Was will David Ginola?

Seine beste Rolle

Von Stefan Rommel
Montag, 19.01.2015 | 12:18 Uhr
David Ginola will FIFA-Präsident werden
© getty
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David Ginola will Jospeh S. Blatter bei der Wahl zum FIFA-Präsidenten herausfordern. Ginola hat eine ereignisreiche Karriere hinter sich und wurde nach einer misslungenen Flanke zum Sündenbock einer ganzen Nation. SPOX klärt auf, ob die Kandidatur als PR-Gag zu verstehen ist oder ob der Herausforderer ernsthafte Absichten verfolgt.

Wenn das Lob von höchster Stelle kommt, darf man sich wohl auch mal selbst ganz gut finden. "David Ginola ist der beste Spieler der Welt", hatte Johan Cruyff Ende der 90er Jahre gesagt. Und Cruyff musste es schließlich wissen, er war 20 Jahre zuvor selbst der beste Spieler der Welt. "Damit könnte er Recht haben", erwiderte Ginola damals.

Der Niederländer und der Franzose waren sich in manchen Dingen so ähnlich, dass Ginola fast ein Abziehbild der eigenwilligen Legende zu sein schien. Der lässige Spielstil, die Kreativität, die atemberaubenden Dribblings, die fliegenden Haare, das schlampige Genie.

Dazu das Leben abseits des Rasens: Nicht angepasst, immer auf der Überholspur und am Puls der Zeit. Ein wenig Jetset und Glamour, viele gute und weniger gute Freunde. Aber in einem waren die Brüder im Geiste doch sehr verschieden: Cruyff hat aus seiner Karriere fast das Optimum rausgeholt. David Ginola war eine zwar intensive, aber auch zu kurze Erscheinung am Sternenhimmel.

Schneller Aufstieg, plötzlicher Fall

David Ginola ist in einem kleinen Dörfchen an der Cote d'Azur geboren, von dort aus hat er es als Spieler über Nizza und Toulon nach Paris gebracht zum großen PSG. In der Hauptstadt gelang ihm der Durchbruch. Sein ehemaliger Mitspieler Valdo sagte mal über ihn: "Dieser Ginola ist viel besser als wir alle. Er verzaubert den Ball, verhext die Gegner und das alles in Bruchteilen von Sekunden."

Mit PSG wird er Meister und zweimal Pokalsieger und 1993 zu Frankreichs Fußballer des Jahres gewählt. In der Nationalmannschaft scheint zu dieser Zeit eine vielversprechende Karriere endlich Fahrt aufzunehmen. Dann kam der Abend des 17. November 1993 und das frühzeitige Aus aller Hoffnungen.

"Meine Generation war eine verlorene Generation. Eric Cantona ging es ähnlich, er hat mit der Equipe Tricolor keine Liebesbeziehung aufbauen können", sagt Ginola im Rückblick. Über dieses eine Spiel redet er ungern. Es hat nicht nur seine Karriere, sondern sein komplettes Leben verändert.

"Ginola ist ein Dreckskerl"

Ginola war ein entscheidender Teil jener Mannschaft, die für die größte Enttäuschung der Nachkriegszeit verantwortlich war. In der Qualifikationsrunde zur WM 1994 waren die Franzosen zwei Spieltage vor Schluss quasi durch. Ein Punkt aus zwei Heimspielen hätte gereicht.

Die Niederlage gegen Israel baute Druck auf vor dem letzten Spiel gegen Bulgarien. Bis zur letzten Minute stand es 1:1, als Ginola den Ball die Linie entlang trieb und dann plötzlich zur Mitte flankte. Er hätte zur Eckfahne oder ins Dribbling gehen können, einen Verteidiger an- oder den Ball einfach ins Toraus schießen können. Er wählte die riskante Flanke.

Im Zentrum standen drei Verteidiger, aber nur ein Mitspieler parat. Die Flanke verfehlte ihren Bestimmungsort, die Bulgaren konterten. Drei Pässe und einen fulminanten Schrägschuss von Emil Kostadinov später war die Grande Nation draußen.

"Ginola ist ein Dreckskerl", schimpfte der damalige Nationalcoach Gerard Houllier. "Ginola hat ein Verbrechen gegen die Mannschaft begangen!" Die Auseinandersetzung der beiden zog sich über eine Dekade, kommuniziert wurde nur noch per Anwalt, am Ende landeten die Klage wegen "öffentlicher Beleidigung und Rufschädigung" vor Gericht.

Nur 17 Länderspiele für Frankreich

"Man hat mich zum Scheiterhaufen geführt. Mein Leben wird auf zehn Sekunden Spielzeit reduziert, und 18 Jahre danach macht man mich immer noch zum Sündenbock", verteidigte sich Ginola. In den Augen der Fans spielte das keine Rolle mehr. Gerät heute eine Flanke irgendwo in Frankreich zu lang, hat der Spieler "einen Ginola gemacht". So einfach ist das.

Vermutlich hat er auch deshalb das Land schnell verlassen. Er hat es in Frankreich nicht mehr ausgehalten, der Wechsel ins Ausland war die einzige Option. Die Zeit bei der Nationalmannschaft war danach schnell vorbei, nach 17 Spielen war Schluss. Sein Instinkt und sein Talent waren nicht mehr gefragt, die Karriere zerstört durch ein paar unbedachte Äußerungen und einen öffentlichen Konsens, der heute wohl als Shitstorm durchgehen würde.

Die Heim-WM vier Jahre später erlebte er als Experte der "BBC" auf der Tribüne und als seine Landsleute den Sieg und Zidane und die ganze große Nation feierten, saß Ginola auf seinem Hotelzimmer und weinte.

"Ich war an diesem Abend der einzige Franzose, der todtraurig war. Wie gerne hätte ich meinen Eltern dieses Erlebnis geschenkt: Ihr Sohn als Teil der Mannschaft, die zuhause den WM-Titel holt... Es waren die schlimmsten Tage meines Lebens."

Kulturschock Newcastle

In England hatte er zu diesem Zeitpunkt wieder zu sich selbst gefunden. Dabei hätte er eigentlich in Barcelona landen sollen.

Johan Cruyff hatte die Dinge mit Ginola bei einem Golfturnier längst beschlossen, bekam aber Gheorghe Hagi und Hristo Stoichkow nicht verkauft. Der Transfer kam nicht zustande, also entschloss sich Ginola für das Angebot aus Newcastle. Der englische Nordosten, raues Klima, Kohle, Newcastle Brown Ale.

"Es war ein Schock für mich, als ich in Gordieland angekommen bin. Es war Juli und trotzdem alles gefroren, so kalt war es da. Ich war davor vier Jahre in Paris, das Essen, die Kultur, das französische Leben. Und dann das. Meine Frau durfte im Rolls Royce von Präsident John Hall eine erste Spritztour in die Stadt machen. Als sie zurückkam, hat sie nur noch geweint. Aber wir haben uns schnell daran gewöhnt und die Leute in Newcastle lieben gelernt."

Nach ein paar Wochen hatte er die Magpies in seinen Bann gezogen. Er war ein Alptraum für jeden Gegenspieler, wuchtig, schnell, gewitzt. Eine der bezaubernden Attraktionen der noch jungen Premier League.

Seite 1: Vom schnellen Aufstieg zum plötzlichen Fall

Seite 2: Alles nur ein PR-Gag oder ein ernstgemeinter Angriff

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