Sonntag, 07.09.2008

Marco Baldi exklusiv

"Nowitzki-Wechsel wäre machbar"

Der Wechsel von einem Dutzend gestandener NBA-Profis nach Europa war das Thema des Sommers. Die BBL jedoch ging leer aus – wobei es ALBA Berlin immerhin gelang, mit Casey Jacobsen einen zumindest in Deutschland prominenten Namen an Land zu ziehen.

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© Getty

Im Interview mit SPOX spricht ALBA-Geschäftsführer Marco Baldi über die Basketball-Abramowitschs, NBA-Superstars in Europa und den Traum, Dirk Nowitzki nach Berlin zu holen.

SPOX: Berlin ist hip. Derart hip, dass etwa Brad Pitt und Angelina Jolie mit einem Umzug nach Berlin kokettierten. Wann kommt der erste NBA-Star an die Spree?

Marco Baldi: Da muss ich Sie enttäuschen. Mit der Verpflichtung von Casey Jacobsen…

SPOX: … dem früheren Bamberger, der vergangene Saison bei den Memphis Grizzlies unter Vertrag stand…

Baldi: …haben wir den ersten Schritt gemacht. Aber davon, wie Olympiakos Piräus einen Josh Childress zu verpflichten, sind wir noch einigermaßen weit entfernt.

SPOX: Weil ALBA schlicht das Geld fehlt?

Baldi: Natürlich, in der Euroleague zählen wir, was das Budget betrifft, zum unteren Viertel. Zur Veranschaulichung: Die Spitzenteams haben vier- oder fünfmal mehr Geld zur Verfügung.

SPOX: ZSKA Moskau oder die griechischen Mannschaften werden von Mäzenen unterstützt. Ein Grund zur Verärgerung?

Baldi: Überhaupt nicht. Wir haben nun mal eine eigene Philosophie - und die schließt aus, dass wir nach einem Gönner suchen. Bei ALBA setzen wir darauf, dass wir unsere Gelder über das Ticketing und die Sponsoren selber generieren und nicht angewiesen sind auf Finanzspritzen. Zumal es ja nicht in Stein gemeißelt ist, dass es mit einem Abramowitsch leichter wird.

ALBA-Geschäftsführer Marco Baldi
ALBA-Geschäftsführer Marco Baldi
© Getty

SPOX: Wie meinen Sie das?

Baldi: Abramowitsch pumpt zwar sehr viel in den FC Chelsea rein, dadurch entstehen jedoch viele Probleme. Denn wie will man eine nachhaltige Strategie mit Substanz entwickeln, wenn man von einer Einzelperson abhängig ist, der nicht mal vom Fach ist? In Berlin hingegen wollen wir etwas stabiles, dauerhaftes aufbauen. Und das geht eben nur, wenn man sich für jeden Cent bückt.

SPOX: Wie haben Sie es dennoch geschafft, Casey Jacobsen vom Wechsel zu überzeugen?

Baldi: Ohne sich selbst beweihräuchern zu wollen: Wir müssen mittlerweile keinem erklären, auch keinem NBA-Profi, für was ALBA Berlin steht. Die Spieler verfolgen die Entwicklung des Vereins, wissen, welch gute Organisation und Infrastruktur ALBA aufgebaut hat. Natürlich gibt es Basketballer, die nur auf das Konto schauen und deswegen zum Beispiel nach Griechenland gehen, wo sie vor 1500 Zuschauern in Turnhallen spielen. Doch wenn man Wert auf die Betreuung, den Trainerstab oder eine hochmodernen Arena wie der O2 World mit 17.000 Zuschauern Kapazität legt, sind wir sicher keine schlechte Wahl.

SPOX: Argumente, die vielleicht auch Dirk Nowitzki überzeugen könnten?

Baldi: Es ist kein Geheimnis, dass es unser großer Wunsch ist, ihn irgendwann nach Berlin zu holen.

SPOX: Wie realistisch ist der Wunsch?

Baldi: Im deutschen Basketball gibt es zwei Marken. Die eine Marke ist Dirk Nowitzki, die andere ALBA. Es entspricht  also einer gewissen Logik, wenn beide zueinander finden würden. Andererseits ist Nowitzkis Vertrag mit den Dallas Mavericks bis 2011 befristet, daher macht es keinen Sinn, schon jetzt mit Wahrscheinlichkeitsquoten zu kommen. Drei Jahre sind eine lange Zeit. Aber sollte er es mit Dallas nicht schaffen, den ersehnten Titel zu gewinnen, könnte er es ja bei ALBA versuchen.

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SPOX: Ist Nowitzki überhaupt finanzierbar?

Baldi: Warum nicht? Vielleicht noch nicht in ein oder zwei Jahren, aber danach würde ich nichts ausschließen. Es wäre machbar. Und das aus einem einfachen Grund: Nowitzki überstrahlt alles. Er ist einer der besten Basketballer der Welt und gleichzeitig ein fantastischer Mensch. Mit ihm als Galionsfigur könnte man vor allem im Jugendbereich neue Dimensionen erreichen und Dinge in Bewegung setzen. Da würde man schon Wege finden.

SPOX: Wird Nowitzki der erste Spieler sein, der als NBA-Superstar nach Europa wechselt?

Baldi: Ich weiß natürlich nicht, wer den Anfang machen wird. Aber ich bin davon überzeugt, dass es definitiv passieren wird. Wir sind nicht mehr weit davon entfernt. LeBron James hat ja bereits erklärt, dass er es sich vorstellen könnte, in Europa zu spielen.

Hintergrund: Europa jagt die Superstars

SPOX: Kann man einen James nur mit Geld ködern?

Baldi: Selbstverständlich müssen die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen stimmen. Aber darüber hinaus bin ich davon überzeugt, dass es für einen NBA-Star sehr reizvoll sein könnte, in einem anderen Wettbewerb, in einem anderen Land zu spielen. In Europa wird mit mehr Leidenschaft gespielt, vielleicht sogar mit mehr Herz. Bei 82 Spielen in einer NBA-Saison ist es doch klar, dass man nicht in jede Partie reingehen kann, als ob es die letzte wäre. Hier jedoch könnten die Profis mal hautnah erleben, was es heißt, heißblütige Fans im Rücken zu wissen, die sich hochgradig mit deinem Verein identifizieren.

SPOX: Heißblütige Fans werden jedoch nicht reichen, um NBA-Stars nach Deutschland zu locken. Droht dem deutschen Basketball angesichts der Investorenwut russischer und südeuropäischer Top-Klubs der endgültige Abstieg in die Drittklassigkeit?

Baldi: Zunächst einmal: Von den Voraussetzungen her ist Deutschland gut aufgestellt. Beim Zuschauer- und Sponsoreninteresse sind wir im europäischen Vergleich in der Spitzengruppe. Mittlerweile hat fast jeder BBL-Klub mindestens einen Spieler im Kader, der schon mal in der NBA war oder kurz davor stand…

SPOX: Aber?

Baldi: Ich bin es langsam müde, innerhalb der BBL immer wieder Reformen anzumahnen, dennoch muss die Liga in den Spiegel schauen und die entscheidenden Fragen beantworten. Wie geben wir der BBL mehr Profil? Wie entwickeln wir deutsche Spieler? Wo bekommen wir sie her? Was muss geschehen, damit die Liga ein neues Gesicht bekommt? Sie sehen: Es liegt noch sehr viel Arbeit vor uns.

Interview: Haruka Gruber

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