Julian Draxler: Vom Milchgesicht zum Helden

SID
Mittwoch, 26.01.2011 | 12:55 Uhr
Julian Draxler erzielt den Siegtreffer für Schalke 04 gegen Nürnberg
© Getty
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Mit seinem Siegtor zum 3:2 gegen den 1. FC Nürnberg hat Julian Draxler nicht nur Pokalgeschichte geschrieben. Der jüngste Bundesliga-Spieler in der Historie von Schalke 04 deutete an, welch große Karriere vor ihm liegt.

Der Held des Abends hätte gerne noch ein wenig mehr erzählt. Doch der Kapitän beendete den Interview-Marathon. "Komm, Jule. Es reicht jetzt", rief Manuel Neuer bestimmt, und Julian Draxler gehorchte. Mit einem seligen Lächeln verschwand der 17-Jährige. Mit seinem Traumtor in letzter Minute für Schalke 04 hatte er Vereingeschichte geschrieben und womöglich den Beginn einer großartigen Karriere markiert.

Wie es sich anfühlt, berühmt zu sein, erlebte Draxler am Mittwochmorgen. Sechs Kamerateams waren zum Schalker Trainingsplatz gekommen, um Bilder und Aussagen des Jungstars zu ergattern. Doch Draxler schwieg.

Am Abend zuvor hatte der jüngste Schalker Bundesliga-Spieler sein Gefühlsleben nach dem 3:2 (2:2, 1:2) im DFB-Pokal-Viertelfinale gegen den 1. FC Nürnberg ja ausführlich genug geschildert - eloquenter als die meisten seiner viel älteren Profikollegen. "Davon habe ich immer geträumt. Ich werde ein paar Tage brauchen, um das zu verdauen. Im Moment ist es unmöglich, das Lächeln aus dem Gesicht zu bekommen", sagte er, "wie ich heute ein Auge zukriegen soll, weiß ich selbst noch nicht."

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Bei seinem 20-Meter-Schuss mit links ("eigentlich mein schwächerer Fuß") nach einem Übersteiger, mit dem er in der 119. Minute das packende Pokalduell entschied, habe er nicht viel nachgedacht.

Königsblaue Glückseligkeit

"Das Tor habe ich aus dem Instinkt heraus gemacht, genauso wie in der A-Jugend immer." Danach brach die ganze königsblaue Glückseligkeit über ihn herein. "Ich wusste gar nicht, was ich machen sollte. Es blieb mir nichts anderes übrig, als auf den Boden niederzusinken", beschrieb er den Jubel nach dem Siegtor, als seine Mitspieler ihn unter sich begruben.

Doch der Youngster war schnell wieder obenauf: Nach dem Schlusspfiff trug ihn sein Teamkollege Kyriakos Papadopoulos auf den Schultern in die Fankurve - und Erinnerungen an einen anderen jungen Schalker Helden, der im Pokal seine große Karriere begonnen hatte, wurden wach.

Olaf Thon hatte im Mai 1984 bei jenem legendären 6:6 gegen Bayern München sogar drei Tore erzielt, doch er war damals ein paar Monate älter als jetzt Draxler, der mit seinem Milchgesicht noch viel jünger aussieht.

Die Lobeshymnen für die beiden ähneln sich jedoch. "Julian ist ein Riesentalent", sagte Trainer Felix Magath, der den 17-Jährigen drei Minuten vor dem Tor eingewechselt hatte: "Er wird uns in den nächsten Monaten und Jahren noch viel Freude machen. Er hat sicher eine große Zukunft auf Schalke vor sich."

Magaht gab Draxler Profivertrag bis 2014

Die Grundlage dafür hatte Magath jüngst selbst gelegt. Er gab dem Mittelfeld-Talent, das ihm mit seiner Offensivstärke und seinem Zug zum Tor im Trainingslager im türkischen Belek begeistert hatte, einen Profivertrag bis 2014 - und überzeugte die Eltern, den Filius von der Schule zu nehmen, damit er sich ganz auf den Fußball konzentrieren kann.

"Ihn selbst musste ich nicht groß überreden", berichtete Magath, "aber seine Eltern haben sich mit der Entscheidung schwer getan. Sie hätten es gerne gehabt, wenn er noch das Abitur macht."

Doch das Gladbecker Heisenberg-Gymnasium wird der U-18-Nationalspieler, der seit 2001 alle Altersklassen auf Schalke durchlaufen hat, in den nächsten Jahren nicht mehr von innen sehen. "Wenn alles normal läuft, braucht er Mitte des 21. Jahrhunderts kein Abitur mehr", sagte Magath mit Blick auf Draxlers Karriereaussichten.

Keine Angst vor Abheben

Sorgen, der hochgelobte Youngster könnte in all dem Trubel abheben, macht sich der Schalker Trainer und Manager nicht. "Julian ist einer, der einen klaren Kopf hat und sich überhaupt nicht verrückt machen lässt", sagte Magath.

"Er hat eine intakte Familie, die weiß, dass sich jetzt einiges ändert." Seine Eltern waren auch die ersten, die der neue Pokalheld nach seinem goldenen Schuss suchte. "Sie sitzen irgendwo da oben, ich habe sie aber noch nicht gefunden", berichtete er nach dem Schlusspfiff.

Einen Ratschlag nahm Draxler noch mit nach Hause. "Der Trainer hat gesagt, ich soll nicht so viel Zeitung lesen", sagte er, deutete aber an, darauf nicht hören zu wollen: "Morgen und übermorgen werde ich mir das nicht verkneifen können."

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