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Fussball

DFB-Lehrwart Lutz Wagner nach dem Wechselfehler im Interview: "Schiedsrichter-Fehler ist unzweifelhaft"

Der ehemalige Bundesliga-Schiedsrichter und DFB-Schiedsrichter-Lehrwart Lutz Wagner sieht im Interview mit SPOX und GOAL die Schuld am Wechselfehler im Spiel des SC Freiburg gegen den FC Bayern München klar beim Schiedsrichter. Außerdem spricht er über mögliche Konsequenzen.

Beim 4:1 des FC Bayern beim SC Freiburg standen in der 86. Minute kurzzeitig zwölf FCB-Spieler auf dem Platz. Der Grund: Bayern wechselte doppelt, Marcel Sabitzer und Niklas Süle kamen für Corentin Tolisso und Kingsley Coman. Letzterer bekam seine Auswechslung aber nicht mit und spielte 17 Sekunden weiter.

Die möglichen Konsequenzen sind noch unklar, doch Lutz Wagner sieht den Fehler nicht bei den Bayern, sondern bei Schiedsrichter Christian Dingert. Im Interview spricht er bei SPOX und GOAL über die genauen Abläufe - und erklärt, wie der Fehler hätte verhindert werden können.

Herr Wagner, Sie haben mittlerweile Kontakt zu Christian Dingert gehabt. Er wirkte auch direkt nach dem Spiel im Sky-Interview sehr unglücklich. Wie geht es denn einem Schiedsrichter nach einem solchen Spiel mit einem Wechselfehler?

Lutz Wagner: Man hat es natürlich gerne, wenn alles glatt läuft und keiner nach dem Spiel etwas will. Bekannterweise geben Schiedsrichter nach den Spielen nur Interviews, wenn es etwas Diskussionswürdiges gibt. Ich denke, man kann verstehen, dass er sich nicht darüber gefreut hat, was passiert ist.

Was ist am Samstag in Freiburg schiefgelaufen?

Wagner: Man muss zunächst einmal klar differenzieren: Wir hatten in dieser Saison schon den Fall beim DFB-Pokal-Spiel zwischen Münster und Wolfsburg oder in der Vergangenheit auch Fälle, in denen nichtberechtigte Spieler eingewechselt wurden. Ich denke an Giovanni Trapattoni 1994/95 beispielsweise. Das waren alles unberechtigte Spielerwechsel, die gar nicht hätten durchgeführt werden dürfen.

Das war in Freiburg am Samstag anders.

Wagner: Richtig. Der Wechsel als solcher war völlig korrekt und durfte durchgeführt werden, weil der eingewechselte Spieler spielberechtigt war und auch kontrolliert wurde. Es war alles in Ordnung. Fast bis zum Schluss ist auch alles korrekt abgelaufen, nur ist dann der ausgewechselte Spieler aufgrund eines Missverständnisses auf dem Platz geblieben. Und das ist nicht zu vergleichen mit Wolfsburg oder anderen Fällen, in denen ein unzulässiger Wechsel durchgeführt wurde. Das muss man trennen.

Lutz Wagner: "Tafel ist bei Auswechslungen ein Hilfsmittel"

Was hätte in Freiburg passieren müssen?

Wagner: Der Spieler Kingsley Coman ist aufgrund von Irritationen auf dem Platz geblieben. Jetzt kommt der Schiedsrichter ins Boot: Normalerweise hätte er oder jemand aus seinem Team sich vor der Spielfortsetzung vergewissern müssen, dass die Anzahl der Spieler stimmt. Das hat er nicht gemacht und somit ist es ein Fehler des Schiedsrichters.

Um es klarzustellen: Die Verantwortung liegt beim Haupt-Schiedsrichter und nicht beim vierten Offiziellen, oder?

Wagner: Ja, der Schiedsrichter kann die Aufgabe delegieren, aber es liegt in seiner Verantwortung, dass das Spiel mit der richtigen Anzahl an Spielern auf beiden Seiten fortgesetzt wird. Die Tafel ist eine Unterstützung und damit ein Hilfsmittel.

Kann man dem FC Bayern nun also nicht vorhalten, dass Sie die falschen Informationen, also die alte 29 anstatt der neuen 11 Comans, in die Tafel eingegeben haben und somit den Wechselfehler ausgelöst haben?

