Die trügerische schwäbische Familienidylle

Von Alexander Maack
Dienstag, 16.10.2012 | 23:33 Uhr
Nico Rosberg (l.) und Lewis Hamilton bilden ab 2013 das Mercedes-Team
© Getty
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Der Wechsel von Lewis Hamilton zu Mercedes ist eine Wiedervereinigung alter Bekannter. Der Brite fuhr schon früh für den Konzern und traf dabei auf seinen neuen Teamkollegen Nico Rosberg. Doch wie werden beide Fahrer nach dem Abgang von Michael Schumacher miteinander zurechtkommen? Es gibt Zweifel, dass die Freundschaft hält.

Für Mercedes' neuen F1-Aufsichtsratchef Niki Lauda sind die Qualitäten Hamiltons klar. "Ich denke, Lewis ist der beste Fahrer der Welt", erklärte der Österreicher nach der Verpflichtung des Briten: "Er ist unglaublich schnell und macht keine Kompromisse."

Genau das ist allerdings die Eigenschaft, die Hans-Joachim Stuck im Interview mit SPOX kritisierte. "Ich finde es rein taktisch unklug, einen Hamilton und einen Rosberg zu paaren. Die werden sich schwer an die Karre gehen", sagte die deutsche Motorsport-Legende.

"Für mich ist Hamilton mit Sicherheit einer der schnellsten Formel-1-Fahrer. Aber mir fehlt bei ihm die Konstanz. Ich glaube nicht, dass Mercedes sich damit einen Gefallen getan hat."

Das Hamilton-Alonso-Fiasko

Strietzel Stuck befürchtet, dass sich Hamilton und Rosberg ähnlich beharken werden, wie es 2007 bei McLaren-Mercedes der Fall war. Unvergessen ist bis heute die Situation beim Ungarn-GP auf dem Hungaroring, als Fernando Alonso seinen eigenen Teamkollegen in der Boxengasse blockierte und ihm somit im Qualifying die entscheidende schnelle Runde kaputt machte.

"Ich bin ausgelaugt", sagte der damalige Teamchef Ron Dennis anschließend. "Es ist hart, solch außergewöhnliche Talente wie Fernando und Lewis zu managen." Hamilton hatte zuvor mehrfach die Anweisung ignoriert, den Spanier passieren zu lassen und damit die Taktik des Rennstalls über den Haufen geworfen. Die Aussetzer des Nachwuchsfahrers nagen bis heute an seinem Image.

Hamilton reagierte ungehalten, beschimpfte Dennis über Funk und bedachte Alonso mit dem ausgestreckten Mittelfinger. "Es mag Frust und manchmal auch Misstrauen zwischen ihnen geben, aber wir halten an der Gleichberechtigung fest", sagte Dennis damals. "Wenn jemand unsere Werte nicht teilt, egal an welcher Position er arbeitet, steht es ihm frei zu gehen." Alonso zog die Konsequenzen und wechselte nach nur einer Saison zurück zu Renault.

Keine Nummer eins bei Mercedes

Beim Mercedes-Werksteam betont Norbert Haug aktuell, dass beide Fahrer im kommenden Jahr gleichgestellt sind. "Nico muss sich sicher nicht mit dem Nummer-Zwei-Status begnügen", so der Motorsportchef zur "dpa". Genau die Taktik, die bei McLaren zum Konflikt der Topfahrer führte.

"Reden kann man viel. Eins ist klar: Es ist für Nico schade, weil er wieder jemanden vorgesetzt bekommt", sagt Stuck gegenüber SPOX. "Hamilton hat Erfahrung, war schon mal Weltmeister. Aber mit ihm wird der Umgang sicherlich schwieriger werden. Es ist sicher eine brisantere Paarung, als sie es vorher war. Auch durch die gewisse Unberechenbarkeit von Hamilton."

Rosberg äußerte sich schon kampfeslustig: "Ich habe in meinem Vertrag stehen, dass ich immer die gleichen Möglichkeiten habe wie mein Teamkollege. Egal, wer das ist." Dennoch bahnt sich beim einzigen deutschen Team schwäbische Vertrautheit an. "Nico und ich sagten schon 2000, dass wir irgendwann einmal gemeinsam in einem Formel-1-Team fahren wollten. Ich bin mir sehr, sehr sicher. Eines Tages werden wir das auch tun", orakelte Hamilton schon im Juli gegenüber "Motorsport-Total".

Die neuen Partner kennen sich schon lange. Mercedes zahlte für die Ausbildung von Hamilton und holte auch den Deutschfinnen Rosberg in sein Nachwuchsprogramm. "Er ist bereits ein Mitglied der Mercedes-Familie", unterstrich Haug die Verbundenheit.

Freundschaft kein Pluspunkt

Gemeinsam fuhren Rosberg und Hamilton 2000 für das MBM.com-Team (Mercedes-Benz McLaren) Kart in der Formula A und freundeten sich miteinander an. "Als Teamkollegen lieferten wir uns großartige Duelle. Lewis ist verdammt schnell", zollte Rosberg in "The Telegraph" Respekt: "Damals gewann er die Meisterschaft, ich wurde Zweiter. Die Formel 1 ist aber etwas anderes, warten wir ab."

Heutzutage sind Beide Nachbarn in Monte Carlo. "Das heißt aber noch nichts", zeigt sich Stuck skeptisch. "Wenn man befreundet ist und im gleichen Team fährt, ist das etwas anderes. Dann tut man sich nicht weh. Plötzlich ist in der Formel 1 der eigene Teamkollege der härteste Konkurrent. Die Frage ist, ob die Chemie dann noch passt."

Zudem hoffte Rosberg noch lange auf einen Verbleib Schumachers. "Wir ergänzen uns technisch gut, was natürlich für die Weiterentwicklung des Autos immer wieder hilfreich ist", sagte Rosberg. Der Grund: Beide haben einen ähnlichen Fahrstil, wodurch sich das Team nie für einen Fahrer entscheiden muss.

Probleme durch unterschiedliche Fahrstile

"Das ist ein ganz wichtiger Punkt", bestätigt auch Stuck. "Es ist für das Team sehr schwierig, wenn die Fahrer unterschiedliche Stile haben. Ich befürchte, dass es bei Hamilton und Rosberg Schwierigkeiten geben wird. Nico ist sicherlich der weichere Fahrer."

Trotz des gleichen Materials könnte für den 27-Jährigen aus dem Fahrerwechsel deshalb ein Problem resultieren, wenn Mercedes Hamilton bei der Entwicklung bevorzugt. Das Problem: Der Brite ist mit einem kolportierten Jahresgehalt von 18 bis 25 Millionen Euro im Vergleich zum Deutschen mit 12 Millionen der deutlich besser bezahlte Fahrer.

Zumal Hamilton schon aufgrund seiner Beziehung zu Nicole Scherzinger und seines extrovertierten Auftretens wesentlich mehr Medienpräsenz genießt als der im Vergleich fast biedere Rosberg. Von den Fehltritten, die er regelmäßig über Twitter hervorrief ganz abgesehen.

Immerhin: Seine Skandale der Saison 2011, als er andere Piloten als "lächerlich" bezeichnete, an den meisten Unfällen überhaupt beteiligt war und Bestrafungen auf seine Hautfarbe zurückführte, hat er mit herausragenden fahrerischen Leistungen vergessen gemacht. Deshalb gibt es für den Daimler-Vorstandsvorsitzenden Dieter Zetsche in der kommenden Saison nur ein Ziel: "Gewinnen." Sonst droht das Ende der Familienidylle.

Das Mercedes-Team im Steckbrief

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