FC Bayern: Neustart an der Basis

Von Fatih Demireli
Montag, 30.07.2012 | 22:29 Uhr
Bayern-Macher im Jugend- und Nachwuchsbereich: Scholl, Sammer und Butt (v.l.)
© Getty
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Das Sorgenkind des FC Bayern ist nicht die Profi-Mannschaft, sondern der Nachwuchs. Matthias Sammer soll mit seinen Methoden die Abteilung wieder auf Vordermann bringen. Präsident Uli Hoeneß kündigt bei SPOX an: "Wir werden Gas geben, wie es in diesem Verein noch nie der Fall war." Anklang findet das Vorhaben vor allem bei Sammers Vertrauen Mehmet Scholl. Aber es gibt auch Gefahren.

Uli Hoeneß nachzusagen, er gehe nicht mit der Zeit, wäre ihm nicht gerecht. Der Aufsichtsratvorsitzende des FC Bayern München stellte bei der letzten Jahreshauptversammlung der Münchner sogar die Bedeutung von Facebook und Twitter in den Vordergrund.

Um es aber klarzustellen: wichtig für den Klub und dessen Entwicklung, nicht wichtig für Hoeneß. Dem 60-Jährigen ist neuzeitige Kommunikation suspekt. Das gilt auch für SMS und e-Mails. Hoeneß hat selbst immer noch keine e-Mail-Adresse, wer ihn kontaktieren will, muss zum Telefon greifen oder zum Faxgerät.

Dass Andries Jonker in der vergangenen Woche eine e-Mail aufsetzte und diese dem Klub schickte, um seinen Unmut über die Jugendarbeit beim FC Bayern zu äußern, war also schon im Ansatz ein Übel sondergleichen. Kritik ist okay, aber per e-Mail? Nicht mit dem Bayern-Präsidenten.

Jonker-Kritik inhaltlich angebracht

"Ich bin ein Freund von Gesprächen. Wenn Andries Jonker was zu sagen hat, dann hätte er ja drei, vier Leute zu einem Abschiedsessen einladen und das vortragen können, aber mit dieser e-Mail- und SMS-Schreiberei öffnet man ja Tür und Tor, dass solche Dinge an die Öffentlichkeit gehen", sagt Hoeneß zu SPOX.

Hätte der frühere U-23-Trainer des FC Bayern, der inzwischen Felix Magath beim VfL Wolfsburg assistiert, tatsächlich die Option "Abendessen" gezogen, hätte man in der Führungsriege in München ein Ohr für den Niederländer gehabt.

Denn inhaltlich war die Kritik an der Nachwuchsarbeit, die nach Jonkers Ansichten stiefmütterlich behandelt wird, durchaus angebracht.

So sieht es auch Hoeneß. "Allein die Tatsache, dass wir in diesem Bereich erheblichste Veränderungen vornehmen, verdeutlicht doch, dass wir mit der Entwicklung nicht zufrieden waren", sagt der Bayern-Boss. Die grundlegendste Maßnahme war die Verpflichtung von Matthias Sammer Anfang Juli.

"Sammer wird Nachwuchsabteilung reformieren"

Der neue Sport-Vorstand der FC Bayern München AG ist nicht nur Hoffnungsträger und Verantwortlicher des Profibereichs, der seit zwei Jahren hinter den Erwartungen und dem Widersacher Borussia Dortmund her hinkt.

Sammer soll seine Erfahrung, aber vor allem die Erfolge, die er in der Nachwuchsförderung beim Deutschen Fußball-Bund an den Tag legte, beim FC Bayern einbringen. "Matthias soll die Nachwuchsabteilung total reformieren. Wir werden Gas geben, wie es in diesem Verein noch nie der Fall war", kündigt Hoeneß an.

Erste große Schritte unternahm der FC Bayern im Grunde schon zu Jahresbeginn. Mit einem ernüchternden Zwischenergebnis. Ex-Sportdirektor Christian Nerlinger wurde beauftragt, die Nachwuchsabteilung neu zu konzipieren und aufzustellen.

In Umrissen stellte er seine Ideen dem Vorstand und dem Aufsichtsrat vor, fand aber offenbar nur bedingt Anklang. Dass Nerlinger am 2. Juli den Klub verließ, hatte auch etwas damit zutun, dass man in Bezug auf die Nachwuchsarbeit Meinungsverschiedenheiten hatte.

Bayerns Jugendteams stagnieren

"Dass die zweite Mannschaft des FC Bayern im hinteren Drittel der 4. Liga spielt, kann ja nicht die Lösung des Problems sein", sagt Hoeneß. Ein nicht zu überhörender Seitenhieb Richtung Nerlinger, der einst meinte, der Abstieg der U 23 aus der 3. Liga sei "kein Weltuntergang".

Doch es ist nicht nur die U 23, die Bayerns Nachwuchsprobleme verkörpern: Die Probleme reichen runter bis zu den jüngsten Jahrgängen, in denen der FC Bayern den Anspruch hat, ein Vorzeigemodell zu sein.

