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Fussball

Wenger, der Zwangsneurotiker

SID
Arsene Wenger bläst ein rauer Wind ins Gesicht. Platz fünf ist zu wenig für den FC Arsenal
© Getty

Die erste Hälfte der Saison war durch erfrischende Unberechenbarkeit gekennzeichnet, aber mit dieser, ähem, englischen Woche sind die gewohnten Verhältnisse in der Premier League weitestgehend wieder hergestellt.

Weinliebhaber Alex Ferguson kann nach dem berauschenden 5:0 bei Aufsteiger West Brom schon mal den Meisterschafts-Bourdeaux entkorken; Manchester United beherrscht nach dem holprigen Start wieder klar die Tabellenspitze und hat zudem auch zur Geschmeidigkeit im Angriff zurück gefunden.

Hinten steht weiterhin eisern die Null, vorne Dimitar Berbatow nicht mehr länger mit den Händen auf den Hüften herum. Verfolger Chelsea produziert immer noch mehr blauen Mist als das Krümmelmonster mit Durchfall, kalout, drogbat und ballackt die Dinger aber mittlerweile wieder irgendwie rein.

FC Arsenal: Meisterschaft ade

Rafael Benitez hingegen scheint mit den Psychospielchen gegen Ferguson und den internen Machtkämpfen überfordert; Liverpool geht nach den vielen Wechselfehlern des Spaniers vorzeitig die Luft aus.

Und die schöngeistigen Talente vom FC Arsenal? Dürfen nach dem äußerst glücklichen 1:1 beim FC Everton sämtliche Titelträume begraben und sich schon wie in den Vorjahren ganz dem Kampf um die Champions-League-Qualifikation widmen.

"Wir hätten heute gerne gewonnen, durften aber auf keinen Fall verlieren", sagte Arsene Wenger im Goodison Park mit Hinblick auf die Tabelle -  Aston Villa, der Konkurrent um den vierten Platz, hätte bei einer Niederlage schon sechs Punkte Vorsprung gehabt.

Robin van Persies Traumtor in der Nachspielzeit rettete den Gunners noch einen Zähler, aber die Fans müssen sich weiter größte Sorgen machen.

Wenger kauft immer den gleichen Spieler

Denn Wenger bleibt Wenger: Arsenals Kader schreit nach einem gestandenen Innenverteidiger und einem widerstandsfähigen Mann im zentralen Mittelfeld - der Franzose aber will Andrei Arschawin kaufen.

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Viele Schriftsteller geben zu, dass sie in ihrer Laufbahn im Grunde immer wieder das gleiche Buch schreiben. Wenger, der Fußballprofessor mit der künstlerischen Ader, kauft seit Jahren den immer gleichen Spieler.

Technisch beschlagen, schnell, wendig, etwas launisch und nicht selten verletzungsanfällig sind seine Lieblingskicker, und wenn möglich auch nicht viel älter als 13 Jahre.

Arschawin wäre zwar mit seinen 28 Lenzen und einer Ablöse um die 20 Millionen Euro für Arsenal-Verhältnisse alt und teuer, passt dafür aber mit seiner launischen, divenhaften Art wieder perfekt ins Bild. Die Europameisterschaft zeigte, dass der Russe wie Wengers Team ist: entweder genial oder gar nicht auf dem Platz.

Finanzielles Hickhack behindert Arschawin-Deal

Arschawin sagt, er bete jeden Tag, dass der Transfer von Zenit St. Petersburg zustande kommt. Die Vereine haben sich bereits auf eine ungefähre Ablöse verständigt; für die zwei, drei Millionen, die Zenit gerne mehr von den Londonern bekommen hätte, soll der Spieler als Ausgleich aufkommen.

Arschawin möchte jene Millionen wiederum von Arsenal als Handgeld oder durch erhöhte Bezüge zurückerstattet bekommen, daran hakt im Moment der Deal.

"Wir werden unsere Gehaltsstruktur nicht über den Haufen werfen", sagt Wenger, der in den vergangenen Jahren trotz des Umsatzbooms stets penibel um ein ausgeglichenes Spielerbudget bemüht war. 

Arschawin fordert ein Salär von umgerechnet 5,7 Millionen Euro im Jahr, mehr verdient niemand bei den Kanonieren. Bei Cesc Fabregas, Van Persie und auch Emmanuel Adebayor würden Begehrlichkeiten aufkommen.

Was soll Arsenal mit Arschawin?

Ganz unabhängig von den finanziellen Schwierigkeiten, die der Transfer mit sich bringen würde, stellt sich für normalsterbliche Fußballfreunde die Frage, was sich Wenger von Arschawin eigentlich erhofft.

Der Russe würde nicht, wie in vielen deutschen Medien berichtet, als Spielmacher fungieren, denn diese Rolle gibt es bei Arsenal nicht.

Wenger lässt seit Jahrzehnten mit zwei vorwiegend defensiven Sechsern bzw. Achtern in der Mitte spielen. Die vielen kreativen Wuseler, die als Zehner von europäischen Vereinen ins Emirates Stadion kommen, schiebt der Elsässer auf die Außenbahn, oder gelegentlich auch als zweite Spitze nach vorn.

Arschwawins Platz wäre also auf dem Flügel oder hinter Adebayor - genau dort, wo Arsenal in dieser Saison noch am wenigsten Probleme hat.

Wenger plant mit Weitsicht, aber...

Der elegante Russe mit dem Hang zum Schönwetterfußball wäre natürlich eine Verstärkung und dazu auch eine echte Attraktion: immense Fähigkeiten hat er, ohne Frage.

Wenger hat wahrscheinlich wie immer das große Ganze im Auge und bastelt bereits am Team von Morgen. Mit seiner Erfahrung könnte der Modedesign-Absolvent in der Tat ein wichtiger Bestandteil einer neuen, etwas ausgeglicheneren Mannschaft sein, die 2009/2010 wieder ernsthaft um die Meisterschaft spielen könnte.

Wenger sitzt im Verein trotz der Durststrecke seit 2005 fest genug im Sattel, um sich so viel Idealismus und Weitsicht leisten zu können.

...die Vernachlässigung des Hier und Jetzt könnte teuer werden

Der Preis für die Vernachlässigung des Tagesgeschäfts könnte für den Verein allerdings in dieser Spielzeit sehr hoch sein: mit Villa ist plötzlich ein starker Rivale um die Teilnahme in der Königsklasse erwachsen, die Arsenal aus finanziellen Gründen so dringend braucht.

Genie und Wahnsinn liegen eben auch im Fußball eng beieinander. Für den unverbesserlichen Puristen Wenger verläuft die Demarkationslinie konkret zwischen dem vierten und fünften Tabellenplatz.

Schafft er es mit Arschawin nicht in die Champions League, wird man sich auf der Insel an ein Zitat von Albert Einstein erinnern: "Die Definition von Wahnsinn ist, immer wieder das Gleich zu tun und andere Ergebnisse zu erwarten."

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Raphael Honigstein lebt und arbeitet seit 15 Jahren in London. Für die "Süddeutsche Zeitung" berichtet er über den englischen Fußball und ist Kolumnist für die britische Tageszeitung "The Guardian". Beim Premier-League-Rechteinhaber "Setanta Sports" fungiert Honigstein als Experte für den deutschen Fußball. In Deutschland wurde der 34-Jährige auch bekannt durch sein Buch "Harder, Better, Faster, Stronger - Die geheime Geschichte des englischen Fußballs". Zudem ist er als Blogger bei footbo.com tätig.

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