"Es wurde viel Vertrauen zerstört"

Von Interview: Michael Graßl
Reiner Plaßhenrich (r.) ist inzwischen Co-Trainer in Aachen
© getty

Reiner Plaßhenrich spielte mit Alemannia Aachen einst vor vollem Haus in der Bundesliga. Seit 2013 ist er Co-Trainer an alter Wirkungsstätte. Der 38-Jährige sprach mit SPOX über den sportlichen Abstieg, den Tivoli und die Arbeit im Jugendbereich.

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SPOX: Herr Plaßhenrich, am 8. Februar 2015 bebte der Tivoli. 30.000 begeisterte Fans, was gleichzeitig einen neuen Zuschauerrekord für die Regionalliga bedeutete, feiern den Sieg von Alemannia Aachen gegen Rot-Weiss Essen. Erinnerte Sie dieses Fußballfest an fast vergessene Tage in Aachen?

Plaßhenrich: Absolut. Diese Stimmung im Stadion weckte nicht nur in mir Erinnerungen an Zeiten, in denen wir in der Bundesliga spielten. Als wir zu meiner aktiven Zeit noch zu Auswärtsspielen fuhren, wurden wir oft mit "Hurra, das ganze Dorf ist da"-Rufen begrüßt. Bei diesem Spiel kann ich aber wirklich behaupten, dass die ganze Stadt auf den Füßen war.

SPOX: Viele Aachener Fans trafen sich schon einige Stunden vor dem Spiel zum "Einsingen" und sorgten für eine lange nicht dagewesene Atmosphäre. Haben Sie sich mit einer Gänsehaut erwischt?

Plaßhenrich: Es gab definitiv solche Momente. Insbesondere weil viele Lieder zu hören waren, die zu den glorreichen Tagen am alten Tivoli gesungen wurden. Noch dazu eroberten wir die Tabellenführung. Es war ein richtig geiles Wochenende für uns.

SPOX: Wenn man die Begeisterung der Zuschauer beim diesem Spiel betrachtet, scheinen die Menschen wieder voll hinter der Alemannia zu stehen. Das war in jüngster Vergangenheit nicht immer so.

Plaßhenrich: Es wurde in Aachen in den letzten Jahren viel Erde verbrannt und ein Menge Vertrauen zerstört. Wie man sieht, sind wir derzeit auf einem guten Weg, dieses Vertrauen wieder zurückzugewinnen. Die Menschen spüren, dass wir eine vernünftige Arbeit leisten.

SPOX: Ende 2012 war der Verein pleite und musste daraufhin die Insolvenz beantragen, die sich weit bis ins Jahr 2013 zog. War vernünftiges Arbeiten in dieser Zeit überhaupt möglich?

Plaßhenrich: Die Insolvenz war ein zweischneidiges Schwert. Einerseits war es eine sehr ruhige Phase für den Verein, weil die Gläubiger sehr kompromissbereit waren. Andererseits war eine große Überzeugungskunst notwendig, denn der Termin für das Verfahren war etwas später als der Zeitpunkt, zu dem wir den Kader für die Saison 2013/14 zusammenstellen mussten. Das war für die Geldgeber schon mit einem gewissen Risiko verbunden. Die Gläubiger, die ihre Unterstützung zugesagt haben, haben diesen Schritt aber nicht bereut.

SPOX: Einen großen Anteil an der hohen Verschuldung des Vereins hatte der Bau des neuen Tivolis. War der Neubau im Nachhinein gesehen ein großer Fehler?

Plaßhenrich: Langfristig gesehen war der neue Tivoli der richtige Schritt. Ich glaube nicht, dass man den alten Tivoli so hätte renovieren können, dass wir im Profifußball überlebt hätten. Schon zu der Zeit, als ich im Tivoli auflief, musste man viel Geld in das Stadion stecken, um überhaupt noch Zuschauer reinlassen zu dürfen. Irgendwann ging das nicht mehr. Am alten Standort eine für alle Beteiligten annehmbar Lösung zu finden, war nicht möglich. Der neue Tivoli war alternativlos.

SPOX: Durch den Verlust des alten Tivolis hat man ein traditionsreiches Kapitel der Aachener Fußballgeschichte geschlossen. Hat der Verein dabei auch ein Stück seiner Seele verloren?

Plaßhenrich: Der Mythos Tivoli hat durch den Umzug sicherlich etwas gelitten. Man sollte aber nicht vergessen, dass es auch anders hätte laufen können. Wäre das erste Spiel im neuen Tivoli mit 5:0 gewonnen und nicht 0:5 verloren gegangen, dann hätte jeder sofort die positive Stimmung aus dem altem mit in das neuen Stadion genommen. So schwebte von Beginn an ein negativer Touch über dem neuen Tivoli, welcher durch viele gute Ergebnisse immer mehr verflogen ist.

SPOX: Der Verein hat sich inzwischen neu aufgestellt. Mit Alexander Klitzpera als Geschäftsführer Sport wurde jetzt ein weiterer Ex-Aachener ins Boot geholt. Wie wichtig ist es für den Verein, ehemalige Spieler auch über die Spielerkarriere zu halten?

Plaßhenrich: Ein Ex-Profi hat definitiv Vorteile gegenüber jemanden, der von externer Seite dazu stößt und sich neu in den Verein hineindenken muss. Das fängt bei der Kaderzusammenstellung an. Ein Ex-Profi weiß, dass es keinen Sinn macht, die besten Spieler zu verpflichten, die aber nur auf eigene Rechnung spielen. Außerdem hilft es Alexander Klitzpera und mir, den Verein über Jahre zu kennen und manche Dinge so besser einordnen zu können.

SPOX: Welche Dinge meinen Sie?

Plaßhenrich: Das Klima in Aachen kann sehr schwankend sein. Verliert man ein Spiel, dann wird schnell vom Abstieg gesprochen. Gewinnt man das nächste Spiel wieder, dann redet jeder plötzlich wieder vom Aufstieg. Selbst im Erfolgsfall gibt es immer jemanden, der nicht zufrieden ist. Aber das gehört einfach zur Alemannia und das darf man nicht negativ sehen.

Seite 1: Plaßhenrich über die Bundesligazeit und den Tivoli

Seite 2: Plaßhenrich über die Arbeit als Trainer und den Aufstieg

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