Fussball

Eier wie Medizinbälle

Von Stefan Moser
Montag, 04.04.2011 | 18:58 Uhr
Tägliches Training mit Medizinbällen gehört für ihn zum Alltag: Michael Ballack
© Getty

Dass die Bundesliga ihre Seele schon vor Jahren für ein Paarmarkfuffzig an Mephistopheles verkauft hat, war uns sowohl bekannt als auch egal. Aber nun ist eine Grenze erreicht: Überall nur Lug und Trug! Und Trainerwechsel und Bigotterie! Und autistische Bayern-Fans und Hitzefrei! Ach, stöhnt da der Fußballromantiker - und die Alternative Liste stöhnt mit: Ach, wenn alles bloß so wäre, wie es früher nie gewesen ist. Die Wehklagen des 28. Spieltags.

1. Frühling in Deutschland: Wenn einem sonst nichts einfällt, spricht man übers Wetter - und es fiel ihnen nichts ein. Weder Hoffenheim noch Hamburg. Überhaupt nichts: Ein auch in der Höhe absolut verdientes Null zu Null im "Topspiel". Und beide Trainer warben hinterher um Mitgefühl: Die äußeren Bedingungen seien einfach zu schwierig gewesen, 24 Grad Celsius, Luftfeuchtigkeit 60 Prozent, leichter Ostwind und der Saturn im siebten Haus - da ist an Fußball nicht zu denken. Und so waren am Ende alle recht zufrieden, immerhin ist keiner verdurstet, und vor allem beim manisch-depressiven HSV musste man nach dem 6:2-Sieg vor zwei Wochen ja noch weitaus Schlimmeres befürchten. In Sinsheim zumal, denn dort gab's zuletzt auch gerne auf die Mütze, Labbadia-Entlassung und Busblockade inklusive. Am Samstag aber blieb alles wunderbar friedlich, freie Fahrt für freie Mannschaftsbusse, ein kleines, lauwarmes Frühsommermärchen, bis  - ja bis die Polizei den HSV-Tross stoppte! Und warum? Der Pressesprecher hat's getwittert.

2. Apropos HSV: Weiß eigentlich jemand, weshalb Paolo Guerrero für die Hitzeschlacht zu Sinsheim aus dem Kader geworfen wurde? Der HSV machte dazu keine näheren Angaben. Wir vermuten aber, er hatte kein Alibi. Für Freitagabend, so gegen 22 Uhr.

3. Rhetorik: Weil auch zahlreiche andere Partien den widrigen Witterungsverhältnissen zum Opfer fielen, bleibt etwas Zeit, um noch mal kurz gegen die Länderspielpause nachzutreten. Genauer gesagt: gegen Oliver Bierhoff. Der ging nämlich auf die Barrikaden, weil in der "Tatort"- Folge  "Mord in der ersten Liga" der sarkastisch gemeinte Satz fiel: "Wissen Sie, die halbe Nationalmannschaft ist angeblich schwul".

Und da schwoll Väterchen Bierhoff natürlich der Kamm: Die "Bild" zitierte ihn sogleich mit der Drohung, gegen "haltlose Gerüchte" und "falsche Unterstellungen" vorzugehen, immerhin werte er die Aussage als "Angriff gegen meine Familie - die Familie der Nationalmannschaft"!

Aber schauen Sie, Herr Bierhoff: Erstens zielte der fragliche Ausspruch doch gar nicht auf die Mannschaft selbst, sondern auf die in sich schon verquere Lust am Denunzieren, die an den Stammtischen immer wieder eine inhaltliche Debatte erstickt. Und zweitens untergraben Ihre Hysterie und die bezeichnende Rhetorik, in der Sie sie vortragen, doch die schöne Toleranz-Kampagne, die Ihr Chef Dr. Theo Zwanziger so eifrig betreibt. Denn wenn wir Sie da richtig verstehen, lautet Ihre Botschaft unterm Strich nun: Homosexualität ist ja grundsätzlich voll okay und so weiter - aber wehe einer behauptet, bei uns könnte jemand daran erkrankt sein!

4. Arglistige Täuschung: Dass Frankfurts Heribert Bruchhagen Trainer Christoph Daum nur deshalb haben wollte, weil er Pulver im Kaffe hatte, hat Ulrich Hoeneß ja schon ausgeplaudert. Offen blieb bislang allerdings die Frage, was der ambitionierte Messias ausgerechnet bei der Eintracht will. Kannte er die Bundesliga etwa nur noch so vom Hören-Sagen? Und hat sich von Bruchhagen mit einer ganz billigen Masche ködern lassen? "Vier Punkte vor Wolfsburg, zwei vor Stuttgart, nur einen hinter Bremen und Schalke: Klingt doch nach Europacup!"

