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Fussball

Ex-HSV-Vorständin Katja Kraus im Interview: "Hätte mir einen offenen Wettbewerb um DFB-Präsidentenamt gewünscht“

Katja Kraus im ZDF-Sportstudio 2021.

Die ehemalige HSV-Vorständin Katja Kraus spricht über die fehlende Transparenz bei der Wahl des neuen DFB-Präsidenten, die größten Defizite im Verband, die anhaltende Benachteiligung von Frauen im organisierten Fußball und die neue DFL-Chefin Donata Hopfen.

Katja Kraus schaut gespannt, aber auch ein wenig desillusioniert auf die Kür der neuen DFB-Spitze auf dem Bundestag am Freitag im Bonner World Conference Center.

Denn die frühere Nationaltorhüterin, dreimal Deutsche Meisterin und 1995 Europameisterin, hätte sich erstmals eine Frau als Präsidentin des größten Sportverbandes der Welt gewünscht, zumindest in einer Doppelspitze.

Doch alle Vorschläge der von Kraus und anderen Frauen wie DFB-Torhüterin Almuth Schult oder Ex-Bundesliga-Schiedsrichterin Bibiana Steinhaus gegründeten Initiative "Fußball kann mehr" wurden abgelehnt, so dass sich die Reformbewegung gegen eine Kampfkandidatur gegen die zur Wahl stehenden Bernd Neuendorf und Peter Peters entschieden.

Im Interview mit SPOX und GOAL nennt die 51-Jährige, die als geschäftsführende Gesellschafterin die Sportmarketingagentur Jung von Matt/Sports leitet, die größten Probleme im deutschen Fußball und die weiteren Ziele von "Fußball kann mehr".

Zu Beginn der Woche haben der Equal Pay Day und der Weltfrauentag einmal mehr auf die Benachteiligung von Frauen hingewiesen. Wo steht in diesem Zusammenhang der Fußball?

Katja Kraus: In der Dimension Geschlechtergerechtigkeit ist der Fußball insgesamt weit entfernt von den 18 Prozent Verdienstabstand zwischen Männern und Frauen in Deutschland.

Sie und Ihre Mitstreiterinnen von "Fußball kann mehr" fordern einen deutlichen Zuwachs der weiblichen Teilhabe in Deutschlands wichtigster Sportart. Warum?

Kraus: Allem voran, weil es ungerecht ist, 50 Prozent der Menschen für Entscheidungspositionen nahezu nicht zu berücksichtigen. Der Fußball ist gerade in einer Glaubwürdigkeitskrise, weil er die Gesellschaft nicht mehr ausreichend repräsentiert. Ich bin überzeugt davon, dass es Impulse von außen braucht und Kompetenzen, die nicht zwangsläufig auf dem Fußballplatz erlernt wurden, um zukunftsfähig zu sein. Der Sport lebt von Diversität, verschiedenen Temperamenten und Herangehensweisen. Die sollte es unbedingt auch in den Entscheidungsgremien geben.

Kraus: "Es gibt keinen Grund, mit 20 Prozent zufrieden zu sein"

Die Bedeutung des Themas Diversität ist in der Gesellschaft in der jüngsten Zeit deutlich gestiegen. Ist das auch im organisierten Fußball angekommen?

Kraus: Wegen des jahrelangen Wachstums schien es nicht nötig, sich mit Themen wie Nachhaltigkeit oder Diversität zu beschäftigen. Oder eine klare Haltung zu gesellschaftlichen Themen zu entwickeln, die dann auch das Handeln bestimmt. Etwas, womit sich Fans auch unabhängig vom Ergebnis des nächsten Bundesligaspiels identifizieren können. Erst die Entfremdung der Menschen hat den Druck erhöht, deshalb bekommt all das jetzt eine Bedeutung.

Laut DFB-Mitgliederstatistik waren 2020 rund 1,1 der insgesamt 7,1 Millionen Mitglieder weiblich, also etwas mehr als 15 Prozent. Unter den 14 aktuell gewählten oder von der DFL entsandten DFB-Präsidiumsmitgliedern sind in DFL-Chefin Donata Hopfen, Generalsekretärin Heike Ulrich und Vizepräsidentin Hannelore Ratzeburg drei Frauen, das sind mehr als 20 Prozent. Warum ist Ihnen das zu wenig?

Kraus: Ich freue mich, dass es diese Frauen dort gibt. Es gibt allerdings keinen Grund, mit 20 Prozent zufrieden zu sein. Und auch davon sind wir insgesamt ja weit entfernt. Es gibt keine Landesverbandspräsidentin. Keine Frau, die einen Bundesligaklub führt, oder einem Aufsichtsrat vorsitzt. Weniger als fünf Prozent Frauen finden sich in den Entscheidungsgremien der Liga. Für mich ist der Verweis auf die Mitgliedszahlen zudem ein Argument aus der Vergangenheit. Diese 15 Prozent weibliche Mitglieder sind das Ergebnis der Ausgrenzung in den vergangenen Jahrzehnten. Wenn wir wollen, dass in Zukunft viele Menschen Fußball spielen, dann muss man die entsprechenden Angebote machen. Und Vorbilder fördern.

Kraus: Diese Änderung hätte für neues Vertrauen gesorgt

Beim DFB-Bundestag kandidieren in Celia Sasic, Silke Sinning und Sabine Mammitzsch voraussichtlich drei Frauen fürs Präsidium. Ein Schritt in die richtige Richtung?

Kraus: Es ist in jedem Fall ein gutes Zeichen und zeigt, dass der Handlungsdruck inzwischen hoch ist. In den vergangenen Jahren war die intrinsische Motivation nicht, Frauen in Spitzenpositionen zu bringen. Entscheidend wird sein, welche Konzepte die jeweiligen Teams vertreten und ob die Frauen ihre Kraft innerhalb des Systems nutzen, um Frauen zu fördern und insgesamt Veränderung zu gestalten.

Neuer DFB-Präsident wird aber wieder ein Mann werden, denn zur Wahl stehen der von den Amateuren vorgeschlagene Bernd Neuendorf und der von der Liga unterstützte Peter Peters. Wie bewerten Sie die Kandidatenkür?

Kraus: Ich hätte mir einen offenen Wettbewerb zwischen verschiedenen Kandidatinnen und Kandidaten und ihren Ideen für den Fußball gewünscht. Diese Diskussion, welchen Fußball wir alle eigentlich wollen und was die Rolle des DFB darin sein kann, hat nicht stattgefunden und damit ist aus meiner Sicht eine große Chance vertan worden. Eine Demokratisierung des Wahlprozesses hätte für neues Vertrauen der 7,1 Millionen Mitglieder sorgen können.

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