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Fünf Erkenntnisse zum DFB-Remis gegen Argentinien: Warum nicht häufiger mit Kai Havertz?

Kai Havertz wusste gegen Argentinien in der ersten Halbzeit zu überzeugen.

Das DFB-Team hat sich trotz personeller Schwierigkeiten teuer gegen Argentinien verkauft. Bundestrainer Joachim Löw fielen beim 2:2 in Dortmund "viele positive Dinge" auf. Ein Manko machte sich aber wie schon in den vergangenen Länderspielen auch dieses Mal wieder deutlich bemerkbar.

SPOX und Goal fassen die fünf wichtigsten Erkenntnisse des Abends zusammen.

1. Serge Gnabry ist Deutschlands Spieler der Stunde

Ein Tor, eine Vorlage - Serge Gnabry rührte auch gegen die Albiceleste wieder, was das Zeug hielt. In Abwesenheit des verletzten Leroy Sane ist der Woche für Woche konstantere Angreifer des FC Bayern mit dem sonderbaren Torjubel zweifelsfrei Deutschlands Fußballer der Stunde. Wenn er auf dem Platz steht, ist die Mannschaft von Joachim Löw besser. Er verleiht ihr Spielwitz und Unberechenbarkeit. Und: Er sorgt dafür, dass beim DFB schon lange nicht mehr über einen klassischen Mittelstürmer diskutiert wird.

"Um die Fähigkeiten von dem Serge noch woanders zu finden, müsst ihr lange fahren", sagte Joshua Kimmich nach Spielende mit einem verschmitzten Grinsen zu den Journalisten und hob nicht nur die Abschlussstärke seines Teamkollegen hervor: "Er kann uns helfen, indem er sich ins Mittelfeld fallen lässt und mitspielt oder aber indem er in die Tiefe geht. Er hat ein gutes Gespür dafür, was die Mannschaft zu welchem Zeitpunkt braucht."

Sein Fazit: Man könne Gnabry mittlerweile als "Weltklasse-Spieler" bezeichnen. Auch Bundestrainer Löw lobte seinen Schützling: Der gebürtige Stuttgarter sei "ein wahnsinniges Tempo gegangen" und habe mit seinen ständigen Positionswechseln "die ganze Abwehr der Argentinier verunsichert". Das honorierten auch die etwas mehr als 41.000 Zuschauer im Signal Iduna Park, die sich in großen Scharen von ihren Sitzen erhoben, als Löw ihn nach 71 Minuten im Hinblick auf das anstehende EM-Qualifikationsspiel in Estland (Sonntag/20.45 Uhr) auswechselte. Gnabry steht nach elf Länderspielen bei zehn Toren - eine ronaldoeske Quote. Marco Reus zum Beispiel hat nach 43 Einsätzen unter Löw erst 13 Treffer auf seinem Konto.

2. Kai Havertz verdient mehr Einsätze von Beginn an

Neben Gnabry steuerte auch Kai Havertz einen großen Teil zu einer unterhaltsamen erste Hälfte gegen die Argentinier bei. Der Linksfuß, der im 3-4-3 als verkappter Spielmacher agierte, holte sich die Bälle sehr früh ab und initiierte mit klugen Seitenverlagerungen oder scharfen Kurzpässen in die Tiefe gefährliche Angriffe. Die Krönung: sein erstes Länderspieltor.

Von einem "Kindheitstraum" sprach das begehrte Supertalent von Bayer Leverkusen anschließend. Havertz blieb aber bescheiden, als er zu seiner Leistung befragt wurde. "Für mein drittes Länderspiel von Anfang an war das ordentlich", sagte er. "Ich kann aber schon noch besser spielen."

Dazu muss er aber auch spielen. Löw packte den 20-Jährigen bislang meist in Watte, brachte ihn überwiegend als Joker. Auch in dieser Rolle wusste er - wie beispielsweise vor einem Monat gegen Nordirland - als Vorlagengeber zu überzeugen. Das Prestige-Duell mit Argentinien lieferte jedoch den endgültigen Beweis dafür, dass Havertz für mehr Startelfeinsätze bereit ist. Auch wenn er das selbst nicht aussprechen möchte. "Viel zu jung" sei er noch, "um Ansprüche zu stellen", meinte er auf dem Weg zum Mannschaftsbus.

