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Fussball

Hendrie Krüzen von Bayer Leverkusen im Interview: "In Dortmund gab es Spieler, die in ihrer eigenen Welt lebten"

Hendrie Krüzen arbeitet seit vielen Jahren als Co-Trainer von Peter Bosz.

Die Vereinsführung von Ajax hat nicht versucht, sie beide zu halten?

Krüzen: Wir wollten nur unter der Bedingung weitermachen, dass wir uns einen eigenen Trainerstab zusammenstellen können - mit Leuten aus der zweiten Mannschaft, weil dort einige gute Coaches gearbeitet haben. Da hat die Vereinsführung aber nicht mitgespielt. Und kaum waren wir weg, hat ein Co-Trainer nach dem anderen den Verein verlassen.

Wieso haben Bosz oder Sie das Problem nicht selbst bei der Vereinsführung angesprochen?

Krüzen: Geschäftsführer Edwin van der Sar hat das gegenüber dem Aufsichtsrat auch nie getan. Was er aber hätte tun sollen, wie ich finde. Schließlich ist Peter nach Saisonende selbst zum Aufsichtsrat gegangen und hat die Thematik erklärt. Danach sagten sie ihm: Wir ändern das, du bleibst bei uns. Doch da kam dann schon das Angebot aus Leverkusen und später aus Dortmund dazwischen. Letztlich war es einfach zu spät.

Nach dem Aus bei Ajax hat Bosz bereits Gespräche mit Leverkusen geführt. Plötzlich kam jedoch der BVB um die Ecke und sie gingen zusammen nach Dortmund. Hatte Sie das Angebot aus Dortmund überrascht?

Krüzen: Ja. Vor allem deshalb, weil der BVB von unserem Fußball überzeugt war und künftig auch so spielen wollte. Damit hatten wir nicht unbedingt gerechnet. Leverkusen war von unserem Fußball auch angetan, doch die Gespräche zogen sich etwas hin, es hat ein wenig gedauert. Auf einmal kam das Angebot vom BVB. Es war ein bisschen, wie wenn man die Wahl zwischen Valencia und Barcelona hat. Dortmund ist schließlich der zweitgrößte Verein in Deutschland und hat die meisten Zuschauer in ganz Europa. Daher haben wir uns damals für den BVB entschieden.

Hätten sie damals schon lieber zu Bayer gehen sollen?

Krüzen: Mit dem Wissen von heute: Ja. In Dortmund gab es damals Spieler, die ein bisschen in ihrer eigenen Welt gelebt haben. Wenn zu viele Spieler denken, sie können tun, was sie wollen, dann bist du als Trainer ohne Chance.

Letztlich dauerte die Amtszeit in Dortmund nur 163 Tage und war ein wahres Auf und Ab. Wie ordnen Sie die Zeit beim BVB mittlerweile ein?

Krüzen: Wenn man irgendwo entlassen wird, kann man es später natürlich immer als Fehler bezeichnen, dort überhaupt hingegangen zu sein. Aber das ist müßig. Vielleicht hätte man etwas mehr Ruhe bewahren können. Gerade nach dem super Start hat man ja gesehen, dass das, was sie in Dortmund gerne haben wollten, klappen kann. Dass es dann nach unten ging, hatte natürlich auch personelle Gründe, als sich Lukasz Piszczek verletzte und wir viel in der Abwehr tüfteln mussten. Möglicherweise hätten wir schon im Sommer auf hochkarätige Neuzugänge drängen sollen.

Warum haben Sie das nicht?

Krüzen: Wir wollten den aktuellen Kader erst einmal kennenlernen und jedem Spieler eine Chance mit unserem Spielstil geben, anstatt gleich von Beginn an für großartige Änderungen zu sorgen. Der tolle Beginn hat dieses Vorgehen ja auch gerechtfertigt. Als wir dann die Schwächephase hatten, so ist es nun einmal oft im Profifußball, bekamen wir leider nicht mehr die Zeit, das geradezubiegen und im Winter neue Spieler zu holen. Wir standen mit einigen auch schon in Gesprächen. Und das waren Spieler, die auch für einen Klub wie den BVB Hochkaräter gewesen wären. Ob man es hätte umsetzen können, weiß ich nicht. Aber einer davon ist jetzt im Sommer für viel Geld von Ajax zu Juventus Turin gewechselt.

Da können Sie nur Matthijs de Ligt meinen. Der Abwärtstrend begann damals in der Tat mit der Verletzung von Piszczek. War das nur Zufall?

Krüzen: Nein. Lukasz ist ein Gewinnertyp, der eine Mannschaft mitreißen kann und auf dem Feld immer einen offensiven Geist ausstrahlt. Für unseren Spielstil benötigen wir Spieler, die nicht nach hinten laufen, sondern nach vorne verteidigen. Lukasz war einer derjenigen, die unseren Ansatz richtig gut fanden und nicht gezweifelt haben.

Als es nicht mehr lief, wurde das Spielsystem sehr kritisiert. Es sei zu risikoreich, die Spieler seien zudem in einer schlechten körperlichen Verfassung, hieß es. Fanden Sie diese Kritik ungerecht?

Krüzen: Natürlich, denn als wir zu Saisonbeginn jedes Spiel gewonnen haben, gab es diese Kritik nicht.

Dass in einer Krise aber kritisiert wird, ist auch kein ungewöhnlicher Vorgang.

Krüzen: Das stimmt, daher meine Erklärung: Als Piszczek ausfiel, mussten Innenverteidiger als Außenverteidiger ran. Wenn die Dinge nicht mehr richtig umgesetzt werden, dann bekommt man Probleme. Wir hatten in dieser Phase letztlich zu viele Spieler, die bei Ballverlust nach hinten und nicht nach vorne liefen. Das hat den gesamten Mannschaftsverbund aus der Balance gebracht.

Was haben Sie aus der Dortmunder Zeit gelernt?

Krüzen: Dass wir drastischer werden müssen, wenn innerhalb des Teams etwas passiert, was das gesamte Mannschaftsgefüge gefährden kann.

Mit wem vom BVB stehen Sie heute noch in Kontakt?

Krüzen: Mit vielen Spielern, zum Beispiel mit Mario Götze. Aber auch mit einigen der Physiotherapeuten und Betreuer. Ich denke trotz des bitteren Verlaufs auf jeden Fall gerne an die Zeit beim BVB zurück. Das ist ein geiler Verein. Ich habe jedes Mal Gänsehaut bekommen, als ich vor der gelben Wand stand, bei jedem Heimspiel.

Mittlerweile kennen Sie die Arbeit bei Ajax und Dortmund als große europäische Klubs. Wo lässt sich Leverkusen einordnen?

Krüzen: Leverkusen ist noch ein kleines bisschen darunter angesiedelt, allein schon, weil man hier ja seit längerer Zeit auf einen Titel wartet. Aber die Gier darauf wird im Klub immer größer und das gefällt uns sehr. Wir alle wollen bei Bayer richtig etwas erreichen und auch einen Titel holen. Man sollte als Leverkusen in den einzelnen Wettbewerben immer mit dem Ziel antreten, am Ende auch um den Titel mitzuspielen.

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