Der Mann für die besonderen Momente

Von Norbert Pangerl
Dienstag, 22.05.2012 | 14:37 Uhr
Arjen Robben kauert nach dem Champions-League-Finale enttäuscht auf dem Rasen
© Getty
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Arjen Robben gilt als Fußballer der Extraklasse und war bei Bayern München lange Zeit unantastbar. Doch nicht erst nach der Niederlage im Champions-League-Finale gegen Chelsea muss sich der Holländer einige Vorwürfe gefallen lassen. Ist er nun ein Egoist, oder doch der von Bayern gesuchte Mann mit Entscheider-Qualitäten?

Vor gut zwei Jahren war die Welt des Arjen Robben noch in Ordnung: Er hatte die Bayern in der Champions League in Florenz und Manchester United mit zwei Traumtoren bis ins Champions-League-Finale geführt, vorab hatten sich die Münchner schon das Double gesichert. Im DFB-Pokalfinale ließ der FCB dabei Werder Bremen keine Chance. Torschütze zum 1:0 per Handelfmeter: Arjen Robben. Auch sonst lief es für den Neuzugang aus den Niederlanden hervorragend. In 24 Bundesligaspielen netzte Robben 16 Mal ein. Zudem sammelte er 7 Assists.

"Selten hat es ein Neuzugang in München geschafft, die bereits hohen Erwartungen derart zu übertreffen wie Publikumsliebling Arjen Robben", schrieb SPOX damals und die Münchner Granden überschlugen sich mit Lobeshymnen auf den 25-Millionen-Einkauf.

Zwei titelloses Spielzeiten und vier verlorene Endspiele später fällt das Urteil nicht mehr so eindeutig aus. Robben hat bei Fans, Verantwortlichen und Mitspielern an Kredit verspielt. Nichts macht das so deutlich wie die Kritik von Ehrenpräsident Franz Beckenbauer und die Watschn von Franck Ribery.

Beckenbauer: "Er ist ein Egoist"

"Die Anerkennung hat er teilweise verspielt. Er ist ein Egoist, wie viele andere auch", sagte Beckenbauer bereits im Februar. Der 28-Jährige lasse die Mannschaft "hinter sich her laufen. Das sind gefährliche Entwicklungen", so der "Kaiser" weiter. Kritik, die Robben ins Mark traf und auf die er dünnhäutig reagierte. "Ich bin nicht immer zufrieden mit dem, was er sagt. Manchmal muss man ein bisschen nachdenken, glaube ich", zeigte er sich nachtragend.

Nach langem Hin und Her verlängerte Robben schließlich doch seinen Vertrag beim Rekordmeister bis ins Jahr 2015. "Der FC Bayern ist für mich wie eine Familie. Ich habe immer betont, dass ich mich in München und beim FC Bayern sehr, sehr wohlfühle. Aus diesem Grund habe ich gerne meinen Vertrag vorzeitig verlängert", verkündete Robben Anfang Mai. Eine Erhöhung seines ohnehin üppigen Gehalts dürfte entscheidend zu diesem Entschluss beigetragen haben.

Bayern-Bosse glauben an Robben

Trotz aller Querelen in den vergangenen Wochen und den Diskussionen um die "Ich-AG-Arjen-Robben" glauben die Bayern-Verantwortlichen nach wie vor an die Entscheider-Qualitäten ihres Super-Stars. "Arjen ist für den FC Bayern auch Garant für eine weitere erfolgreiche Zukunft des Klubs", betonte Vorstandschef Karl-Heinz Rummenigge die Bedeutung, die Robben in den Plänen für eine glorreiche Zukunft spielt.

BLOG: Die Fehler von Jupp Heynckes

Freilich lässt sich aber nicht leugnen, dass Robben den entscheidenden Punch zuletzt häufiger vermissen ließ. Er hat nicht nur zwei Champions-League-Finals verloren, sondern auch das WM-Finale mit den Niederlanden. Zweimal hatte er dabei den Siegtreffer auf dem Fuß. 2010 lief er kurz vor Spielende alleine auf Spaniens Keeper Iker Casillas zu - und versagte. Und nun der Elfmeter gegen Chelsea in der Verlängerung. Auch die Niederlage gegen Dortmund, welche die Entscheidung im Meisterrennen besiegelte, wurde Robben von vielen Experten und Fans angelastet. Von der Matchwinner-Attitüde aus 2010 ist nicht mehr viel übrig geblieben.

