Alternative Liste - Spieltag 30

Sprechen Sie Slapstick, Herr Hoeneß?

Von Max-Jacob Ost
Montag, 18.04.2011 | 19:01 Uhr
Der Telefonmann sah ein blaues Licht. Nur Uli Hoeneß nicht
© Getty
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Thomas Tuchel hat Angst vor Mike Hanke, Christoph Daum Milch im Bart und Manuel Neuer seinen Öltanker im Weserstadion geparkt. Kein Wunder, dass Uli Hoeneß die Liga nicht mehr versteht. Bud Spencer und die Alternative Liste übersetzen sie ihm.

1. No List for alternative authors: Alternative Liste Schreiben geht ja so: Die Spiele gucken. Muss nicht (Wolfsburg- und Hoffenheim-Bashing geht auch blind), wenn aber doch, dann unbedingt nur in einem Gemütszustand, der vielleicht am besten mit dem eines Sitzsackes verglichen werden kann. Alternativ kann man sich auch den lokalen Arbeitskreis "Leinentaschen statt Plastik" einladen und vom mitgebrachten Gebäck kosten.

Wie man es aber auch macht, danach passiert lange nichts. Man schließt die Augen (mehrmals), streicht sich verzweifelt durchs schüttere Haupthaar (immer öfter), man öffnet die Augen (einmalig), man kniet vor dem Udo-Lattek-Altar (nächtelang) und meist ist sie dann schon fertig, die Liste. Flugs noch Bilder rein, die Bildunterschriften aus Zitaten von Helge Schneider und Rocky Balboa zusammenguttenborgen und an der Haustür das kleine Katzentürchen mit der Beschriftung "Für Trolle. (Und Dieter Hoeneß)" abschließen. So - und Kenner der Materie dürfte kein Detail der Beschreibung verwundern - so geht das.

Das unbestritten Wichtigste aber ist die Haltung. "Einem Farmer von zwei Metern, mit Schultern, breit wie ein Eisenbahndamm und einer Stirn wie einem Prellbock kann man alles rauben. Man kann sein Land verbrennen und seine Pferde den Fluss hinunter jagen. Nur seine Haltung kann man ihm nicht nehmen." Das hat Tommy Lee Jones als Sheriff in "No Country for Old Men" gesagt. Nicht direkt. Nicht mal im Ansatz. Aber er hat es bestimmt so gemeint.

Um diesen elendig langen, selbstreferenziell-sandigen Prellbock-Absatz also endlich zum bitter notwendigen Ende zu bringen: Wenn als Spieltagshighlight verbucht werden kann, dass Bayer Leverkusen entgegen aller historisch bis ins 13. Jahrhundert belegten Tatsachen in München untergeht, dann kann man nur eines als Reaktion darauf machen. Der Liga den Finger zeigen (nicht den Vettel-Finger) und sich rauslabern. Klappt für einen Absatz meist recht gut.

2. Taschentuch, Herr Hanke? Kenner des ersten Absatzes wissen es bereits, für die Massen sei es aber noch einmal gesagt: Ab jetzt wird's eng. Im Grunde geht es diesem zweiten Listenpunkt also wie Thomas Tuchel. Jaja, der kommt mit den Mainzern vielleicht in den Europapokal. Schon klar. Klar ist auch, dass es selbstverständlich nur zu begrüßen ist, wenn eine Mannschaft in der Liga rockt, bei der man weder die Akteure auf dem Platz noch die auf den Rängen vom Auswurf einer x-beliebigen Jugendherberge am Samstag Nachmittag unterscheiden kann.

Trotzdem stellt sich langsam ernsthaft die Frage, wie Thomas Tuchel seine Karriere so an die Wand fahren kann. Denn welcher Verein soll in Zukunft denn bitte noch einen Trainer einstellen, der Dinge über den Gegner sagt wie: "Mohamadou Idrissou und Mike Hanke sind sehr präsent in der Sturmspitze und können aus halben Torchancen ganze machen." Lieber Thomas: Innovative Trainingskonzepte hin, ausgereifte Spielanalysen her. Mo "Champions League" Idrissou und Mike Handkerchief in einem Satz mit dem Wort "Torchance" zu nennen - das hört sich weniger nach Reiss-Test, sondern mehr nach Plätzchenrezept von den Leinentaschen-Hippies an!