Die U 19 des FC Bayern ist in den letzten 44 Jahren nur drei Mal Meister geworden, die U 17 in den letzten 35 Jahren nur vier Mal. Die A-Jugend, die in der vergangenen Saison zumindest wieder einmal das Finale um die Deutsche Meisterschaft erreicht hat, wartet schon seit 2004 auf die Meisterschaft, die B-Jugend seit 2007.

Das weitaus größere Übel ist allerdings, dass die Entwicklung der Nachwuchsspieler innerhalb des Klubs erheblich stagniert. Zwar spielen in der aktuellen Profi-Mannschaft mit Bastian Schweinsteiger, Philipp Lahm, Holger Badstuber, Thomas Müller, David Alaba und Diego Contento gleich mehrere Spieler, die das Fußballspielen beim FC Bayern gelernt haben, "aber in den nächsten drei Jahren kommt nichts", sagt Hoeneß.

Emre Can - sonst niemand

Emre Can, Kapitän der deutschen U-18-Nationalmannschaft und seit dieser Saison fester Bestandteil der Profi-Mannschaft, ist die einzige Ausnahme. Andere Talente wie Mitchell Weiser und Lukas Reader wurden aus Köln und von Schalke 04 gekauft, um das qualitative Loch in dieser Alterklasse zu stopfen. "Aber in der Breite sind wir ganz schlecht aufgestellt", sagt Präsident Hoeneß.

Mehmet Scholl, seit Beginn dieser Saison wieder U-23-Coach des FC Bayern, kennt die Gründe für die Misere im Unterbau. "Es darf nie mehr in diesem Verein so sein, dass der Trainer der U 16 einen Spieler als Top-Talent einstuft und der nächste Trainer sieht es komplett anders", so Scholl zu SPOX.

Diese Vorangehensweise ist drastisch formuliert der Dolchstoß für die Spieler-Entwicklung - gerade in den Jahren, in denen die Architektur eines Talents besonders sorgfältig und behutsam gefördert werden muss. Viele Bayern-Talente blieben in den letzten Jahren so schon im Jugendbereich auf der Strecke, obwohl ihnen eine große Zukunft vorausgesagt wurde.

Scholl denkt an Özil, Götze und Reus

Für Scholl ist das der Ansatzpunkt der Verbesserung: "Man muss relativ früh festlegen: Das sind unsere Spieler, die wir als hochtalentiert einstufen und wie kann der Ausbildungsweg aussehen? Im Zuge der Top-Talente entwickeln sich die anderen in deren Schatten mit."

Genau an dieser Stelle kommt Sammer ins Spiel. Ohne ihn, so Scholls Meinung, hätten sich beim DFB bei weitem nicht so viele Spieler entwickelt wie zuletzt.

"Matthias hat viele Spieler durchgebracht. Wenn ich an Mesut Özil. Mario Götze, Marco Reus denke: Die hat es vor 15 Jahren nicht gegeben, weil man sie in der Jugend aussortiert hätte. Das hat sich beim DFB geändert und das wird sich beim FC Bayern ändern."

Der Erfolg, den Sammer beim DFB hatte, war eng verknüpft mit Richtlinien, die der damalige Sportdirektor in Zusammenarbeit mit seinem wissenschaftlichen Mitarbeiter Dr. Karsten Schumann aufstellte und jedem Trainer der U-Mannschaften als Bibel mit auf den Weg gab.

Der "Ausbildungsweg", den Scholl anspricht und fordert, um die durchgängige Entwicklung zu gewährleisten, ist verankert in diesen Broschüren.

Klare Richtlinien

"Man spricht immer über einen Vereinsweg, den man gehen möchte. Die Tatsache, dass der Vereinsweg fließend sein sollte, ist meine Denkweise", erklärt Sammer die Wichtigkeit dieser Vorgaben. Zwar sollen alle Trainer ihr eigenen Ideen mitbringen und in der täglichen Arbeit Freiräume genießen, aber die grundsätzliche Auffassung muss mit der Philosophie und den Leitlinien des Klubs kongruieren.

"Wichtig ist, eine Orientierung zu schaffen", sagt Sammer. Der neue Sport-Vorstand spricht Scholl aus der Seele, wenn er sagt, dass "nicht jeder Trainer in allen Alterstufen machen soll, was er will. Es gibt Leitlinien und Leistungsvoraussetzungen." Dass alle Jahrgangsstufen dasselbe System spielen, ist nur eines von vielen Aspekten.

Leitlinien dieser Art arbeitete man beim FC Bayern schon vor Sammer aus. "Da haben wir insgesamt ein halbes Jahr dran geschrieben", erzählt Scholl. "Matthias wird sich das anschauen, mit seinen Erfahrungen abgleichen, ergänzen oder umstrukturieren. Wir sind da voll dabei und freuen uns."

Sammer ist noch in der Phase der Analyse des Ist-Zustands. "Gewisse Dinge entwickeln sich aus der Praxis", sagt Sammer. Sprich: Er will im laufenden Betrieb feststellen, was nicht funktioniert und wird dann eingreifen.

