das Ergebnis.

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Der neue Torsten Frings: Deutschland und seine Abräumer

Es ist übrigens gar nicht so lange her, dass Andrich schon mal mit Kroos zusammenspielte. Jedoch nicht mit Toni, sondern mit dessen weniger talentierten Bruder Felix und zwar bei Union Berlin. Andrich ist ein klassischer Spätstarter. Der gebürtige Potsdamer kämpfte sich durch die Ligen, feierte erst mit 24 sein Bundesligadebüt, 2021 wechselte er von Union zu Bayer Leverkusen, stieg dort zum Double-Sieger und Stammspieler der Nationalmannschaft auf.

Was Nagelsmann von ihm erwartet? Bei seinem persönlichen Rollengespräch habe ihm der Bundestrainer zwei Schlagworte mitgegeben, berichtet Andrich: "Stabilität und Sicherheit." Andrich ist ein Spielertyp, wie ihn die deutsche Nationalmannschaft lange nicht mehr hatte. Beziehungsweise wie ihn die jeweiligen Bundestrainer auf der Suche nach dem schönen Spiel lange nicht mehr einsetzten.

Große Erfolge des DFB-Teams waren in der Vergangenheit aber oft mit richtigen Abräumern verbunden. Beim WM-Titel 1974 grätschte Georg Katsche Schwarzenbeck für Kaiser Franz Beckenbauer, beim letzten EM-Titel 1996 avancierte Dieter Eilts zum Chef-Worker. Wie Andrich war auch der Bremer ein Spätstarter, er hatte ebenfalls erst im Alter von 29 Jahren in der Nationalmannschaft debütiert.

Beim Sommermärchen 2006 nahm Torsten Frings - damals ebenfalls für Werder Bremen aktiv - die Rolle des Abräumers ein, bis er für seinen Beitrag an einer Rudelbildung nach dem Viertelfinal-Sieg im Elfmeterschießen gegen Argentinien gesperrt wurde. Das Halbfinal-Aus gegen Italien sah Frings von der Tribüne, seitdem kam das DFB-Team ohne waschechten Zerstörer daher.

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"Mund zutapen" wegen neuer UEFA-Regel? Andrichs kreative Idee

Sperren sind auch für Andrich eine stete Gefahr: In bisher 355 Spielen im Erwachsenenfußball sammelte er 95 Gelbe Karten und neun Platzverweise, nach fünf Länderspielen hält er bei zwei Verwarnungen. So gerne Andrich Gegenspielern kleine Rempler mitgibt, so gerne unterhält er sich auch mit Schiedsrichtern - was er bei der EM tunlichst vermeiden sollte. Aufgrund der neuen UEFA-Vorgaben dürfen auf dem Platz nur noch die jeweiligen Kapitäne mit dem Schiedsrichter sprechen, alle anderen Gesprächsanfragen sollen mit einer Gelben Karte beantwortet werden.

Für Andrich ist diese Vorgabe "auf jeden Fall schwierig", wie er betont: "Ich muss mir noch überlegen, wie ich das am besten mache. Ob ich mir den Mund zutape oder so etwas in die Richtung. Ich verstehe zwar den Gedanken dahinter, aber Emotionen gehören im Fußball für mich persönlich dazu."

Was bei Andrichs Raubein-Inszenierung bisweilen zu kurz kommt, ist seine unbestrittene fußballerische Klasse. Exemplarisch steht sein Traumpass auf Maximilian Beier vor dessen vergebener Großchance beim Testspiel gegen die Ukraine. Für Leverkusen gelangen Andrich im DFB-Pokal-Viertelfinale gegen den VfB Stuttgart und im Halbfinal-Hinspiel der Europa League gegen die AS Rom sensationelle Tore aus der Distanz, am letzten Spieltag der Bundesliga traf er gegen den FC Augsburg sogar mit der Hacke.

In 45 Pflichtspielen sammelte Andrich in der abgelaufenen Saison elf Scorerpunkte (sechs Tore, fünf Vorlagen). Werte wie von Sergio Ramos, nur dass dieser einst ausschließlich per Kopf für Gefahr sorgte.

Robert Andrich: Seine bisherigen Karriere-Stationen

ZeitraumKlubSpieleToreAssists
2013 bis 2015Hertha BSC II52111
2015 bis 2016Dynamo Dresden2511
2016 bis 2018Wehen Wiesbaden6788
2018 bis 20191. FC Heidenheim2743
2012 bis 2021Union Berlin6696
seit 2021Bayer Leverkusen1181610