3. Joshua Kimmich markiert sein Revier

Wenn Kimmich im defensiven Mittelfeld spielt, schauen seine Kritiker immer ganz genau hin. Schließlich sei dieses Positionsgetausche ja ohnehin Firlefanz, heißt es von manchen Seiten, der 24-Jährige sei weitaus besser auf der rechten Abwehrseite aufgehoben.

Gegen Argentinien lieferte er bis auf wenige Unsicherheiten in der Schlussphase den Beweis dafür, warum der Bundestrainer ihn im Vergleich zu seinem Vereinscoach Niko Kovac ausnahmslos als Sechser einsetzt. Der erstmals zum Kapitän ernannte Kimmich erreichte die beste Zweikampfquote aller deutschen Startelfakteure (71 Prozent), außerdem glänzte er mit einer wie gewohnt sauberen Passquote (93 Prozent). Kurzum: Er markierte sein Revier. Wie einer, der auf dem Weg ist, ein echter Leader zu werden, der seine Nebenleute besser macht.

"Jo ist ein Vorbild an Einsatz, in seiner ganzen Einstellung. Er hat eine gewisse Erfahrung, kann auch verbal eine Mannschaft führen, ist in der Organisation sehr klug, gibt Anweisungen und ist omnipräsent", schwärmte Löw nach der Partie von seinem Defensivallrounder.

4. Auf Emre Can ist Verlass - der Abwehr fehlt trotzdem Stabilität

Emre Can hatten die meisten eigentlich neben Kimmich auf der Doppelsechs erwartet. Löw machte aber den Massimiliano Allegri und beorderte Can wie der mittlerweile ehemalige Coach von Juventus Turin in der vergangenen Spielzeit in die Dreierkette, wo er die halbrechte Innenverteidiger-Position übernahm. Ein kluger Schachzug, denn dort wusste der gebürtige Frankfurter seine körperliche Präsenz hervorragend einzusetzen.

Can bestritt von allen drei Innenverteidigern die meisten Zweikämpfe (9) und zeigte die meisten Tacklings (3), die ihm zum Teil Szenenapplaus einbrachten. "Ich war sehr motiviert, weil ich nicht so häufig die Chance bekomme, von Anfang zu spielen", sagte er später im Gespräch mit SPOX und Goal.

Dass er den Schuss zum 2:2-Endstand entscheidend abfälschte, schmälerte seine starke Leistung keineswegs. Im Gesamtverbund erwies sich die deutsche Defensive aber einmal mehr als zu instabil und inkonsequent. "Hinten raus sind wir zu oft hinterhergelaufen, haben die Lücken nicht mehr richtig geschlossen bekommen und Fehlpässe gespielt. Das ist uns in letzter Zeit schon öfter passiert", merkte Kimmich am RTL-Mikrofon an.

Mit Debütant Robin Koch musste man logischerweise Nachsicht haben, Niklas Süle aber wirkte in der fahrigen Schlussphase alles andere als souverän und leistete sich auch einige Unsicherheiten. Das war auch schon bei der 2:4-Pleite gegen die Niederlande vor einem Monat und so manchem Bayern-Spiel in den vergangenen Wochen der Fall. Man merkt: Süle ist auch erst 24 und muss noch weiter in die Rolle des Anführers wachsen.

5. Für die EM hat Löw noch mehr Optionen

Dem argentinischen Trainer Lionel Scaloni fehlten zwar auch Stars wie Lionel Messi oder Angel di Maria, sein Team war aber nicht so durcheinander gewürfelt wie die deutsche Mannschaft. Löw fehlten gegen den WM-Finalgegner von 2014 sage und schreibe 14 Spieler. Dennoch schaffte er es, eine starke Elf aufzubieten, die dem internationalen Spitzenniveau gewachsen war.

"Ich bin der Meinung, dass wir eine überragende Mannschaft auf dem Platz hatten, obwohl viele Spieler absagen mussten. Gerade in der ersten Halbzeit hat man das gesehen", befand Kimmich, während Löw betonte: "Einige Spieler haben ihre Chance sehr gut genutzt. Darüber bin ich froh und das gibt mir mehr Möglichkeiten." Soll heißen: Im Hinblick auf die EM darf sich der ein oder andere vermeintliche "Notnagel" nach diesem Spiel durchaus höhere Chancen ausrechnen als zuvor.

EM-Qualifikation: Die Gruppe C im Überblick

PlatzMannschaftSpieleS-U-NTorePunkte
1Deutschland54-0-117:612
2Nordirland54-0-17:412
3Niederlande43-0-114:59
4Weißrussland51-0-43:103
5Estland50-0-52:180
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