Grätsche, Sternschnuppe und der Boss

Von Stefan Rommel und Andreas Lehner
Montag, 14.07.2014 | 23:40 Uhr
Wie bei Brasilien und Italien lagen zwischen Deutschlands drittem und viertem WM-Titel 24 Jahre
© getty
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Auf dem Weg zum vierten WM-Titel hat jeder im Kader seinen ganz persönlichen Anteil zum Triumph beigesteuert. Von der Nummer eins bis zur 23: Die WM-Bilanz.

Die Torhüter

Manuel Neuer: Manu, der Libero. Er hat dieser längst ausgestorbene Spezies zu neuem Glanz verholfen, besonders die Partie gegen Algerien dürfte noch lange in Erinnerungen bleiben. Spielte mit kalkuliertem Risiko und nahezu fehlerfrei. Andreas Köpke bekommt fiesen Ausschlag, wenn über seine Nummer eins als Torspieler geredet wird. Nur wird diese Bezeichnung dem Spiel Neuers eben auch am ehesten gerecht. Nach sieben Spielen notierten die eifrigen FIFA-Statistiker 244 Pässe zum Mitspieler. Leo Messi kam auf 242, nahm aber trotzdem den Golden Ball für den besten Spieler des Turniers mit nach Hause. Neuer wurde trotz starker Konkurrenz zum besten Torhüter des Turniers ausgezeichnet und hat nebenbei ja auch noch den Goldpokal gewonnen. Mehr geht nicht.

Roman Weidenfeller: Hinter Klose der Oldie der Truppe und doch erst mit drei Länderspielen dekoriert. Was eine brisante Mischung hätte werden können, entpuppte sich als eine optimale Nummer zwei: Kollegial in der Zuarbeit für Neuer, unaufgeregt, ruhig. Wer erwartet hatte, dass Weidenfeller zu stänkern beginnen könnte - gerade, als Neuer angeschlagen in die Vorbereitung ging - sah sich eines Besseren belehrt.

Ron-Robert Zieler: Seine Rolle war von vorneherein klar definiert und Zieler hielt sich penibel ans Protokoll. Nur beim Mannschaftsbild bei der Pokalübergabe plötzlich ganz vorne mit dabei. Die Zukunft könnte für den 25-Jährigen schwierig werden in dieser Mannschaft: Es drängelt gleich ein halbes Dutzend anderer hochbegabter Torhüter ins Team.

Die Abwehrspieler

Jerome Boateng: Einer der ganz großen Gewinner der WM. Am Anfang des Turniers noch ein klein wenig stinkig, weil er wieder auf der ungeliebten Außenbahn in der Viererkette ran musste - wie schon bei der WM vor vier Jahren und der EM vor zwei Jahren. Spätestens mit der Rückkehr in die Innenverteidigung und nach seiner schwachen ersten Halbzeit gegen Algerien bis zur letzten Sekunde eine Bank. Ohne leichtsinnige Aktionen, hochkonzentriert, hellwach. Und: Der Spieler für die ganz wichtigen Tacklings. Insider sollen ihn dem Vernehmen nach schon "Die Grätsche" nennen. Im Finale hat er nun ein weiteres Mal gezeigt, dass er auch in den ganz großen Partien bestehen kann.

Erik Durm: Hatte vor dem ersten Spiel gegen Portugal allerbeste Chancen auf einen Platz links hinten in der Viererkette. Herausgekommen sind dann bis zum Schluss: Null Spielminuten. Ein Opfer der Löw'schen Vier-Innenverteidiger-Ideologie. Zum Reinschnuppern aber ein sehr wichtiges Turnier. Denn auch nach dieser WM hat weiterhin Bestand: Deutschland fehlt ein klassischer Linksverteidiger.

Matthias Ginter: Ein Geheimtipp auf einige Kurzeinsätze. Ginters Flexibilität auf so ziemlich jeder Defensivposition und der Fitnesszustand etwa von Schweinsteiger und Khedira (und die Verletzung von Lars Bender) hatten den Freiburger insgeheim auf die eine oder andere Spielminute hoffen lassen. Sollte nicht sein. Ein ruhiger Vertreter der Ergänzungsspielerfraktion, dessen Zeit in zwei oder vier Jahren sicher kommen wird.

Kevin Großkreutz: Wie Durm könnte er jetzt einer der Enttäuschten sein. Als Allrounder eingekauft, dann aber doch ohne Einsatz. In nahezu jeder Diskussion um die Außenverteidigerpositionen fiel sein Name ganz am Anfang. Vielleicht war der Trubel im Vorfeld der WM auch nicht ganz so förderlich. Aber: Für die Stimmung im Team einer der wichtigsten Spieler überhaupt. War ganz dicke mit Schweinsteiger (Bayern) und am Ende Neuer (Bayern, Ex-Schalke). Auch eine Leistung für einen wie Großkreutz, der seine Chancen wieder bekommen wird.

Benedikt Höwedes: Bis zum Schluss umstritten, weil Linksverteidiger einfach nicht seine Position ist. Hat sich aber trotzdem besonders defensiv bewährt und im Laufe des Turniers auch selbst mit einer gewissen Selbstverständlichkeit als Teil der Stammelf definiert. Ihm kamen die einstudierten Standards sehr zugute, da er darüber seine wenigen Offensivszenen hatte. Reichlich absonderlich: Im Finale bis eine Viertelstunde vor Schluss gefährlicher deutscher Spieler vor dem gegnerischen Tor. Früher oder später will er aber wieder zurück in die Innenverteidigung.

Mats Hummels: Zeigte, warum er mittlerweile einer der besten Innenverteidiger der Welt ist. Und das, obwohl er immer wieder mit kleineren Rückschlägen zu kämpfen hatte. Fast immer der Abwehrchef, nur im Finale musste er sich körperlich völlig am Ende von Boateng einige Male helfen lassen. Ungemein gefährlich in der Offensive und mit zwei WM-Toren ausgestattet.

Philipp Lahm: Die am meisten diskutierte Personalie der Mannschaft: Mittelfeld oder Abwehr? Die Lösung lautete: Mittelfeld und Abwehr. Bis auf zwei, drei Szenen in den ersten Spielen die gewohnte Maschine: Fehlerlos, schnörkellos und auch in der schlimmsten Umklammerung immer mit einer Idee. Die Karriere wie vom Reißbrett ist jetzt beinahe perfekt, es fehlt noch der EM-Titel. In zwei Jahren gäbe es dazu die Gelegenheit...

Per Mertesacker: Als noch fünf gelernte Innenverteidiger sich den Job in der Viererkette aufteilten, war er im Zentrum gesetzt. Nach Lahms Rückzug nach rechts hinten dann "nur" noch Ergänzungsspieler. Hat aber vor zwei Jahren ja schon gelernt, was da zu tun ist und war als integrativer Geist der Mannschaft auch weiterhin unersetzlich. Das Sprachrohr für den Rest des Teams nach dem Algerien-Spiel, als er mit seinen überraschend offenen Worten auch ein kleines Zeichen setzen konnte.

Shkodran Mustafi: Stand in Bebra an der Tanke, als ihn der Anruf ereilte: "Du bist jetzt doch dabei!" Die Sternschnuppe im Team, mit den wenigstens Chancen aller Feldspieler auf einen Einsatz und dann am Ende sogar mit drei Einsätzen. Und wer weiß, womöglich wären es sogar noch mehr geworden, hätte er sich nicht schwer verletzt. Auf der Party im Maracana aber der mit Abstand beste Tänzer. Trotz Verletzung.

Seite 1: Torhüter und Abwehrspieler

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