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Fussball

FC Bayern - Nagelsmanns Grundsatzrede in der Analyse: Der Kampf gegen das "Weiter so"

Von Johannes Ohr

Bayern Münchens Trainer Julian Nagelsmann ist nach dem 1:3 seiner Mannschaft beim 1. FSV Mainz 05 am 32. Spieltag der Bundesliga grundsätzlich geworden: "Wir sind an einem Punkt, an dem wir etwas verändern müssen." Was meint der Trainer damit?

"Ich habe eine Erklärung, aber die gebe ich euch nicht. Es sind zu viele Niederlagen und zu viele in der gleichen Art und Weise - auch heute. Ich sage das intern und auch der Mannschaft. Aber nicht euch. Das ist nichts für die Medienwelt", verhinderte Nagelsmann nach der verdienten Pleite gegen Mainz einen genaueren Blick in sein Innerstes.

SPOX und GOAL nehmen deshalb die Aussagen des 34-Jährigen genauer unter die Lupe.

FC Bayern - Nagelsmann: "Wir brauchen immer eine gewisse Grund-Leidenschaft beim Spiel. Die hatten wir heute nicht!"

Klarer Punkt: In Mainz mangelte es vor allem an der Einstellung. Das zeigt schon allein ein Blick auf die Statistik: Bayern lief acht (!) Kilometer weniger als Mainz und gewann nur 44 Prozent der Zweikämpfe - Negativ-Rekord in der laufenden Saison. Zudem gab der FCB nur vier Torschüsse ab - weniger waren es seit dem Beginn der Datenerfassung 1992 nur einmal: 1995 in Rostock.

Kein Wunder, dass ein Mainzer Profi nach dem Spiel gegenüber SPOX und GOAL erklärte, dass die drei Punkte gegen Bayern an diesem Nachmittag vergleichsweise einfach zu holen waren. Und auch wenn sich laut Nagelsmann das Problem unter der Woche nicht abzeichnete ("Der Eindruck unter der Woche war sehr gut. Sie hatten ein gutes Feuer - heute hatte Mainz deutlich mehr als wir"), war es nicht der erste Auftritt dieser Art in dieser Saison. Schon beim 1:1 gegen Salzburg, beim 4:1 gegen Fürth oder beim 0:1 in Villarreal enttäuschte Bayern und ließ vieles vermissen.

Doch was tun, wenn die Einstellung nicht stimmt und die "Grundleidenschaft" fehlt? Wie schwer sich die Verantwortlichen damit tun, der Mannschaft diesen Schlendrian auszutreiben, zeigt das Beispiel Leroy Sane. Seit Wochen ist der Nationalspieler total außer Form. Seine Auftritte erinnern wieder an Zeiten, die ihm mit teils lustlos wirkendem Gekicke viel Kritik und gar Pfiffe einbrachte. In Mainz fiel er nach seiner Einwechslung in der 86. Minute nur durch ein Frustfoul auf.

"Leroy hat schon besser gespielt in dieser Saison", wiederholte Nagelsmann deshalb seine Kritik der vergangenen Wochen. "Das Thema, dass er nicht an seinem Peak ist, hatten wir schon ein paarmal ..." Trainer und Bosse geben sich ratlos. "Es ist schwer zu sagen. Wir haben viele Gespräche geführt. In den letzten Wochen hat er das nicht abrufen können", sagte Sportvorstand Hasan Salihamidzic kürzlich bei Sky90.

Alle Gespräche brachten offenbar nichts - hilft deshalb nur noch ein Umbruch?

FC Bayern - Nagelsmann: "Dann ist ein Punkt erreicht, an dem wir etwas verändern müssen. An dem sind wir gerade."

Genau das schien Nagelsmann in der Mixed Zone auch anzusprechen. Es wirkte so, als wolle der Trainer verhindern, dass der Rekordmeister in eine Art "Trott" verfalle. Gegen ein "Weiter so" - und für die Zufuhr von frischem Blut von außen, für den Aufbau einer neuen, hungrigen Mannschaft.

"Wenn ein Unternehmen über Jahrzehnte sehr erfolgreich ist, ist es irgendwann immer an der Zeit, ein bisschen was zu verändern. Das ist ganz normal und auch gar nicht schlimm", sagte er und zog eine Parallele zum FC Bayern: "Wenn du sieben bis acht Titel holst und zehn Mal in Folge Meister wirst, gibt es einen 'Break-even-Point', an dem wir sagen müssen 'Jetzt müssen wir etwas anders machen'.

