Suche Neuer, biete Pfandflaschen

Von Max-Jacob Ost
Montag, 02.05.2011 | 20:12 Uhr
Macht sich für mögliche Käufer hübsch: Manuel Neuer ist neben Albert Streit begehrtester Schalker
© Getty
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Während der Kaiser Manuel Neuer ein Preisschild anheftet, bekämpfen Christian Tiffert und Rudi Völler die einzig wahren Probleme: Den demographischen Wandel und Frauenfußball. Die Alternative Liste.

1. The disappointed Leberwurst: Auch wenn es Generationen von Philosophieprofessoren und anderen geistigen Wegelagerern arbeitslos macht: Das Leben ist banal einfach. Man muss sich nur an die goldenen drei Grundsätze halten:

 

  1. Beim Vorspiel nie als letztes die Socken anhaben.
  2. Frische Muscheln nicht um 16:48 Uhr sonntags in Bielefeld auf dem Flohmarkt erwerben.
  3. Im Fall einer Auswechslung vermeiden zu zeigen, wie genervt man ist.

 

Vor allem Punkt Drei sollte man beachten. Denn während wir beim Siegen fast alle gleich sind, zeigt sich die Persönlichkeit am besten in der Niederlage. Manche knipsen da die Nebelrückleuchte an (Hoeneß), andere treten nach (Sportbild) und einige wenige zeigen Haltung (Rangnick. Nicht.). Auf dieser Skala zwischen Queen Elizabeth und Jose Mourinho liegt Wolfsburgs Diego ungefähr da, wo er sich selbst vermutlich sieht: Ganz nah an der Spitze.

Nahm seine Auswechslung kämpferisch und trottete ohne Augenkontakt mit Magath vom Platz wie ein sechsjähriges Mädchen, das man nach einer Minute schon wieder vom Ponyhof zurück an den Webstuhl ruft. "Das hatte nichts mit der Auswechslung zu tun. Ich wollte nur ganz schnell meine Laufschuhe holen, weil wir direkt nach dem Schlusspfiff zum Auslaufen müssen." Wer so versteckt nach Mitleid schreit, wäre eigentlich prädestiniert für eine Kolumne. Jemand die Nummer der "Sportbild" zur Hand?

2. Paparazzo Weidenfeller: Apropos sensationsgeiler Meinungsjournalismus: Man kann es auch übertreiben, Mr. Weidenfeller. Natürlich wollen wir nah dran sein, wenn Sie erst Ihren Englisch-Lehrer ins Grab bringen und anschließend festhalten, wie Gunter Gabriel in einen weißen Dede verwandelt wird. Aber manche Dinge sind auch uns zu nah dran. Und seien sie noch so klein. Um es in Ihren Worten zu sagen: You have overcircelt se Schamspirale.

3. Schiri, wir kennen Deine Kreditkartennummer: Warum war Jürgen Klopp als TV-Experte so beliebt?

  1. Weil er alle Dinge einfach erklären kann.
  2. Weil die Erklärung nicht immer dieselbe ist. (Anders als Oli Kahn: Druck. Udo Lattek: Neid und Missgunst. Stefan Effenberg: Fehlender Leader. Matthias Sammer: Die Grundkonstante in Führung, sportlicher Aufstellung und taktischer Ausrichtung des Gesamtkonstrukts, das sich "Verein" nennt).

Beispiel gefällig? Mit nur einem Satz erklärte Klopp im Gespräch mit der Mensch gewordenen Applauseinforderungsmaschine Michael Steinbrecher, warum die Bayern in einer Woche spielen wie ein Sack voll verschimmelter Pflaumen und in der nächsten wie Borussia Dortmund: "Das größte Problem meiner Jungs in den letzten Wochen war der Ausfall des Sony Playstation Netzwerkes." Sagte er über Dortmund. Doch wer hat die größte Leistungssteigerung gezeigt, als er sich endlich mal statt aufs Daddeln aufs Training konzentrieren konnte?

4. Du liest zu viel, Rost: Wer wissen möchte, wie weit sich die intellektuelle Elite von den Massen entfernt hat, muss nur auf einem Schulhof vorlesen wie Roger Willemsen ein Wasser bestellt. Die ahnungslosen Gesichter mit dem in die Mimik eingebrannten "wtf? Rofl! Was'n Opfer!" wären Antwort genug. Man kann es sich aber auch leichter machen und einfach Frank Rost zuhören.

Der outete sich einmal mehr als designierter Nachfolger von Marcel Reich-Ranicki, als er in einer seiner stündlichen Brandreden das Abwehrverhalten des HSV beschrieb: "Die daddeln da hinten rum wie auf der Playstation."

Doch genau da lag in der letzten Woche ja das Problem, wie wir seit Jürgen Klopp wissen. Hätten die Jungs ein bisschen daddeln können, wäre das nur gut gewesen. Denn selbst Elia und Guerrero haben auf der Playstation bei Form und Motivation manchmal einen Pfeil nach oben. Aber das würde Frank Rost vermutlich nicht mal glauben können, wenn er Gothe-Buch und Schleier der Wut beiseite legen und es mit eigenen Augen sehen könnte.

