Taten für Visionen

Von Stefan Rommel
Mittwoch, 07.01.2015 | 10:20 Uhr
Robin Dutt hat beim VfB Stuttgart einen Vertrag bis Dezember 2018 unterschrieben
© getty
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Auf Robin Dutt wartet beim VfB Stuttgart eine "Herkulesaufgabe". Besonders die Strömungen im Klub muss der neue Sportvorstand schnell in die richtigen Bahnen lenken. Einige wichtige Ansätze dafür hat er bereits angesprochen.

Bernd Wahler nahm sich ein paar Momente Zeit und betrieb bei der Gelegenheit auch gleich ein wenig Eigenwerbung. Der Präsident des VfB Stuttgart ist mittlerweile ziemlich routiniert in der Abwicklung wichtiger Pressekonferenzen, wenngleich er einige seiner ausgewählten Tagesordnungspunkte offenbar vom Blatt ablas.

Sieben Mal hat Wahler seit seinem Amtsantritt im September 2013 eine dieser Rederunden geleitet. Übung macht offenbar auch für einen Präsidenten des VfB Stuttgart den Meister. Jedenfalls hat Bernd Wahler am Dienstag eine glaubhafte Zuversicht vermitteln können, als er in Robin Dutt nach mehrmonatiger Suche einen neuen Sportvorstand präsentieren konnte.

Die Entscheidung für den Neuen aus Leonberg war schon lange kein Geheimnis mehr. Der 49-Jährige erhält einen Vierjahresvertrag, auch das sickerte bereits vor den Weihnachtsfeiertagen durch. Also hat Wahler kein vor lauter Optimismus überbordendes Plädoyer verfasst, wie er es noch in den Anfangstagen seiner Regentschaft am Wasen getan hat.

Finanzvorstand Ruf tritt zurück

Er hat den Hauptdarsteller sein lassen und nur einmal selbst für Aufsehen gesorgt, als er den Rücktritt von Finanzvorstand Ulrich Ruf zum Juni 2015 verkündete. Erste Gerüchte über Rufs Rückzug waren erst wenige Stunden vor Beginn der Pressekonferenz im Umlauf - ungefähr zur selben Zeit wurde bekannt, dass Andreas Rettig die Deutsche Fußball Liga verlassen wird.

"Typisch VfB", mag sich da so mancher gedacht haben: Den neuen Sportvorstand, einen Novizen auf dem Gebiet des Vereinsmanagements, vorzustellen, wenn im selben Moment ein Akteur mit mehr als zwei Dekaden Berufserfahrung plötzlich wieder auf dem Markt ist.

Robin Dutt hat den Zweiflern, und von denen gab und gibt es bezüglich seiner Person im Umfeld des VfB Stuttgart offenbar eine ganze Menge, aber einige stichhaltige Argumente liefern können. Seine wichtigste Botschaft: Ab sofort soll beim VfB so gearbeitet werden, wie es sich für einen Bundesligisten gehört.

Verzahnung der wichtigsten Bereiche

So niedrig sind die Ansprüche schon, dass die Ankündigung, in Zukunft eine enge Zusammenarbeit der Lizenzspielerabteilung mit der Scoutingabteilung und der Jugendabteilung zu forcieren, schon für eine gewisse Aufbruchsstimmung sorgt.

Entlarvend waren denn auch Dutts Worte. "Das alles zu verzahnen, ist eine Mammutaufgabe, eine Herkulesaufgabe, die nur im Team zu bewerkstelligen ist. Der VfB hat Handlungsbedarf, sonst würde er nicht dort stehen, wo er momentan steht."

Die Mannschaft hat den Trend zum Niedergang auf beängstigende Weise bestätigt, im innerbetrieblichen Ablauf knarzt und knirscht es auf allen Ebenen. Dem Klub fehlt eine starke Führungspersönlichkeit mit Fachwissen und einem entsprechenden Netzwerk. Nicht weniger versprechen sich die Verantwortlichen nun von Dutt.

Der stellte seine etwas unglücklichen Worte vom Sommer 2013 nochmals klar, als er sich beim Deutschen Fußball Bund befreien ließ, um von seinem Posten als Sportdirektor zurückzukehren auf den Rasen und bei Werder Bremen den Job des Cheftrainers zu übernehmen. Er habe den Geruch des Rasens damals vermisst und bereits nach wenigen Wochen festgestellt, wo sein Platz im Profifußball wirklich ist: Als Trainer auf der Bank.

Dutt erklärt seine Entscheidung

Die Volte zurück in den Chefsessel hat ihm die stattliche Zahl seiner Kritiker übel genommen, aber Dutt hatte auch für seine aktuellen Beweggründe eine nachvollziehbare Erklärung parat.