3. Tschakka, Ihr lest das! Von Witzen über bekiffte Neo-Hippies zu Christoph Daum ist es nur ein deprimierend kleiner Schritt. Frankfurts Multi-Talent (beim Casting zu "Die Supernasen" wegen Übererfüllung der Auswahlkriterien durchgefallen) hat auch Hoffenheims Trainer Pezzadingens tief beeindruckt. "Wir haben ein extra Video zusammengestellt von seiner Arbeit, von der Art wie er seine Mannschaft pusht", hechelte der interimigste aller Interimscoaches mit leuchtenden Augen ins Mikrofon. Wir haben das Video selbstredend gesehen und fassen die ersten dreieinhalb Stunden mal zusammen:

"Der Weltraum. Unendliche Weiten. Dann ein Toben. Christoph Daum feuert seinen Wecker an, ihn zu wecken. Schnitt. Christoph Daum bringt barfuß das Altglas weg. Schnitt. Christoph Daum trinkt ein Glas Milch. Auf Ex. Schnitt. Christoph Daum schüttelt die Milch aus seinem Bart. (Großaufnahme) Schnitt. Christoph Daum vermöbelt im Supermarkt den Typen, der ihm eine Probe der H-Milch anbieten wollte. "H-Probe, der Herr?" So geht das Video in einem fort und fort. Ihr wartet auf die Absatzpointe? Tja, ist halt ein Abschnitt über Christoph Daum. Jede einzelne Silbe ist hier so von sich überzeugt, dass eine Pointe reiner Überfluss wäre.

4. Hoffenheim versus Bud Spencer: Wie nun leicht zu erkennen ist: Es grenzt an ein Wunder, dass Hoffenheim mit Pezzaiuoli gegen Frankfurt mit Chuck Norris gewinnen konnte. Als hätte ein Veganer fünfter Stufe Bud Spencer im Armdrücken besiegt. So grotesk, dass man prima Witze für die Massen darüber machen könnte. Wenn es nicht um Hoffenheim ginge. Und für die zwei Lacher im Publikum lohnt sich der Aufwand nun wirklich nicht. Widmen wir uns deshalb lieber etwas, das eher in Erinnerung bleibt. Hier eines unserer Lieblingszitate von Bud Spencer:

"Terence und ich haben uns stets neue Figuren ausgedacht, wie man sich lustig verkloppen konnte. Beim Essen, im Hotelzimmer, am Set. So konnten wir immer improvisieren, weil wir zuvor einstudierte Schlagsequenzen vor den Statisten und Stuntmen vorführen konnten - damit diese sie dann adaptierten. Ein Beispiel: Ich haue einem kleinwüchsigen Schauspieler wie ein Dampfhammer mit ausgestrecktem Arm von oben auf den Kopf. Statt gleich umzufallen, macht der kleine Schauspieler zuvor eine Pirouette. Ganz wichtig: Er musste dabei die Augen verdrehen. Slapstick ist eine universale Sprache." (Quelle)

5. Ich glaub, es hackfleischt! Apropos Lieblingszitate. "So kann er nicht pfeifen! Auf der einen Seite konsequent - auf der anderen Seite... wie 'ne Wurst!" Max Eberl, Sportdirektor von Mönchengladbach, ist ganz offensichtlich sauer darüber, dass sich die größten Bundesligavereine in den fleischigen Händen von Wurstfabrikanten befinden. Experten sprechen dahingehend schon lange von einem Wurst-Case Szenario. Das pfeifen die Spatzen von den Dächern. Auf beiden Seiten. Weitere Schmunzler wurden für diesen Absatz nicht vorgesehen. Immerhin geht es hier um Wurst.

6. Method-Acting mit Dave J.: Liebe Bundesliga, Du musst das so sehen: Wenn Du uns Hamburg gegen Hannover als heißes Nord-"derby" und Kampf um das Tor nach Europa verkaufst, dann brauchst Du dich auch nicht zu wundern, wenn wir nach dem zu einhunderteinself!!! Prozent erwartbaren Nullnull in Zukunft lieber das Nordderby von Torpedo Flensburg gegen Arthrose Rosenheim im Boccia bewundern! Und sag dem Jarolims David, er soll wenigstens im Fallen die Augen verdrehen. Slapstick ist eine universale Sprache! Mein Gott, das sind Grundlagen!

7. Einparkhilfe Manuel Neuer: Ach, und wo wir gerade dabei sind, liebe Liga. Wann zählen endlich jene Tore doppelt, die erzielt wurden, weil der Torhüter mitten im Spiel so heftig reklamierend mit den Armen rudert, dass es aussieht als würde er einen Öltanker in die Parklücke einweisen? Natürlich. Es ist schlimm, wenn man außerhalb des deutschen Nichtschwimmerbeckens namens "Fünfmeterraum" ganz dolle in eine Menschenmenge hinein springt. Ganz schlimm. Aber danach rumzappeln wie ein Hampelmann mit der Nase im Starkstromsicherungskasten? Also bitte! Jeder kennt doch das berühmte Zitat von Tommy Lee Jones als Sheriff in "No Country for Old Men": "Lass die Faxen und spiel weiter, du Knilch!"

