Fussball

Kehrwoche mit Donnerhall

Von Daniel Reimann
Robin Dutt (l.) sprach auf der Pressekonferenz Klartext
© getty

Auf einer denkwürdigen Pressekonferenz rechnet Robin Dutt mit Vorgänger Fredi Bobic ab und verpasst dem VfB Stuttgart eine komplett neue Ausrichtung. Neben Alexander Zorniger als Nachfolger von Huub Stevens werden acht weitere Verpflichtungen verkündet. Das Beben vervielfacht allerdings auch Dutts Fallhöhe.

Alles hatte auf eine gewöhnliche Pressekonferenz hingedeutet. Das erwartete Szenario: Stuttgart dankt Huub Stevens in gebotener Ausführlichkeit, gibt die Verpflichtung von Alex Zorniger bekannt und Robin Dutt blickt optimistisch in die Zukunft.

Dass gleich vier Protagonisten auf dem Podium Platz nahmen, war ein erstes Indiz dafür, dass diese PK doch eine andere Dimension haben sollte. Die Bühne gehörte Präsident Bernd Wahler, Sportvorstand Robin Dutt, Finanzvorstand Stefan Heim sowie Marketing-Vorstand Jochen Röttgermann.

Wahler zementierte diese Vermutung, als er nach wenigen Sätzen zum Rundumschlag ausholte. "Ich habe einen Verein vorgefunden, der praktisch in seine Einzelteile zerlegt war", monierte er. Auf Wahler folgte Dutt - und mit ihm eine Generalabrechnung, die ihresgleichen sucht. Erst nach 63 Minuten fand die denkwürdige Vorstellung ein Ende.

63 Minuten, in denen das Quartett die Klub-Verantwortlichen der jüngeren Vergangenheit mitsamt ihrer Arbeit rhetorisch demontierte.

Dutt stellt Bobic Armutszeugnis aus

Vor allem Dutt fand deutliche Worte. Er habe bei seinem Amtsantritt vor einem halben Jahr "ganz wenig sportliche Kompetenz vorgefunden". Inhaltlich stellte er vor allem Vorgänger Bobic ein gnadenloses Armutszeugnis aus. Schon Wahler hatte betont, man habe in der Vergangenheit "zu lange an bestimmten Personen festgehalten".

Dutt wurde schließlich konkreter. Kein Sektor im sportlichen Bereich blieb von seiner Kritik verschont. Vor allem die bisherige Kaderplanung ist ihm ein Dorn im Auge. Eine "strukturierte Kaderplanung" habe es nicht gegeben, so der Sportvorstand. Er bemängelte die fehlende Verhältnismäßigkeit von Einnahmen und Ausgaben, auch bei der Gewichtung von alten und jungen Spielern im Kader habe es "kein System" gegeben.

Dutt ließ keinen Zweifel daran, dass der aktuelle Kader nun auf den Prüfstand gestellt und aussortiert werden muss. Das Problem: "Wir haben zu viele Spieler, für die es keinen vernünftigen Markt gibt". Massiver könnte der Seitenhieb in Richtung Bobic, der diesen Kader zusammengestellt hat, kaum ausfallen.

Kader, Scouting, Nachwuchs: Defizite überall

Auch deshalb werde es "in der Kaderplanung keine One-Man-Show mehr geben". Stattdessen sollen künftig Cheftrainer, Sportvorstand, Teammanager, Chefscout und der Leiter des Nachwuchszentrums gemeinsam über Transfers entscheiden.

Doch nicht nur die Kaderzusammenstellung der Profis stand im Fokus von Dutts Verbalrandale. Er diagnostizierte darüber hinaus eine Vernachlässigung des vereinseigenen Nachwuchses, den man "vergessen hat mitzunehmen". Vor allem vermisst Dutt eine einheitliche Spielphilosophie durch die Jahrgänge hindurch, wie sie in anderen Vereinen längst Gang und Gäbe ist.

Auch das Scoutingsystem krankt, es fehle an einer klaren Struktur und Aufgabenverteilung. Durch alle Bereiche hindurch, so schien es, mangelt es Dutt an der notwendigen Weitsicht. "So kam keine Kontinuität rein. So kann sich kein sportlicher Erfolg einstellen."

Personelles Großreinemachen

Doch der 50-Jährige beließ es nicht bloß bei Worten. Als Konsequenz aus den strukturellen und fachlichen Defiziten leitete Dutt auf zahlreichen Ebenen ein personelles Großreinemachen ein. Schwäbische Kehrwoche im großen Stil.

Während der VfB noch um den Klassenerhalt kämpfte, hatte Dutt den Verein im Hintergrund bereits auf links gedreht. Gleich neun neue Personalien gab es zu verkünden. Mit dem bemerkenswerten Zusatz, dass sämtliche Verpflichtungen auch im Falle des Abstiegs getätigt worden wären.

Mit Alex Zorniger kommt der erwartete Stevens-Nachfolger. Ihm assistiert künftig Andre Trulsen, der zuvor stets an der Seite von Holger Stanislawski gearbeitet hat. Philipp Laux, zuletzt wie Zorniger ebenfalls in Leipzig tätig, steht dem Team als Sportpsychologe zur Seite.

Im Nachwuchs wird Sebastian Gunkel der neue U19-Coach. Kai Oswald, bisher für U14 und U15 tätig, wird in die U17 befördert. Dafür räumen Ilja Aracic und Domenico Tedesco ihren Platz. Die Aufgabe des Teammanagers soll künftig Günther Schäfer besetzen, während die vielkritisierte Scoutingabteilung mit Guido Buchwald und Ex-Löwen-Coach Alexander Schmidt verstärkt wird. Philip Heise komplettiert das Paket an Neuverpflichtungen, der Linksverteidiger kommt aus Heidenheim.

Die Messlatte für Dutt

Mit den insgesamt neun Neuverpflichtungen verpasst Dutt dem Verein auf zahlreichen Ebenen eine komplett neue Ausrichtung. Das Zeichen ist unmissverständlich: Die Fehler-Analyse ist abgeschlossen, die Konsequenzen sind gezogen, die Weichen für die Zukunft gestellt.

Die donnernde Generalabrechnung, die Dutt zur Rechtfertigung seiner Personalentscheidungen voranschickte, könnte jedoch auf ihn zurückkommen. Er formulierte damit gleichzeitig den Anspruch, an dem er sich künftig messen lassen muss. Dutt hat seine Fallhöhe innerhalb von 63 Minuten um ein Vielfaches erhöht.

Der Dutt, der in Bremen nach neun sieglosen Spielen als Coach entlassen wurde. Der beim VfB als Sportvorstand acht Partien auf den ersten Sieg warten musste. Jener Dutt ist nun das Gesicht des großflächigen Neubeginns in Stuttgart. Er trägt die Verantwortung.

Doch noch wurde lediglich an einigen Personalschrauben gedreht. Nun hofft Dutt zumindest auf einen "gesicherten Mittelfeldplatz" in der nächsten Saison, um den Umbruch ohne Existenzängste wirken zu lassen. Denn auch er weiß: "Wir sind nochmal von der Schippe gesprungen, aber noch immer auf der Intensivstation."

Der VfB Stuttgart in der Übersicht

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