Die Suche nach dem Ich

Dienstag, 02.12.2014 | 12:55 Uhr
Johan Djourou und Ronny Marcos mit einer Diskussion auf dem Feld
© getty
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Gegen den FC Augsburg standen beim Hamburger SV gleich drei Spieler aus dem eigenen Nachwuchs in der Startelf. Arrivierte Profis wie Holtby, Lasogga und Arslan mussten dafür auf die Bank. Obwohl das Spiel verloren ging, scheint Zinnbauer auch in Zukunft verstärkt auf "seine Jungs" aus der U-23-Zeit zu bauen. Doch der Trend zur Jugend verschleiert andere Probleme des Vereins und stößt auch innerhalb der Mannschaft auf Kritik.

Gemächlich trabte Joe Zinnbauer nach der Partie über den Rasen und schüttelte seinem Gegenüber Viktor Skripnik die Hand. Aus seinem Gesicht konnte man die Freude über das eben Geschehene ablesen.

Mit sechs Siegen am Stück legte man den perfekten Auftakt hin, in der Tabelle thronte man ganz oben. Soeben machte ein 4:2-Sieg im Derby gegen den Viertplatzierten Werder Bremen die heile HSV-Welt komplett. Der Saisonstart der U 23 des HSV, er hätte eigentlich nicht besser laufen können.

Nur gut zwei Monate später wiederholte sich die Szenerie. Wiederum sackte Zinnbauer drei Punkte ein, wiederum ging Werder-Coach Skripnik leer aus. Lediglich die Rahmenbedingungen hatten sich geändert. Statt in der U 23 auf dem Nebenplatz elf des Weserstadions vor gut 1600 Zuschauern zu spielen, füllte man bei diesem Aufeinandertreffen die Imtech Arena.

Denn beide Trainer wurden unlängst nach dem Regionalliga-Derby zu den Profis befördert. Raus aus der gepamperten, heilen Welt des Aufstiegskampfes, rein in den eisenharten Abstiegskampf im Fußballoberhaus.

Zinnbauer setzt auf "seine Jungs"

Direkt beim Amtsantritt kündigte Zinnbauer damals an, dem Nachwuchs eine Chance zu geben, sollte es bei den arrivierten Profis nicht rund laufen. Aussagen, die im Umfeld eines Vereins gerne gehört werden.

Die Übergänge zwischen der Jugend und den Profis, sie sollten möglichst fließend sein. Im Vorfeld des Profi-Derbys gegen Bremen griff er auf eben diese Schatzkiste aus U-23-Zeiten zurück.

Mit Mohamed Gouaida stand ein Spieler in der Startelf, der bereits das kleine Derby bestritten hatte. Auch Ashton Götz war mit von der Partie. Der Rechtsverteidiger wurde in der Schlussphase eingewechselt und bereitete mit einem weiten Einwurf das 1:0 vor.

Wenn Zinnbauer über den Nachwuchs redet, spricht er wie ein sorgender Vater. Er scheint recht gut zu wissen, wann er "seine Jungs", wie er die Spieler der U 23 nennt, in der Bundesliga einsetzen kann und räumt ihnen gewisse Vorteile ein. "Gouaida kennt die Laufwege meines Systems besser als seine Konkurrenten. Green und Stieber waren zudem bei ihren Nationalteams und konnten wenig mit uns trainieren", rechtfertigt Zinnbauer den Einsatz des Franzosen mit tunesischen Wurzeln.

Erst im Sommer wechselte der 21-Jährige von der zweiten Mannschaft des SC Freiburg ablösefrei an die Elbe und etablierte sich dort. In 17 Spielen erzielte der offensive Flügelspieler sieben Tore und bereitete fünf weitere vor. "Man hat nicht gesehen, dass er aus der U 23 kommt. Mohamed wirkte kaum nervös, hat auch mal eine freche Aktion gezeigt. Ich fand das toll von ihm", lobte Zinnbauer nach dem Spiel.

Sechs Youngster mit Debüt

Dass es sich bei den Versprechungen beim Antrittsantritt nicht um leere Worthülsen handelte, zeigte sich in den letzten Spielen. Neben Gouaida und Götz standen mit Ronny Marcos gegen Augsburg drei Spieler aus dem Nachwuchs in der ersten Elf, hinzu kommen mit Matti Steinmann, Valmir Nafiu, Tolcay Cigerci drei Spieler, die in der Amtszeit von Zinnbauer ihr Bundesliga-Debüt feierten.

Umso bemerkenswerter, da sich gestandene Profis wie Tolgay Arslan, Lewis Holtby, Pierre-Michel Lasogga und auch WM-Torschütze Julian Green auf der Bank wiederfanden und sich hinter dem Nachwuchs anstellen müssen.