5. 2011 Locken von ihrer schönsten Seite: "Pfeif doch Frauenfußball! So ein Mist, jeden Mückenstich pfeift der, das ist unfassbar." Rudi Völler nach Spielschluss in Köln. Schon jetzt absolut heiß auf die WM im Sommer.

6. Boten des Untergangs: Apropos Frauen-WM: Die Apokalypse naht. Nein, wirklich! Glaubt Ihr nicht? Dann leset und erkennet die Zeichen. Deutschland, am 30. April um 18:51 Uhr: Daniel van Buyten schlägt einen 50-Meter-Pass auf Franck Ribery. Der Ball kommt an. Deutschland, am 30. April um 19:02 Uhr: Arjen Robben lässt den Gegenspieler stehen, zieht nach innen, visiert den Winkel an - und spielt zum vollkommen frei stehenden Thomas Müller. Deutschland, am 30. April um 20:03 Uhr: Anatoly Tymoschtschuk leitet den Ball perfekt weiter auf Bastian Schweinsteiger. Mit! der! Hacke! Ist Euch auch mulmig?

7. Boten des Untergangs II: Christoph Daum ist der Karl-Theodor zu Guttenberg der Bundesliga. Entweder man hasst ihn, oder man liebt ihn. Und beiden Einstellungen begegnet Daum mit derselben Reaktion: Er singt ein Loblied auf sich selbst. Christoph Daum ist wie jemand, der bei seinem eigenen Facebook-Kommentar auf "gefällt mir" klickt. Niemand sonst würde sich ins "Aktuelle Sportstudio" stellen und die eigene Menschlichkeit und Liebenswürdigkeit in so hohen Tönen loben.

Sagen wir es also wie es ist: Christoph Daum passt zum Eintracht Frankfurt Heribert Bruchhagens wie Prince ins Finanzamt Fulda. Womit wir beim Thema sind, denn derzeit spielt die Eintracht so schlecht wie der Ruf von Fulda ist. Die Erfolgsbilanz von Daum bei Frankfurt ist kürzer als ein Field-Interview mit Mesut Özil. Und was sagt Daum dazu?

"Du musst unglaublich gut sein, um den Relegationsplatz zu bekommen. Jeder muss sich ganz klar vor Augen führen, dass der Relegationsplatz für uns ein ganz wichtiges Ziel ist und nicht nur der direkte Klassenerhalt. Da sollten wir uns nichts vormachen." Richtig Herr Daum, da sollte man sich nichts vormachen. Man muss schon unglaublich gut sein, um den Relegationsplatz zu bekommen. Arme Eintracht.

8. Tiffi bekämpft den demographischen Wandel: Kleiner Service für zwischendurch: Wenn in fünf Jahren die Sendung "Die Wollnys" vom neuen Familienclan "Die Tiffosi" abgelöst wird, war das hier der Grund (und Christian Tiffert vermutlich Torschützenkönig): "Kein Witz: Heute hat meine Frau Geburtstag. Bei meinem ersten Tor hatte meine Tochter Geburtstag. Vielleicht sollte ich mehr Kinder machen, dann gäbe es mehr Geburtstage. Gar keine so schlechte Idee, oder?"

Der praktische RSS-Feed zur Alternativen Liste

9. Biete Torhüter in Originalverpackung, kaum gebraucht: Eindrucksvoller konnte Franz Beckenbauer kaum beweisen, warum er bei Bayern nicht der Mann für die Zahlen ist. Seine Verhandlungsstrategie im Fall Neuer? "Ich würde alles Geld, das der FC Bayern zur Verfügung hat, in diesen Transfer stecken." Jetzt kann Christian Nerlinger nur hoffen, dass Horst Heldt das durch die Schalke-Brille sieht. Und Manuel Neuer für zwei Tüten Pfandflaschen und eine Enron-Aktie nach München transferiert.

10. Der Bibobabubobümann: Mit etwas Pech für Bayern hat Heldt aber den "Doppelpass" vom Sonntag gesehen und weiß seitdem den exakten Wert seines Torhüters. Denn den packte ZDF-Mann Boris Büchler in einen Satz von der Präzision eines blinden Friseurs: "Weidenfeller war der beste Torhüter der Saison. Neuer der beste Europas." Noch heute überlegt Udo Lattek angestrengt, ob das nicht vielleicht doch eine Phrase war...

11. Mach mich hoch!!!: Kommen wir zum Moment des Wochenendes. Ganz knapp auf den Plätzen: Karl-Heinz Rummenigge, als er nach dem ZDF-Interview schüchtern fragte "Darf ich noch jemanden grüßen?" und dann in die Kamera winkte und Borussia Dortmund siezend zur Meisterschaft gratulierte. Sowie Manuel Neuer mit seiner Antwort auf die Frage, ob gegen Bayern vielleicht auch etwas die Kraft gefehlt hätte: "Wie? Thomas Kraft jetzt?" Nein, der Moment gehört dem heimlichen Gewinner dieser Saison. Denn mal ehrlich: Wünscht sich nicht jeder Fan manchmal, er hätte Nobby Dickel als Fanradio-Reporter und Stadionsprecher? "MACH MICH HOCH!!!!"

Der 32. Spieltag im Überblick

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