Mittwoch, 05.03.2008

CL-Aus für den Titelverteidiger

Milan ist tot, es lebe Milan

München - Zeljko Kalac war 174 Minuten lang der Inbegriff von Milan gewesen.

© Getty

Der 35-jährige Torhüter mit den grauen Haaren und dem leichten Buckel sieht eigentlich so aus als hätte er mindestens einen Winter zu viel erlebt, um noch vernünftig Fußballspielen zu können. Er tat aber im Champions-League-Hinspiel und im größten Teil des Rückspiels gegen den FC Arsenal genau das, was man von ihm erwartete - Tore verhindern.

Dabei musste der Australier mit dem lässig heraushängenden gelben Hemd überhaupt nicht viel Aufwand betreiben: Er schien die Bälle magisch anzuziehen, jeder Ball fiel ihm in die Hände.

Kalac stand einfach immer richtig. Als Philipp Senderos ihm den Ball Mitte der zweiten Halbzeit aus vier Metern in die Arme drosch, muss jedem Arsenal-Fan das Herz in die Hose gerutscht sein.

Wie seine Vorderleute, im Durchschnitt über 30 Jahre alt, strahlte er eine Ruhe und ein Gottvertrauen in die eigene Stärke aus, dass es einem Angst und Bange werden konnte.

Und dann ging etwas schief.

Das Ende einer Ära?

Ein Filou namens Cesc Fabregas, gerade mal 20 Lenze alt, zog in der 84. Minute aus aberwitziger Entfernung ab und versenkte nicht nur den Ball, sondern auch ein Milan, das zu lange an alte Mechanismen und an das eigene Selbstverständnis geglaubt hatte. Adebayors Treffer war dann noch das i-Tüpfelchen. Milan 0, Arsenal 2 - die alten Herren waren raus. 

"Wir haben alles für dieses Trikot gegeben", meinte Paolo Maldini, mit 39 der Altvater der Milan-Truppe, nach der Partie. "Wir alle haben das Beste gegeben und deswegen scheiden wir hoch erhobenen Hauptes aus." Gelogen. Mit gesenktem Haupt schlichen sie vom Platz. Keiner im Milan-Trikot hatte zuvor einen Gedanken ans Ausscheiden verschwendet, bis es plötzlich soweit war. Und jetzt stehen sie vor den Scherben einer Saison, vielleicht sogar vor dem Ende einer Ära.

Den Liga-Betrieb hatte man schon vor der Saison zur Nebensache erklärt. Für neutrale Beobachter vielleicht fahrlässig, aus Milan-Sicht jedoch der einzig richtige Weg. Trainer Carlo Ancelotti wusste genau, dass der veraltete Kader dem Erzrivalen Inter über 38 Spieltage nicht ernsthaft gefährlich werden konnte.

Die Titelverteidigung in der Königsklasse war aus Ancelottis Sicht das einzige realistische Ziel. Mit denselben Spielern und demselben Fußball war man schließlich in den vergangenen fünf Jahren dreimal ins Finale eingezogen. Bis dieses juvenile Arsenal kam und den alten Herren klar machte, dass ihre Zeit vorbei ist.

Ancelotti mit Zweckoptimismus

"Um eine so starke Mannschaft schlagen zu können, hätten wir hundertprozentig fit sein müssen", bekannte der Milan-Coach hinterher. "Leider sind wir das nicht gewesen. Arsenal hat über 180 Minuten so gespielt wie sie es können, wir nicht."

Was bleibt, ist der Strohhalm Serie A. Dort steht Milan nach mehreren blutleeren Auftritten nur auf Rang fünf - die Qualifikation für die neue Champions-League-Saison ist ernsthaft in Gefahr.

Und der Trainer flüchtete sich nach dem Spiel in Zweckoptimismus. "Ich bin überzeugt, dass wir ohne die Belastung der Champions League nun zu einem Spiel zurückkehren werden, an dem wir Spaß haben." Er kündigte an: "Ihr werdet einen brillanten AC Milan sehen, der sich nun auf die Meisterschaft konzentrieren kann und dabei spektakuläre Spiele zeigen wird."

Im Zweifel allerdings ohne ihn. Solange der CL-Titel möglich war, stand Milans Patron Silvio Berlusconi uneingeschränkt hinter ihm. Jetzt könnte es dem 47-Jährigen nach sieben Jahren an den Kragen gehen. Im Hintergrund laufen die Planungen für ein neues Milan seit langem, diese wurden durch das Vertrauen in Ancelotti und seine alten Recken bislang nur zurückgehalten.

Planungen für das Milan der Zukunft

Jetzt könnte jedoch der Umbruch anstehen. Kontakte zu Jose Mourinho bestehen, mit Kaka und Pato standen am Dienstagabend zwei Mann in der Startelf, um die ein neues Team hochgezogen werden soll.

Neben der Rückkehr von Schewtschenko, der allerdings auch nicht mehr der jüngste ist, geistern die Namen Drogba, Zambrotta oder Borriello durch die Gazzetten.

Am Mittwoch sollen sich bereits Vertreter des AC nach London aufgemacht haben.

Noch ist das alles Spekulation und Berlusconi betonte am Dienstag noch sein Vertrauen in Ancelotti. "Natürlich bleibt er bei Milan. Er hat einen Vertrag und wir respektieren Verträge. Er genießt immer noch mein vollstes Vertrauen", sagte der 71-Jährige.

Wer ihm im Moment des Abpfiffs jedoch gesehen hatte, wie er sich auf der Tribüne des Guiseppe-Meazza-Stadions mit leerem Blick den Schal um den Hals warf und ins Warme stapfte, der wusste wie es in Wirklichkeit um Ancelotti und seine alten Herren steht.

Florian Bogner

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