"Gut sein? Das reicht nicht"

Montag, 16.02.2015 | 12:28 Uhr
Attilio Lombardo gewann mit Juventus die CL, mit Lazio und Samp den Pokalsieger-Cup
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Attilio Lombardo ist eine der schillerndsten Figuren des italienischen Fußballs und seit dieser Saison Co-Trainer von Roberto Di Matteo beim FC Schalke 04. Vor dem Champions-League-Duell mit Titelverteidiger Real Madrid (Mi., 20.45 Uhr im LIVE-TICKER) verrät der 49-Jährige, warum er Roberto Mancini verlassen hat und was das größte Problem auf Schalke ist.

SPOX: Attilio Lombardo, Sie waren bei einer Einheit im Wintertrainingslager in Doha beim Spiel Elf gegen Elf plötzlich als Spieler auf dem Feld. Erleben wir bald ein sensationelles Comeback?

Attilio Lombardo: (lacht) Leider bin ich zu alt und mir fehlt inzwischen auch die Qualität, um mitzuhalten. Aufgrund der personellen Situation mit den vielen Verletzten hat mich Roberto Di Matteo gefragt, ob ich mitmachen kann. Da sage ich natürlich nicht nein.

SPOX: Ob als Spieler oder Co-Trainer, man sieht Sie im Training immer unter Dauerstrom, Sie sind sehr aktiv. Di Matteo ist mitunter etwas distanzierter. Sind Ihre Rollen klar definiert?

Lombardo: Wir müssen alle sehr aktiv sein, weil wir die Aufgabe haben, diese Mannschaft zu verbessern. Sowohl spielerisch als auch auf der Mentalitätsebene. In Deutschland reicht es nicht, nur gut zu sein. Es reicht nicht, nur gut zu arbeiten. Wir müssen ein hohes Niveau erreichen, daher sind wir alle sehr engagiert.

SPOX: Sie kamen mitten in der Saison, waren gleich im Drei-Tage-Rhythmus und hatten wenig Zeit, Ihre Philosophie kontinuierlich der Mannschaft einzuimpfen. War das Trainingslager daher besonders wichtig?

Lombardo: Mit Sicherheit. Die Weiterentwicklung der Mannschaft steht an oberster Stelle. Wichtig waren dahingehend auch die Testspiele gegen Ajax oder Al Merrikh. Jede Einheit, jedes Spiel hilft uns.

SPOX: Sie haben jahrelang mit Roberto Mancini gearbeitet, sowohl bei Manchester City als auch bei Galatasaray. Ihre Aufgabe bestand in erster Linie darin, die Gegner zu beobachten. Gehört das auch auf Schalke zu Ihrem Job?

Lombardo: Nein, meine Rolle hat sich verändert. Ich bin hier klassischer Co-Trainer, stehe jeden Tag auf dem Platz und dem Trainer beratend zur Seite. Für mich war dieser Wechsel sehr wichtig, es war ein Traum von mir, wieder mehr auf dem Platz zu stehen. Daher habe ich die Herausforderung angenommen, als mich Roberto Di Matteo gefragt hat.

SPOX: War also der primäre Grund, Mancini zu verlassen und fortan mit Di Matteo zu arbeiten, dass Sie näher an die Mannschaft rücken können?

Lombardo: Ja. Es war ehrlich gesagt nicht einfach, Roberto Mancini zu verlassen. Er zählt zu den vier, fünf besten Trainern Europas und es war etwas Besonderes, mit ihm zu arbeiten. Aber ich wollte eine neue Erfahrung machen. Das gilt auch für Roberto Di Matteo, der nach seiner Zeit bei Chelsea eine neue Aufgabe angehen wollte. Er hat mich gefragt, ob ich seinen Weg mitgehe und ob ich ihm zur Seite stehen will. Das hat mir zugesagt.

SPOX: Unterscheiden sich beide sehr?

Lombardo: Mancini legt extrem viel Wert auf das Taktische. In Trainingseinheiten arbeitet er gerne mal mit nur zehn Spielern, während Di Matteo die gesamte Gruppe vereint. Was die Mentalität angeht, sind Sie aber nicht allzu unterschiedlich.

SPOX: Stehen beide für italienischen Fußball?

Lombardo: Bei Mancini würde ich das sagen, ja. Roberto Di Matteo vereint die italienische, englische, schweizerische und auch die deutsche Philosophie.

SPOX: Sie sind seit ein paar Monaten in Deutschland. Was haben Sie als "typisch deutsch" wahrgenommen bisher?