Star im Team, aber kein Führungsspieler

Robben selbst zeigte sich von diesen Rückschlägen bisher unbeeindruckt. Den verschossenen Elfmeter gegen Dortmund konterte er mit einem verwandelten in Madrid und auch im Pokalfinale traf er vom Punkt. Wieso also nicht auch gegen Chelsea? Das Selbstverständnis von Robben lässt keine Zweifel zu, er ist ein Star, einer der besten der Welt. Das denkt Robben, das denken Hoeneß & Co. - eigentlich.

Und doch sehnte sich Hoeneß nach der bitteren Final-Niederlage nach einem Jens Jeremies, einem Wadenbeißer, der die Ärmel hochkrempelt und die eigene Mannschaft im entscheidenden Moment nach vorne pusht. Oder einen wie Effenberg, der sich nach dem verschossenen Elfmeter von Mehmet Scholl im Finale 2001 die Kugel schnappte und im Tor versenkte, dass das Leder noch Minuten später vor Testosteron triefte.

So einer ist Robben nicht. Das weiß er und das weiß - mittlerweile - auch die Bayern-Chefetage. Er übernimmt Verantwortung ohne zu zögern, ja, aber ein Führungsspieler vom Kaliber eines Effenbergs, van Bommels oder auch Schweinsteigers? Nein.

Mangelnder Überraschungseffekt

Über die sportlichen Qualitäten Robbens gibt es dagegen keine zwei Meinungen. 40 Tore und 23 Vorlagen in 62 Bundesligaspielen, dazu 6 Tore und 3 Vorlagen in 8 DFB-Pokal-Auftritten und 9 Tore, 5 Vorlagen in 21 Champions-League-Partien: die Statistiken sprechen eine eindeutige Sprache. Er ist ein Ausnahme-Könner, der über außergewöhnliche Fähigkeiten vor allem mit dem linken Fuß verfügt. Das Problem: die Gegner haben sich inzwischen darauf eingestellt.

BLOG: Arjen Robben@CL-Final 2012

Sein typischer Bewegungsablauf, von rechts außen zur Mitte zu ziehen, um dann mit links aufs Tor zu zirkeln hat schon lange keinen Überraschungseffekt mehr. Fast immer wird er vom Gegner gedoppelt. Auch bei den Standards ließ Robben in letzter Zeit zu selten seine Qualtäten aufblitzen. Gegen Chelsea trat er sämtliche ruhenden Bälle, kein einziger war gefährlich.

Robben braucht ein Erfolgserlebnis

Wie also geht es mit Arjen Robben nun weiter? Bei der WM braucht Bondscoach Bert van Marwijk einen Robben in Bestform, um mit seinem Team bei der EM ähnlich für Furore zu sorgen wie vor zwei Jahren.

Und auch für Robben bietet die Europameisterschaft - genau wie für die Lahms und Schweinsteigers - die Möglichkeit, das Finale vom Samstag möglichst schnell aus dem Kopf zu bekommen. Zumindest vorerst.

Verstärkungen für die Offensive

Bei Bayern wird viel davon abhängen, ob Robben sein Egoisten-Stigma ablegen kann und welche Neuverpflichtungen ihm Jupp Heynckes und Christian Nerlinger zur Seite stellen. Sich im Kreativspiel ausschließlich auf das Duo infernale Robben/Ribery zu verlassen, wird in Zukunft nicht mehr reichen.

Um Hoeneß' Ziel, national wieder die Nummer eins zu werden und vielleicht in den nächsten drei Jahren nochmals die Chance zu haben, ins Champions-League-Finale vorzustoßen, braucht es unter anderem frisches Blut in der Offensive. Davon würde auch Robben profitieren.

"Das sind die wichtigen Spiele in der Saison. Meine Wade war gut, der Doktor sagte aber, ich sollte nach 60 Minuten runter. Ich habe ihm gesagt: Warte noch."

Das waren die Worte von Arjen Robben nach seinem Traumtor gegen Manchester im CL-Viertelfinale 2010, einem der besonderen Momente in der jüngeren Bayern-Geschichte. In dieser Saison sorgte Robben dagegen eher für "andere" besondere Momente.

Arjen Robben im Steckbrief

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