5. Fairtrade: Der Heynckes sei "ein echter Sportsmann, und zwar vom Scheitel bis zur Sohle", legte Rudi Völler während der Woche seine Hand ins Feuer. Niemals nicht würde der "total korrekte" Jupp einen Leverkusener Spieler im Sommer als Mitgift mit nach München nehmen, watete der Bayer-Sportchef dabei knietief durch den Ehrenkodex der fußballerischen Männerbünde. Schade bloß, dass die Ritterlichkeit bei Völler selbst nicht ganz von Kopf bis Fuß sondern höchstens vom Bauchnabel bis zum kleinen Rudi reicht. Nur wenige Stunden später lief nämlich die folgende Nachricht über den Ticker: +++ Freiburgs Ömer Toprak folgt im Sommer Robin Dutt nach Leverkusen +++

6. Life has a funny way: Danke, Christoph Metzelder, für diesen bescheuerten Ohrwurm! Schalkes Verteidiger spielt nämlich mit Mundschutz - und bricht sich dann in einem annullierten Spiel die Nase! "Isn't it ironic...don't you think? A little too-hoo ironic? Yeah, I really do think." Trotzdem natürlich gute Besserung!

7. Kontrollfreak: Um sich ein fundiertes Bild von der Mannschaft zu machen, ging Felix Magath nach seinem Wechsel zurück zu Wolfsburg einfach mal selbst nachgucken.

"Ich dusche ja manchmal zusammen mit den Spielern", verriet der 57-Jährige, "und dabei habe ich es genau gesehen..." Ein für Voyeure durchaus vielversprechender Satzanfang - der allerdings nicht in den erhofften Kalauer mündete: Die Spieler haben immer noch Eier wie Medizinbälle. Magath wollte nur einfach mit einem Vorurteil aufräumen: "Der Helmes ist gar nicht zu dick!"

8. Apropos Hoden: Der einzige Spieler, der in der Bundesliga wirklich noch Eier aus Stahl hat, ist Michael Ballack. Kein Witz! Der Capitano bekam in Kaiserslautern einen richtig fiesen Tritt: Patella meets Skrotum, mit der Kniescheibe voll in die Nüsse. Ballack blieb auch kurz die Luft weg, doch dann schüttelte er sich selbst und die Seinen - und spielte weiter. Treter Adam Nemec dagegen musste ausgewechselt werden. Knieverletzung.

9. It's a TuT's World: Keine öligen Metaphern, keine Brunftschreie, kein verbales Gefummel: War das wirklich Fritz von Thurn und Taxis, der am Samstag Dortmund gegen Hannover kommentierte?! Er muss es wohl gewesen sein, immerhin verwechselte er permanent alles mit allem und jeden mit jedem. So tummelten sich in TuTs Welt diesmal unter anderem die Herren Mark Stindl, Dirk Fromlowitz und Neven Sobotic. Und was die auf dem Platz angeblich so alles anstellten! Sehr fantasievoll! Die Realität: Großkreutz spielt links raus auf Schmelzer, der flankt nach innen. TuT: Großkreutz zu Bender. Kurz darauf: War ja gar nicht Bender, der geflankt hat, sondern der Großkreutz. Realität: Lewandowski wird nach mäßiger Leistung ausgewechselt. TuT findet: Lieber Götze auswechseln, Lewandowski war sehr auffällig. (Der Pole war in TuTs Welt übrigens wirklich extrem viel unterwegs, was aber vor allem daran lag, dass er auch Großkreutz und Bender ständig für Lewandowski hielt.) Realität: Großkreutz rennt nach seinem Tor zu Dede. TuT glaubt: Großkreutz läuft zu Owomoyela, der aber in Wirklichkeit da Silva ist. To be continued...

10. Imagebildung: Sie haben es vermutlich schon gesehen: Wie der Ex-Schalker Mike Büskens den Ex-Schalker Felix Magath auf Facebook durch den Pfefferminztee zog (klick). Das ist grundsätzlich lobenswert und völlig richtig. Nur leider, Büskens, wird die ganze satirische Pointe auf einen Schlag stumpf, wenn man sich dann anschließend beim eigenen Anhang selbst anbiedert. Denn PR bleibt nun mal PR - und damit per se strategisch und berechnend - egal, wie sehr man dabei auch versucht, Malocher-Romantik und Volksnähe zu symbolisieren.

Da hilft es auch nicht, krampfhaft real zu keepen und fünf Mal zu betonen, dass man lieber ehrliche Trainingsanzüge statt verlogene Nadelstreifen trage.

Die Grenze zwischen Gut und Böse ist bestimmt nicht aus Ballonseide gestrickt.

Kleider machen zwar Leute, Büskens, aber deshalb noch lange keine besseren Menschen.

11. Zum Schluss: Schiedsrichtermäßig war's auch an diesem Wochenende wieder nicht so dolle. Und da legen wir natürlich gerne unseren Finger in die Wunde - und fordern, exemplarisch, die Aufhebung der Gelb-Roten Karte gegen Arne Friedrich. Denn erstens wurde er in der entsprechenden Szene selbst elfmeterreif gefoult, zweitens anschließend geschubst; drittens warf er sich auch dann nicht wie vom Bierbecher getroffen zu Boden, sondern guckte nur recht tantenhaft. Und viertens stellte Schiri Kinhöfer erst nach Durchsicht seiner Akten fest, dass der arme Friedrich schon die Gelbe hatte. Macht in der Summe: Freispruch nebst Entschuldigung vom Unparteiischen. Unterstützer der Petition "Free Power-Arne!" bitte per Handzeichen melden...

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