Hoeneß erhofft sich "eine neue Struktur in das Ganze", wobei diese mit Sammer sowie den neu installierten Nachwuchschefs Jörg Butt und Michael Tarnat schon ein solides Gerüst hat.

Persönlichkeitsentwicklung für den Nachwuchs

Zumal Sammer seine Hauptaufgabe ohnehin nicht darin sieht, lediglich neue Personen und Verantwortlichkeiten zu installieren und es dabei bewenden zu lassen.

Den Erfolg sieht er in der Tiefe versteckt. Da ist die Spielerentwicklung, die mitnichten nur auf sportlicher Basis erfolgen soll. Stichwort: Persönlichkeitsanalyse. "Die Kategorisierung, die wir beim DFB im Jugendbereich angestellt haben, hieß: Führungsspieler, Leader, Teamplayer, Individualisten. Man braucht Individualisten und es muss Teamspieler geben, die das Ganze zusammenhalten."

Ob jung oder arriviert: Sammer ist der festen Überzeugung, dass nicht jeder Spieler die Facetten aufweist, um Führungsspieler oder Leader zu sein. Genau diese Beobachtungen sollen angestellt werden, um die Spieler auch charakterlich auf die große Bühne vorzubereiten.

Besonders für seine U 23, die altersbedingt mehr eine U 19 darstellt, sieht Scholl bei diesem Thema Bedarf: "Es geht um Charakterschulung. Die Jungs sind 17, 18 Jahre alt und da ist mit Sicherheit noch einiges zu tun."

Fortbildung für Trainer

Geschult werden sollen auch die U-Trainer. "Es gibt Trainer, die sind 15 Jahre Jugendtrainer. Macht man mit denen keine Fortbildung? Das sind für mich Selbstverständlichkeiten", sagt Sammer. An dieser Stelle soll vor allem Karsten Schumann wichtige Arbeit leisten und Ansätze der Fortbildung aufzeigen.

Dr. Karsten Schumann: Der unsichtbare Architekt

Beim DFB hatten Sammer und Schumann mit ihrer Maßnahme, den Trainern regelmäßig ein Update zu verpassen, durchschlagenden Erfolg. Belegen kann es Steffen Freund, der unter Sammer U-17-Trainer war und nun nach England zu Tottenham Hotspur als Assistenzcoach wechselt.

"Ich weiß genau, wie das Training auszusehen hat, damit wir im Detail einen Schritt vorankommen. Wenn man dieses Wissen nicht hat, bleibt man immer im Allgemeinen", sagt Freund im Gespräch mit SPOX. "Deswegen ist Dr. Schumanns Arbeit so extrem wichtig. Ich bin mir hundertprozentig sicher, dass Matthias Sammer genau das für den FC Bayern übernimmt."

Prozess nimmt Zeit in Anspruch

Die Führungsriege des FC Bayern wird diese Entwicklung mit Wohlwollen aufnehmen, zumal Hoeneß das Thema Nachwuchsarbeit lange Zeit schwer aufs Gemüt schlug und deswegen immer noch klare Worte findet: "In diesem Bereich wurde in den letzten zwei, drei Jahren schlecht gearbeitet."

Bewusst muss Hoeneß und Co. sein, dass dieser Prozess, der Neustart an der Basis, Zeit in Anspruch nehmen wird. "Das ist ein Prozess, der nicht von heute auf morgen gehen wird", sagt auch Sammer. Aber Teilerfolge sollten nicht allzu lange auf sich warten lassen, um nicht die Lust an der tiefgründigeren Neuauslegung zu gefährden.

Der Aufstieg der U 23 in die 3. Liga wäre da besonders hilfreich. "Die 2. Mannschaft hat in den letzten 20 Jahren immer in der 3. Liga gespielt und ist jetzt im Nowhere-Land der 4. Liga. Das konnte so nicht weitergehen", sagt Hoeneß und fordert im Idealfall einen sofortigen Wiederaufstieg.

Scholl erklärt Aufstiegsthema für beendet

Nur Trainer Scholl macht da noch nicht mit; er erklärte schon vor Saisonstart den Aufstieg nicht als primäres Ziel, auch wenn es Nachwuchschef Butt so forderte und in einer Umfrage sämtliche Viertliga-Trainer Bayern zum Aufstiegsfavoriten erklärten: "Das sagt man so einfach. Für mich stehen Talente aus dem eigenen Stall im Fokus. Die Entwicklung der Spieler, die wir ausgebildet haben, soll vorangehen."

Nach drei Spielen ohne Sieg zum Regionalliga-Auftakt erklärte Scholl das Thema Aufstieg endgültig für beendet, ohne ihn wirklich in Angriff genommen zu haben. "Auf absehbarer Zeit", nennt Scholl die Zeitspanne, wann Bayern II wieder in der 3. Liga spielt. Nicht vorher.

Mit diesem Vorhaben scheiterte sein Vorgänger, der später böse e-Mails schrieb. Zumindest Letzteres sollte Scholl lieber sein lassen.

FC Bayern München: Kader, News, Termine

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