Wagner: Das hat mit Sicherheit zu all der Verwirrung geführt, aber es ist sehr menschlich, wenn man nicht alles beachtet und etwas übersieht, dass man dann den Überblick verliert oder eine Prüfung nicht korrekt macht. So etwas kann immer passieren, und nochmal: Am Ende ist der Schiedsrichter verantwortlich.

Ging es bei der Verwirrung auch um die Ausschöpfung der sogenannten Wechselslots? Dass es ein vierter Slot war, obwohl nur maximal drei erlaubt sind.

Wagner: Nein. Wären die Slots ausgeschöpft gewesen, wäre es ein unberechtigter Wechsel, aber dem war nicht so.

Wagner: "Kein Wechsel, wenn der Spieler nicht runtergeht"

Nun war es ja von Coman keine Absicht, dass er auf dem Platz blieb. Was ist eigentlich, wenn ein Spieler absichtlich nicht runtergeht und sich weigert?

Wagner: Dann geht man zum Spielführer und sagt: Wenn der Spieler nicht runtergeht, gibt es keinen Wechsel und alles bleibt beim Alten. Es muss ja auch so sein, dass der Spieler erst den Platz verlassen hat, bevor der eingewechselte Spieler den Platz betritt. Um Zeit zu sparen, gehen die Spieler manchmal auf der anderen Seite raus. Das wird sogar gewünscht.

Der vierte Offizielle hatte in Freiburg sehr viel mit den meckernden Trainern an der Seitenlinie zu tun. Schwindet da irgendwann die Konzentration?

Wagner: Natürlich. Und dennoch muss man die Anzahl der Spieler kontrollieren. Das macht selten der Schiedsrichter, sondern in den meisten Fällen der vierte Offizielle. Der zählt durch, kontrolliert alles und sagt dann: "Okay, wir können fortsetzen."

Es heißt von Bayern-Seite, dass es nur wenige Sekunden waren, in denen man einen Spieler mehr auf dem Platz hatte. Ab wann ist es denn nicht mehr okay und hat Folgen, wenn ein Team zwölf Spieler auf dem Platz hat?

Wagner: Generell ist es gar nicht okay. Die richtige Spielfortsetzung wäre gewesen: Direkter Freistoß, wenn er an den Ball kommt, im Strafraum ist es sogar Strafstoß. Indirekter Freistoß, wenn er nicht an den Ball kommt. Schießt die Mannschaft ein Tor, würde dieser Treffer nicht zählen.

Wie geht es nun weiter?

Wagner: Wenn der SC Freiburg Protest einlegt, muss der Fehler ermittelt werden. Dass es einen Fehler gab, ist unzweifelhaft. Dann muss das DFB-Sportgericht ermitteln, ob es eine Spielrelevanz hatte.

Lutz Wagner: "Keine Ermittlungen ohne Freiburger Protest"

Ohne Freiburger Protest gibt es demnach keine Ermittlungen.

Wagner: Nein, sonst müsste das Sportgericht an jedem Wochenende bei jedem Schiedsrichter-Fehler tätig werden.

Wenn die Freiburger Protest einlegen und das Sportgericht sagt, dass es keine Spielerrelevanz hatte, weil Coman nur ein paar Sekunden auf dem Platz stand, bleibt dennoch die Tatsache, dass eine Mannschaft entgegen jeder Regel mit zwölf Spielern auf dem Platz stand. Gibt es da eine Lücke im Regelwerk, wenn das ohne Konsequenzen bleibt?

Wagner: Nein, das ist keine Lücke. Erkennt der Schiedsrichter eine Unsportlichkeit, ist der Spieler zu verwarnen. Da es hier aber ein von Coman unverschuldetes Missverständnis war, wurde er nicht verwarnt und das finde ich richtig.

Warum?

Wagner: Weil der Spieler nicht unsportlich gehandelt hat. Es lag nicht an ihm, dass der Wechsel nicht richtig vollzogen wurde, weil die Tafel von Bayerns Teammanagerin falsch angezeigt wurde und der Schiedsrichter es nicht richtig kontrolliert hat.

Erst seit Corona haben beide Mannschaften eigene Tafeln, die so hochhalten. Das war früher noch die Aufgabe des vierten Offiziellen.

Wagner: Richtig. Früher hat man dem vierten Offiziellen ein Blatt Papier gegeben, in denen die Wechsel draufstanden. Hätten sie ihm in Freiburg die falschen Informationen gegeben, hätte er es genauso falsch angezeigt. Der Schiedsrichter führt nur aus, was ihm die Vereine als Informationen geben. Er legt nicht den auszuwechselnden Spieler fest.

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