"Je mehr ich ins Thema eingetaucht bin, desto größeren Spaß habe ich dabei gehabt. Auch, weil der Unterschied gegenüber meiner Arbeit beim DFB deutlich erkennbar war. Ich gebe ein paar Dinge auf, die mir fehlen werden. Da mache ich gar keinen Hehl draus. Aber es bleibt die Kabine, es bleibt der Trainingsplatz, es bleibt die Atmosphäre am Spieltag, es bleibt die Zusammenstellung einer Mannschaft mit dem Trainer und einer Scoutingabteilung."

Hier unterscheidet sich der Job eines Sportdirektors bei einem Verband und der eines Sportdirektors oder -vorstands in einem Klub in der Tat elementar. Dass der Neuling gleich als Vorstandsmitglied einsteigt und sich nicht hochdienen muss wie seine unmittelbaren Vorgänger Fredi Bobic und Horst Heldt, hat den Grund, dass "der Sport das Wichtigste bei uns ist", wie Präsident Wahler betonte. "Demzufolge sollte der Verantwortliche in diesem Bereich auch der höchsten Ebene angehören."

Enorm viele Hindernisse

Ganz oben hat in den letzten Monaten und Jahren aber auch immer der Aufsichtsrat mitgemischt. Obwohl dies nicht im Anforderungsprofil für ein beratendes und überwachendes Vereinsgremium vorgesehen ist. Von hieraus wurde Politik betrieben und der Verein bei bestimmten Entscheidungen auch gelenkt. Dutt gab zu verstehen, dass es ihm wichtig gewesen sei, "mit allen Mitgliedern des Aufsichtsrats im Vorfeld zu sprechen. Es geht nur, wenn man die komplette Rückendeckung hat."

Diese kleinen und großen Strömungen hat der neue starke Mann beim VfB bisher nicht selbst am eigenen Leib erfahren, über kurz oder lang wird er damit aber wohl konfrontiert werden. Er wird sich Gedanken über die inhaltliche und personelle Zusammensetzung der Scoutingabteilung machen müssen, der in letzter Zeit viele falsche Griffe unterlaufen sind beziehungsweise gar nicht erst gehört wurden, weil der Trainer oder der Sportvorstand lieber auf einen Alleingang in der Transferpolitik vertrauten.

Er wird sich mit der Basis auseinandersetzen müssen. Mit den Fans, deren Geduld nach Jahren der Misswirtschaft und des sportlichen Absturzes aufgebraucht scheint. Er wird nicht zu große finanzielle Mittel zur Verfügung haben: die für das Frühjahr geplante Ausgliederung der Lizenzspielerabteilung wird mindestens um ein Jahr verschoben. Gemeinsam mit dem entscheidungsfreudigeren Wahler und zumindest bis Sommer noch mit Huub Stevens als Trainer wird er das operative Geschäft an sich reißen und Stärke zeigen müssen.

Der Trainer als zentrale Figur

Robin Dutt hat offenbar erkannt, dass der VfB Stuttgart raus muss aus dem Kreislauf des Reagierens und endlich wieder selbst Themen setzen und von vorneweg agieren muss. Nur so ist eine mittel- und langfristige Planung realisierbar. Ein großes Dilemma der letzten Jahre waren grobe Fehleinschätzungen in allen Bereichen. Die dafür verantwortlichen Protagonisten mussten oder werden gehen oder stehen derzeit auf der Kippe, wie Scoutingchef Ralf Becker.

Es riecht mal wieder nach Neuanfang in Stuttgart. Und vielleicht liegt es an seiner Sozialisation als Fußballlehrer, wenn er sagt, dass der Trainer die wichtigste Figur in einem Verein sein muss. Auch das war beim VfB zuletzt nicht immer der Fall. Stevens besitzt einen bis 30. Juni datierten Vertrag, eine echte Perspektive mit Stevens über das Minimalziel Klassenerhalt hinaus ist derzeit nicht zu erkennen.

Dutts sachdienlicher Hinweis über die Wichtigkeit der Stelle und die Tatsache, dass beim VfB Stuttgart hektargroße Felder neu zu bestellen sind, könnten auf eine entsprechend imposante Persönlichkeit deuten, an die die Verantwortlichen denken. Der prekären sportlichen Lage gilt im Moment die komplette Aufmerksamkeit, weshalb das Thema allenfalls im Hintergrund schwelt. Aber es ist existent.

Robin Dutt will zunächst einen Schritt nach dem anderen tun, um auf den vielen andere Feldern seines neuen Jobs Verbesserungen zu erzielen. "Uns wird es gut zu Gesicht stehen, künftig weniger über Visionen zu sprechen, sondern Taten folgen zu lassen." Der neue Sportvorstand darf ab sofort damit beginnen.

Das ist der VfB Stuttgart

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