Dass das Spiel gegen Augsburg dennoch mit 1:3 verloren ging, nimmt man im Hamburger Umfeld überraschend gelassen hin. Seit langer Zeit sieht man wieder junge Spieler aus dem Nachwuchs bei den Profis und entwickelt Geduld. "Die jungen Spieler haben in Augsburg das Spiel nicht verloren", rechtfertigt Sportchef Peter Knäbel die Aufstellung des Trainers.

Generell scheint Zinnbauer von Vereinsseite Rückendeckung für seine Verjüngungskur zu bekommen. "Die Spieler, die von Joe Zinnbauer jetzt mal durchrotiert worden sind, haben die Entscheidung akzeptiert. Das ist eine Grundlage des Profi-Geschäfts. Kein Spieler hat bei einem solchen großen Kader eine Garantie, dass er spielt", so Knäbel weiter. "Gegen Augsburg hat Joe Zinnbauer versucht, mehr Geschwindigkeit nach vorne rein zu bringen, das hat sich in den ersten 15 Minuten gerechnet, vom Resultat zur Halbzeit her war das auch in Ordnung."

27 Spieler nach 13 Spieltagen

Auch wenn der Nachwuchs überraschend schnell an die Profimannschaft herangeführt wurde, offenbaren die Maßnahmen des Coaches ein grundlegendes Problem. Der Trainer, der bereits seit zehn Ligaspielen im Amt ist, ist noch weit von der Findung einer Stammelf entfernt.

27 Spieler setzte der HSV in dieser Saison bereits ein, lediglich Felix Magath beim VfL Wolfsburg brachte nach 13. Spieltagen mit 28 zu einem höheren Wert.

Man habe den Kern der Mannschaft noch nicht gefunden, gibt auch Knäbel zu. Die Zugänge des Sommers laufen wie so häufig beim HSV den Ansprüchen weit hinterher. "Es ist immer ein schlechtes Zeichen, wenn man das Gefühl hat, dass einige Spieler besser waren, bevor sie nach Hamburg gekommen sind", so Knäbel.

"Uns fehlt Persönlichkeit"

Zinnbauer kreidet sich selbst an, der Mannschaft noch nicht den Fußball beigebracht zu haben, den er sehen will und den er bei der U 23 spielen lassen konnte. Eingebettet in eine Huldigung an Trainer Weinzierl im Vorfeld der Partie gegen Augsburg schwärmte der 44-Jährige zwischen den Zeilen von den Rahmenbedingungen beim FCA. "Auch für mich wäre das eine schöne Sache, als Trainer länger zu arbeiten, so dass eine Handschrift erkennbar ist", so Zinnbauer.

Auch innerhalb der Mannschaft scheint den Jugendtrend nicht für jeden nachvollziehbar. So stellte sich Valon Behrami nach der Pleite am letzten Spieltag vor die Presse und ließ anklingen, dass er die Veränderungen in der Stammelf nicht wirklich nachvollziehen kann.

"Uns fehlt manchmal die Persönlichkeit. Und das hat man oder eben nicht. Die jungen Spieler kommen mit Spaß und Freude zu uns, aber uns können auch die erfahrenen Spieler helfen. Die hatten wir heute auf der Bank, die haben Qualität, das sind wichtige Spieler für uns, wie Holtby, Lasogga und auch Arslan", so der Schweizer.

Leise Kritik aus der Mannschaft

Junge Spieler seien gut für die Konkurrenz, sodass man im Training und im Spiel mehr machen müsse. "Aber wir brauchen die Qualität dieser Spieler, obwohl es natürlich auch klar ist, dass das die Entscheidung des Trainers ist", erklärt Behrami weiter.

Und das, obwohl er gerade zu Mohamed Gouaida einen besonderen Draht haben sollte. Schließlich gilt der Schweizer in der Kabine als Übersetzer für den schüchternen Franzosen.

Für Zinnbauer wird es in den nächsten Spielen darum gehen, das Gleichgewicht zwischen jungen und erfahrenen Spielern zu finden - auch wenn er stets betont, dass es in "unserer Situation nicht darum geht, ob ein Profi- oder U-23-Spieler auf dem Platz steht".

Ashton Götz, der zuletzt für den gesperrten Diekmeier in die erste Elf rutschte und mit fünf Einsätzen in der Liga vom Nachwuchs die meisten Spiele vorweisen kann, wird wohl wieder ins zweite Glied rücken müssen.

Gouaida und Marcos hingegen spielten gegen den FCA erfrischend nach vorne und könnten sich zu echten Alternativen auf den Außenpositionen entwickeln.

Die 2. Mannschaft merkt den Aderlass. 17 Spiele pflügten die Rothosen durchs Feld und holten 45 von möglichen 51 Punkten. Doch am 18. und am 19. Spieltag setzte es gegen Teams aus dem Mittelfeld zwei Niederlagen in Folge. Auch, weil Gouaida und Marcos fehlten.

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