Lombardo: Uns ist sofort die Mentalität aufgefallen, dass die Mannschaften hier auf Sieg spielen. Hier wartet keiner auf den Gegner, steht nicht aus Prinzip hinten drin, sondern sucht den Weg nach vorne. Das ist gut und das ist auch, was der deutsche Fußball-Fan sehen will. Die Leute wollen Tore und ihre Mannschaft angreifen sehen. Wir sind hier einmal hinten drin gestanden und haben gegen Chelsea fünf Tore kassiert. Das war auch das einzige Mal.

SPOX: Mit Ausnahme des Bayern-Spiels in München, wo Schalke 70 Minuten in Überzahl spielte.

Lombardo: Das war Bayern. Sie spielen auf einem so hohen Niveau, dass sie auch in Unterzahl extrem gefährlich sind und es fast keinen Unterschied ausmacht.

SPOX: Schalke hat nach der Ankunft des neuen Trainerteams - bis auf diese eine Ausnahme - eine positive Entwicklung genommen. Wofür soll der FC Schalke 04 im Idealfall stehen?

Lombardo: Wir wollen hier etwas verändern. Schalke hat sich für einen Trainerwechsel entschieden und mit der Verpflichtung von Roberto Di Matteo hat sich Schalke auch dafür entscheiden, die Philosophie zu verändern. Unsere Philosophie ist es, in jeder Trainingseinheit hart zu arbeiten. Wir wollen technisch, taktisch und physisch arbeiten.

SPOX: Haben Sie diese Schwachstelle in der Trainingsarbeit sofort erkannt?

Lombardo: Ich habe Schalke vor unserer Zeit nicht gesehen, aber besonders die vielen Verletzten haben der Mannschaft sehr zugesetzt. In Doha haben sich Ralf Fährmann und Dennis Aogo verletzt. Julian Draxler, Leon Goretzka, Jefferson Farfan sind es seit längerer Zeit schon. Wenn die Verletzten zurückkommen, wird es besser.

Schalke 2014/2015 vs. Schalke 2013/2014 im Opta-Vergleich

SPOX: Es ist für das Trainerteam nicht einfach, eine Strategie zu installieren, wenn so viele Säulen fehlen.

Lombardo: Ja, natürlich. Schauen Sie, wir spielen zum Start der Rückrunde innerhalb einer Woche gegen Hannover, Bayern und Mönchengladbach und hatten in der Vorbereitung mitunter gerade mal elf Spieler. Als wir im Oktober begonnen haben, konnten wir auch nur auf einen kleinen Kreis von Spielern zugreifen und sie haben sowohl in der Bundesliga, als auch in der Champions League bis zum Ende des Jahres durchgespielt. Das war nicht einfach für die Spieler und für uns.

SPOX: Sie haben personell reagiert und Matija Nastasic verpflichtet. Ist dessen Verpflichtung hauptsächlich damit begründet, dass er die Dreierkette spielen kann?

Lombardo: Ja, das ist ein wichtiger Grund. Wir wollen mit der Dreierkette weiterspielen. Das System liegt uns mehr und wir glauben, dass wir das Team damit noch besser weiterentwickeln können. Die Charakteristik der Mannschaft wird mit ihr besser widerspiegelt.

SPOX: Reicht denn eine Neuverpflichtung, um das System reifen zu lassen?

Lombardo: Wir müssen auf unsere verletzten Spieler warten. Auf Draxler, auf Farfan, auf Kolasinac, auf Matip und auf Goretzka. Wenn sie im Februar zurückkommen, brauchen wir keine neuen Spieler.

SPOX: Nochmal zu Nastasic: Sie kennen Ihn aus gemeinsamen Zeiten bei Manchester City. Wie kann er helfen?

Lombardo: Er ist ein starker Spieler, der aber bei Man City mit Mangala, Kompany und Demichelis sehr viel Konkurrenz hatte. Er ist jung, aber er hat eine gewisse Erfahrung, die er in Italien und in England sammeln konnte. Er ist ein robuster Spieler und wird seine Sache hier gut machen.

SPOX: Wenn seine Kaufoption gezogen wird, muss er auf Dauer Deutsch lernen. Sie haben den Deutschkurs bereits vor langer Zeit angetreten. Wie läuft es?

Lombardo: Oh, Deutsch ist eine schwere Sprache. Mindestens so schwierig wie Türkisch. Aber ich muss es lernen. Wenn wir die Spieler verbessern wollen, müssen wir mit ihnen kommunizieren.

SPOX: Gefällt Ihnen das Leben in Deutschland?

Lombardo: Ja, sehr. Es gibt viele Parallelen zu England. Ich wohne nur drei Minuten weg vom Stadion und genieße die Fußball-Atmosphäre hier. So war es auch in der Türkei. Es war auch dort unglaublich, wie die Menschen Fußball gelebt haben.

SPOX: Vermissen Sie eigentlich die türkischen Autofahrer?

Lombardo: (lacht). Oh Gott, nein.

Attilio Lombardo im Steckbrief

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