Endlich wieder leben

Dienstag, 28.04.2015 | 10:28 Uhr
Thiago muss mit den Bayern im DFB-Pokal gegen den BVB ran
© getty
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Hinter seiner Gesundheit stand nach 371 Tagen Pause das größte Fragezeichen. Doch Thiago ist schon drei Wochen nach seinem Comeback wieder unersetzlich. Bayern München und der Zauberfuß brauchen sich vor dem Pokal-Halbfinale gegen den BVB (20.30 Uhr im LIVE-TICKER) gegenseitig mehr denn je.

Viel prasselte auf ihn ein in den vergangenen 24 Tagen. Und so sparte Thiago nicht mit Pathos. Weder nach seinem emotionalen Comeback gegen den BVB, noch dem unwichtigen Ligaspiel gegen Frankfurt oder dem historischen Sieg über Porto.

Neustart, bester Moment des Lebens, Wendepunkt - der Spanier sog in den zurückliegenden drei Wochen alles auf, genoss sichtlich jeden Augenblick. Egal, ob mit dem Ball auf dem Rasen oder den Kollegen in den Katakomben der Stadien. "Fußball ist mehr als ein Spiel, es ist wirklich unser Leben", waren seine eigenen Worte. Über zwölf Monate musste er warten, pendeln zwischen Krankenbett, Reha-Zimmer und Trainingsplatz. Endlich darf er wieder leben.

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Nach 21 Minuten im Signal Iduna Park Anfang April war sein Comeback beendet. Und damit seine Leidenszeit. Mit Tränen in den Augen dankte er den Fans für die "Thiago"-Gesänge, persönlich bedankte er sich bei jedem seiner Mitspieler für deren Sprechchöre in der Kabine nach dem Abpfiff.

Am Dienstag trifft Thiago mit dem FC Bayern erneut auf Borussia Dortmund (20.30 Uhr im LIVE-TICKER) und will seinen dritten großen Auftritt gegen den schwarz-gelben Dauerrivalen feiern.

El jefe del Bayern

Den ersten Streich gab es vor eineinhalb Jahren, als die Münchner ein furioses 3:0 beim damals größten Kontrahenten feierten. 70 Minuten lang hatte Pep die Dortmunder Defensive mit weiten Zuspielen bombardieren lassen. Dann brachte er unter gellenden Pfiffen den Ex-Dortmunder Mario Götze, einssechsundsiebzig groß, kurz darauf Thiago, einsvierundsiebzig. Ersterer wuselte sich zum Führungstor, der Spanier bereitete das entscheidende Tor durch Arjen Robben vor. "Cooler Move", zollte der scheidende BVB-Coach Jürgen Klopp seinem bayerischen Gegenüber damals Respekt. "Uns eine Halbzeit mit langen Bällen bearbeiten und dann die Einssiebzig-Jungs bringen - kann man machen."

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Von der Bank wird Thiago im Halbfinal-Clash im DFB-Pokal am Dienstagabend nicht kommen. Nach beinahe zwölfeinhalb Monaten hat der 24-Jährige ein unglaubliches Comeback hingelegt. Und ist aus der verletzungsgebeutelten Mannschaft der Münchner schon jetzt nicht mehr wegzudenken. "Er hat eine riesen Grundlage, die vielleicht besser ist als die jedes anderen", sagte Matthias Sammer über den körperlichen Zustand von Pep Guardiolas Liebling.

"Thiago, el jefe del Bayern" - der Chef der Bayern -, titelte gar die Marca am Tag nach dem Gala-Auftritt gegen Porto. Gerade in Abwesenheit der Spektakelspieler Robben und Franck Ribery ist der bei den Fans uneingeschränkt geliebte Spanier ohne Umwege ins Rampenlicht gerutscht. Gerade ohne die Robbens, Riberys und David Alabas dieser Welt ist Thiago derjenige, der für die nötige Dynamik sorgt.

Mit Geistesblitzen im Spiel in die Spitze und einem Auge für die Lücken, die sonst niemand im bayerischen Ensemble hat. Mit spielerischer Eleganz und der Ballbehandlung mit der Sohle, irgendwo zwischen Show, Selbstverliebtheit und Genialität.

Allround-Waffe für Tüftler Guardiola

Thiago verändert die Statik des Bayern-Spiels, ist derjenige, der auch aus der eigenen Hälfte das vertikale Dribbling sucht, die Bälle persönlich ins letzte Drittel trägt, Mannschaftsteile überbrückt und Räume reißt. Auch für die Hintermänner. Bastian Schweinstiger, Xabi Alonso, Philipp Lahm - die pragmatichen Passspieler und Verteiler.

Für deren Job ist der weiträumig agierende Thiago als permanente Anspielstation Gold wert. Vor allem als jemand, der selbst zu den ballsichersten Akteuren beim Rekordmeister gehört und die Kugel in den unmöglichsten Lagen behaupten und verarbeiten kann. Der Schüler aus La Masia ist für das den Gegner zermürbende und dominante Passspiel genauso gemacht wie dafür, mit einer überraschenden Aktion alles aufzubrechen. Alle Passstafetten über den Haufen zu werfen. Im positiven Sinne.

"Thiago kennt keine Angst", hat Guardiola nicht nur einmal über seinen Schützling gesagt, der statistisch gesehen der beste Zweikämpfer aller zentralen Mittelfeldspieler der Münchner ist. Der Spanier ist eine echte Allround-Waffe, die Peps wilde Taktikspielchen ermöglicht. Wie gegen Porto, als er ob der sicheren Alternative Thiago im Zentrum Kapitän Lahm als Rechtsaußen aufbieten konnte.

"Es wäre eine Katastrophe..."

"Es wäre eine Katastrophe, wenn er sich wieder verletzen würde." Der Satz von Manuel Neuer sagt alles über den Stellenwert Thiagos auch innerhalb der Mannschaft aus. "Dreh- und Angelpunkt" sei der Zauberfuß. El jefe eben.

Auch, weil Thiago trotz erst 32 Einsätzen die Siegermentalität und das Mia san Mia verkörpert wie wenig andere Spieler mit dem FCB-Emblem auf der Brust. Ob er und das Team den enormen Druck vor Porto verspürt hätten, wollte ein Reporter nach dem Spiel im Bauch der rot leuchtenden Arena wissen. "Wir sind für solche Spiele geboren", war die Antwort. Keine Angst. Nur Fußball, nur leben.

In Leverkusen trat er im zweiten Spiel nach seinen beinahe zwölfeinhalb Monaten Leidenszeit im Elfmeterschießen als letzter Münchner an und schoss die Bayern ins Halbfinale. In der Bundesliga hat Thiago noch kein Spiel verloren, die 15 Siege in den ersten 15 Partien sind bis heute unerreicht.

In einer Zeit, in der die Schale längst nicht mehr für eine gelungene Saison reicht, in der man Klub, Coach und Mannschaft am Abschneiden im Kampf um den Henkelpott misst und bewertet, sind es Spieler wie Thiago, die den Unterschied machen. "Alleine kann er es nicht richten", warnte Guardiola zwar, einen großen Teil zum großen Ziel, dem erneuten Triple, kann der Spanier dennoch beisteuern. Vielleicht schon gegen den BVB. Mit Meilenstein Nummer drei.

Thiago im Steckbrief

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