Schon in in den Wochen zuvor hatte Nagelsmann immer wieder Verstärkungen auf dem Transfermarkt gefordert. "Der Anspruch für den FC Bayern bleibt auch nächstes Jahr der gleiche", sagte er beispielsweise nach dem 1:1 gegen Villarreal. "Wichtig ist, dass man auf der Seite das reinsteckt, was auf der anderen Seite rauskommen soll. Und wenn der Anspruch der gleiche ist, dann werden wir, wie auch alle anderen europäischen Top-Klubs, uns umschauen müssen."

Sätze, die nur als klarer Auftrag an Hasan Salihamidzic und Sportvorstand Oliver Kahn verstanden werden können.

Denn zum einen werden Thomas Müller und Manuel Neuer, deren Verträge mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit verlängert werden, auch in Zukunft nicht jünger. Und zum anderen ist der Kader in der Breite nicht gut genug besetzt. Marcel Sabitzer, Bouna Sarr, Marc Roca oder Omar Richards: Sie alle konnten bislang nicht beweisen, dass sie den hohen Ansprüchen beim FC Bayern wirklich gewachsen sind.

Nagelsmann kann seinen Beitrag zum Bayern-Umbruch leisten

Richtig ist aber ebenso: Auch Nagelsmann kann jetzt schon einen Beitrag dazu leisten, dass der Umbruch noch schneller vorangetrieben wird. Beispiel Niklas Süle: Der Nationalspieler wechselt in wenigen Wochen ablösefrei zum BVB. In Mainz stand er noch einmal in der Startelf - und war gleich an mehreren Gegentoren beteiligt. Tanguy Nianzou, der in naher Zukunft noch wichtiger werden soll, saß stattdessen auf der Bank. Vielleicht wäre es besser, die Entscheidung in den letzten beiden Saisonspielen umzukehren: Nagelsmann könnte dem französischen Abwehrtalent schon jetzt mehr Spielpraxis verschaffen, sodass dieser
den Schritt zum Topspieler schneller packt.

Nagelsmann will Dinge verändern - eng damit zusammen hängt natürlich die Taktik bzw. das System. Jahrelang waren es die Profis beim FC Bayern gewohnt, in einem 4-2-3-1 den Gegner mit viel Ballbesitz zu bespielen. Der neue Coach erweiterte das Repertoire, implementierte seit seiner Ankunft im Sommer nach und nach "sein" System mit typischem Spielaufbau aus der Dreierkette heraus.

Es ist nicht davon auszugehen, dass er in der neuen Saison davon abrücken wird. Seine grundsätzliche Botschaft: "Ich will nur, dass wir den Weg erfolgreich weitergehen und nicht irgendwann sagen: 'Scheiße, jetzt haben wir den Moment verpasst'".

FC Bayern - Nagelsmann: "Da geht es auch um allgemeine Dinge"

Auf Nachfrage von SPOX und GOAL, wie oft er diese Themen schon mit der Mannschaft besprochen habe, betonte Nagelsmann, dass sich seine Mahnung nicht nur an die Spieler richte: "Es geht um das große Ganze." Meint er damit auch die Außendarstellung des Vereins? Zur Erinnerung: In seiner Premierensaison beim FC Bayern war Nagelsmann nicht nur Trainer, sondern auch "Außenminister" und Sprachrohr des Klubs.

Während sich die Bosse um den Vorstandsvorsitzenden Kahn und Sportvorstand Salihamidzic in den vielen Bayern-Krisen (Katar-Diskussion auf der Mitgliederversammlung, Corona) zu oft wegduckten oder zumindest den von Uli Hoeneß oder Karl-Heinz Rummenigge gewohnten Klartext vermissen ließen, ging der junge Trainer auch außerhalb seines Kerngeschäfts voran.

Statt Fragen abseits des Platzes auszuweichen, bezog der Trainer bereitwillig Stellung zu jedem Krisenherd innerhalb des Vereins. Bezeichnend: Obwohl mit Salihamidzic und dem technischen Direktor Marco Neppe zwei Verantwortliche die Niederlage in Mainz hautnah miterlebten, war es einmal mehr Nagelsmann, der sich in der Mixed Zone als einziger Münchner den Fragen der Journalisten stellte.

Zwar stellte sich Kahn wie beim Champions League-Aus gegen Villarreal oder im Sport1 Doppelpass zwischendurch tatsächlich auch mal. Dann aber mit Aussagen wie "Wir sind im Viertelfinale ausgeschieden, aber wir werden jetzt nicht in Tränen ausbrechen" eher wachsweich statt knallhart. Wie es gehen kann, zeigte Sportdirektor Hasan Salihamidzic mit einem bissigen Auftritt bei Sky90 wenig später.

Und dennoch bleibt insgesamt der Eindruck: "Mia san mia" geht anders.

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