Ein Traum in Weiß und Rot

Dienstag, 12.01.2016 | 12:15 Uhr
Die polnischen Fans garantieren auch bei der Heim-EM 2016 eine gute Stimmung
© getty
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Deutschland greift am Samstag gegen Spanien ins Geschehen ein (ab 18.30 Uhr im LIVETICKER), für Gastgeber Polen beginnt die Europameisterschaft bereits einen Tag früher. Erwartungshaltung und Euphorie sind riesig, doch ausgerechnet in der Vorbereitung setzte es die schlimmste Klatsche des Jahrhunderts. Ein deutscher Trainer und die altbekannten Haudegen sollen es richten.

Es sind turbulente Zeiten in Polen. Seit die nationalkonservative Partei Recht und Gerechtigkeit (PiS) an der Macht ist, gibt es einen Umbruch, der zahlreichen Menschen Sorgenfalten ins Gesicht treibt. Neben der umstrittenen Reform des Verfassungsgerichts löste vor allem ein neues Mediengesetz eine Welle der Empörung aus.

Dieses stellt die öffentlich-rechtlichen Sender de facto unter Regierungskontrolle. Wer die Führungspositionen einnimmt, wird nun von der Regierung bestimmt. Zehntausende Menschen gingen deshalb in mehr als 20 Städten auf die Straße.

Trotzdem sieht es momentan so aus, als wären die sportverrückten Polen gewillt, das anstehende Handball-Fest gebührend zu zelebrieren. "Das wird eine Sportveranstaltung ganz in Rot und Weiß", prophezeite Michael Biegler gegenüber Handball Inside. Der 54-jährige Deutsche ist seit 2012 polnischer Nationaltrainer und führte sein Team 2015 bei der WM in Katar zu Bronze.

Auch der Berliner Tobias Reichmann, der seit 2014 in Kielce unter Vertrag steht, rechnet mit Party-Atmosphäre: "Die EM im eigenen Land zu haben, hat man auch nicht alle Tage. Die Hallen werden sehr, sehr gut gefüllt sein. Das wird schon ein großes Fest werden. Handball hat einen hohen Stellenwert in Polen."

"Die schönste EM aller Zeiten"

Der Ansturm auf die Tickets für die Partien in den vier Austragungsorten Danzig, Katowice, Breslau und Krakau war riesig, sogar außerhalb der Hallen werden Events über die Bühne gehen. "Es werden riesige Fan-Zonen geplant für diejenigen Fans, die keine Karten für die Spiele ergattern konnten", erklärte der frühere Bundesliga-Profi Marcin Lijewski, der EM-Botschafter ist.

Der unwürdige Anblick von komplett leeren Arenen, wie sie im vergangenen Jahr in Doha an der Tagesordnung waren, wird es in Polen, wo Handball nach Fußball und Volleyball die dritte Geige spielt, kaum geben. Im Gegenteil: Polen will sein eigenes Wintermärchen schreiben.

"Ich bin sicher, dass wir nicht nur die schönste EM aller Zeiten erleben werden, es wird auch die bestorganisierteste EURO aller Zeiten", behauptet Lijewski. Wie so viele Polen vertraut der frühere Hamburger in diesem Punkt vollends Verbandspräsident Andrzej Krasnicki, der im gesamten europäischen Handball einen ausgezeichneten Ruf genießt.

Polen träumt vom Finale

Damit das Turnier aus polnischer Sicht ein voller Erfolg wird, ist vor allem eine Nationalmannschaft nötig, die das ganze Land von den Sitzen reißt. Die Fans träumen von einem Finale mit polnischer Beteiligung in der dann mit 15.328 Zuschauern restlos ausverkauften Krakow Arena.

"Mit der Unterstützung des Heimpublikums ist alles möglich - das haben wir alle bei der WM 2007 in Deutschland erlebt", ist auch Lijewski optimistisch. "Aktuell ist eine Prognose einfach nicht möglich. Warten wir es ab", versucht Biegler fast schon verzweifelt, die euphorisierte Nation auf dem Teppich zu halten.