8. Stilfragen: Und überhaupt. Was soll denn bitte dieser ganze Wechselmist die letzten Wochen, liebe Liga? Vermutlich kann man den Stadionheften bald einen hundertteiligen Bausatz beilegen, für die ultimative Trainer-und-Spieler-die-jetzt-zwar-hier-bald-aber-ganz-woanders-spielen/trainieren/albertstreiten-Tabelle. Kein Wunder, dass selbst die Spieler da durcheinander kommen. Wenn Lakic auf dem Betzenberg für Lautern die Seitenwahl gewinnt und gegen die Meinung der Lauternfans die Spielrichtung ändert - hat er dann alles richtig, alles falsch oder einfach einen klassischen Udo Lattek (zwar falsch, aber niemand widerspricht) gemacht? Herrje, Bundesliga! Du warst mal wie Erich Ribbeck! Relaxt. Zurückgelehnt. Im Denken oldschooliger als die Renaissance und alles in Allem ein einziges beige-braunes Cord-Jackett. Und nun? Findest du dich wirklich schick, im hippen Sakko von Uli Stielike?

9. Plätzchenphantasien: Machen wir uns doch nichts vor: Das Ende der Fahnenstange ist lange noch nicht erreicht. Nächste Woche wird Magath in Wolfsburg entlassen, weil man nicht wusste, dass der Trainer nun häufig diese auffälligen Brillen durch das einzige tragen würde, das in Wolfsburg wegen durchgehend konsequenter Hässlichkeit die Chance auf den Titel des Weltkulturerbes hat: die Innenstadt (Quelle: Die Frau von Ivanauskas). Und was wird Felix tun? Den Facebook-Status ändern und einen Dampfhammerschlag später bei St. Pauli unterschreiben, weil Stanislawski nach Hoffenheim geht und Pezzaiuoli Schoßhund von Christoph Daum wird.

Bruno Labbadia ruiniert als Trainer nacheinander die Rückrunden aller anderen Bundesligisten, wodurch der VfB locker in die Champions League kommt und am Ende schafft Lakic es nervlich nicht mehr, auch nur eine einzige Seitenwahl durchzuziehen. Denn die Entscheidung zwischen Meisterschaft, Champions League, Arbeitsamt oder Investment bei 1860 München zermürbt ihn. Und dann stellt sich die Bundesliga bestimmt hin, klopft sich zufrieden die Hände ab und verkündet die Verlagerung des Spielbetriebs nach Katar. Mach' es zu deinem Projekt. Jabbadajajippiejippieyeah...

10. Schluss mit dem Hyperventilieren: Einatmen. Ausatmen. Ihr habt Recht. Vielleicht sehen wir das alles etwas zu ernst. Dabei haben wir doch nur versucht, mit dem Tempo der Liga mitzuhalten. Einer Liga, in der manch Fan erst auf übelste pöbelt und dann mit King Lear um die Ecke kommt (vermutlich um versteckt den Wunsch nach einer Leseratte wie Zauberlehrling Rost im Tor zu äußern). Einer Liga, in der chilenische Abwehrboliden mit Hackentricks im eigenen Sechzehner ihr nächstes Jahr in der Champions League sichern. Einer Liga, in der Ralf Rangnick ungeschlagen ist. Es wäre wirklich zum Verrücktwerden, gäbe es nicht noch wenigstens zwei unverrückbare physikalische Grundgesetze: 1. Witze über Stereotypen gehen immer. 2. Michael Ballack wird mit Leverkusen Vizemeister.

11. Don't cry for me, Südtribüne: Noch jemanden vergessen? Achja, Dortmund. Die in dieser Saison nur in einer handvoll Spielen angedeutet haben, dass das, was sie spielen, nur leicht aussieht und es nicht ist. Die absolut verdient Meister werden. Denen jeder gratulieren muss, der in dieser Chaos-Saison noch den Überblick behalten hat.

Denn in einer Spielzeit der Trainerwechsel und Störfeuer haben sie immer Stil bewahrt. Bis zuletzt, wenn ein gerührter Dede minutenlang von Fans und Mannschaft gefeiert wird. Mag sein, dass ein solches Lob zu früh und zu viel erscheint. Doch eines muss man dem BVB lassen. Von Woche zu Woche hat er unabhängig von Sieg oder Niederlage Haltung gezeigt. Und der Liga damit nicht einen, sondern gleich zwei Finger - geformt zum Victory-Zeichen. Vermutlich macht Uli Hoeneß deshalb gerade eine Pirouette, verdreht die Augen und sackt in sich zusammen. Tommy Lee Jones und Bud Spencer wären bestimmt stolz.

Der 30. Spieltag im Überblick

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