Die riesige Erwartungshaltung wird aber auch der Noch-HSV-Coach nicht wegwischen können. Schließlich ist, seit Beagle vor vier Jahren von Bogdan Wenta übernommen hat, die komplette Planung auf die EM im eigenen Land ausgerichtet. Katar war - das wurde immer wieder so nach außen kommuniziert - nicht viel mehr als eine Generalprobe für den Ernstfall.

"Der Kader für die EM steht doch quasi schon. Da kommen kaum neue Spieler dazu, wir haben in Polen eben nicht so viele Spieler zur Auswahl. Junge Spieler haben sich schon empfohlen und werden das auch weiterhin tun können. Aber denen gehört erst nach der EM die Zukunft", sagte Biegler bereits im August im SPOX-Interview.

Desaströse Pleite in der Vorbereitung

Allerdings verlief die Vorbereitung zuletzt holprig. Bei einem Vier-Nationen-Turnier im spanischen Irun setzte es nach Siegen gegen Brasilien und Schweden eine katastrophale 12:26-Klatsche gegen den Gastgeber. In polnischen Medien war anschließend von der schlimmsten Niederlage des Jahrhunderts die Rede. Zur Einordnung sei aber erwähnt: Biegler ließ dabei vor allem die zweite Reihe zum Zug kommen.

Gleichzeitig offenbarte das Debakel, dass die Bialo-Czerwoni schnell an ihre Grenzen gelangen, wenn die Schlüsselspieler - oft altbekannte Haudegen - nicht auf der Platte stehen. Vor allem das Kielce-Quartett um Torhüter Slawomir Szmal und die Rückraumspieler Krzysztof Lijewski, Michal Jurecki und Mariusz Jurkiewicz erwies sich in den vergangenen Wochen als nahezu unersetzlich.

"Die Erfolge der polnischen Nationalmannschaft in den vergangenen Jahren gehen zu einem großen Teil auf sein Konto", lobte Kielce-Coach Talant Dujshebaev Keeper Szmal in den höchsten Tönen. Der 37-Jährige wurde 2007 in Deutschland mit Polen Vize-Weltmeister und zählt noch immer zu den Weltbesten seiner Zunft.

Lijewski und Jurecki sollen es richten

Noch wichtiger sind Krzysztof Lijewski und Michal Jurecki, ohne die das polnische Spiel oft stockt. Umso größer war das Entsetzen über Jureckis Kniebeschwerden, die kurzzeitig einen Einsatz bei der EM in Frage stellten.

"Es war keine wirkliche Verletzung. Das Knie zeigte eher eine Überlastungsreaktion. Momentan sieht es aber sehr gut aus. Ich habe weder im Training noch bei Spielen Probleme", gab der frühere HSV- und N-Lübbecke-Profi gegenüber der Zeitung Katowicki Sport Entwarnung.

Weitere wichtige Stützen sind Kreisläufer-Bulle Bartosz Jurecki und Karol Bielecki. Wobei Bielecki in der Vorbereitung zu häufig zwischen Genie und Wahnsinn pendelte. Fehlende Konstanz können sich die Polen, die ihre Gruppenspiele in Krakau austragen, von der ersten Sekunde an nicht erlauben.

Große Taten statt großer Reden

Schließlich sind in den ersten beiden Partien gegen Serbien und Mazedonien Siege Pflicht, um mit einer guten Ausgangsposition in die Zwischenrunde einzuziehen. Im letzten Vorrundenspiel wartet nämlich Weltmeister und Titelverteidiger Frankreich. Punkte können da nicht unbedingt eingeplant werden.

"Natürlich peilen wir eine Medaille an. Das tun aber viele andere Teams auch. Ich kenne keine Nation, deren Ziel es ist, nach drei Spielen nach Hause zu fahren. Wir sollten nicht so viel reden, sondern auf dem Platz mit Taten aufwarten", gibt Michal Jurecki die Richtung vor.

Wahrscheinlich ein guter Weg, um seinen Landsleuten den Traum vom ersten EM-Titel in der Geschichte zu erfüllen.

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