"Ohne Eier"

SID
Donnerstag, 08.05.2008 | 14:16 Uhr
Eishockey, WM, Norwegen, Deutschland, Florian Busch, WADA
© Getty
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Halifax - WM-Viertelfinale und Olympia in weiter Ferne - die Welt-Anti-Doping-Agentur im Fall Florian Busch wieder im Nacken: Der deutschen Nationalmannschaft hilft nach dem Chaos-Mittwoch von Halifax sportlich nur noch ein Wunder.

Nur wenige Stunden nach der bitteren 2:3-Pleite gegen Norwegen schloss zudem die WADA weitere Maßnahmen gegen Busch nicht aus.

Der Gang vor den Internationalen Sportgerichtshof (CAS) in Lausanne ist denkbar, nachdem Busch nach seinem verweigerten Doping-Test vom Internationalen Eishockey-Verband die Spielgenehmigung bekommen hatte.

Winterspiele noch nicht abgehakt

"Die WADA wird die Entscheidung des Weltverbandes IIHF bewerten und entscheiden, ob sie nachfolgende Maßnahmen einleitet oder nicht", teilte die WADA mit.

Sportlich wollen Bundestrainer Uwe Krupp und seine Kufencracks die Runde der besten acht Mannschaften der Welt und damit die direkte Qualifikation für die Olympischen Winterspiele 2010 in Vancouver noch nicht abhaken.

Nach dem 2:3 (1:0, 1:1, 0:2) gegen die Norweger redeten der Coach und seine Akteure aber auch Tacheles.

Müller spricht Klartext

"Wir könnten jede Menge Ausreden finden. Das ist, was man vermeiden sollte. Wir haben unseren Job nicht gemacht und versucht, das Spiel ein bisschen auf Sparflamme zu gewinnen", so Krupp.

"Wenn man keine Eier hat, kann man solche Spiele nicht gewinnen", meinte Torhüter Robert Müller.

Der Einzug in die Zwischenrunde war schon vor der Partie perfekt, weil in der deutschen Gruppe die Slowakei 2:3 gegen Finnland verlor.

Zudem wurde das 4:2 der Auswahl des Deutschen Eishockey-Bundes (DEB) gegen die Slowaken nicht wie erwartet aberkannt, nachdem Verteidiger Jason Holland in der Partie unberechtigterweise eingesetzt worden war.

Schwere Aufgaben warten

Die Niederlage gegen Norwegen und zuvor gegen Finnland nimmt die deutsche Mannschaft nun aber mit in die nächste Runde.

Schon in der Nacht zum Freitag muss die DEB-Auswahl zum Auftakt der Zwischenrunde gegen die USA wieder aufs Eis, am Samstag geht's gegen Titelverteidiger Kanada, in der Nacht zum Dienstag dann die sportlich als einziger Gegner gleichwertigen Letten.

Während Busch trotz seiner verweigerten Dopingprobe bei der WM bleiben durfte, saß Holland an diesem turbulenten Tag auf gepackten Koffern.

Die Schuld in diesem Fall nahm Sportdirektor Franz Reindl auf sich. "Ich übernehme die Verantwortung für diesen unverzeihlichen Fehler", sagte er und sprach von einem seiner härtesten Tage in seiner DEB-Funktion.

Verteidiger Holland war 1996 für Kanada bei der Junioren-WM aktiv und hätte vier Jahre nacheinander in Deutschland spielen müssen, um nominiert werden zu dürfen.

Holland ist aber erst seit drei Jahren in Ingolstadt. Im Vorjahr hatte der DEB erst kurz vor dem Abflug zur WM nach Moskau den gebürtigen Tschechen Petr Macholda aussortiert, weil er keine Spielerlaubnis bekommen hätte.

Krupp und Müller stärken Reindl

Der zwischenzeitlich am Boden zerstört wirkende Ex-Nationalspieler Reindl bekam jedoch Rückendeckung vom Bundestrainer. "Man sollte vorsichtig sein, bevor man ein Urteil fällt. Immer wenn ich dachte, ich habe den größten Fehler gemacht, habe ich einen noch größeren gemacht", sagte Krupp.

Torhüter Müller, der beim Ausgleich der Norweger nach 2:0-Führung schlecht aussah, ergänzte selbstkritisch: "Wenn der Franz genauso viele Fehler machen würde wie wir auf dem Eis, dann würde die Organisation überhaupt nicht mehr funktionieren."

Die Spieler wurden laut Routinier Stefan Ustorf am Mittwoch um 17.00 Uhr Ortszeit bei Kaffee und Kuchen über die Lage informiert, die es so ähnlich auch bei Olympia 1998 gegeben hatte.

Damals wurde der Schwede Ulf Samuelsson nach drei Spielen nach Hause geschickt, weil er auch noch einen US-Pass besaß, die beiden schwedischen Siege blieben aber bestehen.

Die Sünden des DEB-Teams

In der Partie gegen Norwegen gehörten die vielen Strafzeiten zu den deutschen Sünden. Zwei Gegentore fielen bei 3:5-Unterzahl, beim 2:3 saßen die NHL-Profis Marco Sturm, der die deutsche Mannschaft in der siebten Minute in Führung gebracht hatte, und Christoph Schubert draußen.

Das vorübergehende 2:0 hatte Philip Gogulla (25.) erzielt. Der in Duisburg spielende Morten Ask krönte dann aber vier Minuten vor Schluss die Aufholjagd der Norweger, die Ex-Weltmeister Slowakei in die Abstiegs-Playoffs gegen Slowenien schickten und selbst den vorzeitigen Klassenverbleib bejubeln durften.

Im deutschen Lager charakterisierten Leere in den Gesichtern und Kraftausdrücke auf den Lippen die Stimmung.

Schubert will die Großen ärgern 

Das deutsche Team sei von Beginn an total versteift gewesen, befand NHL-Profi Schubert, "es ist alles drin. Wir müssen mal die Großen ein bisschen ärgern und beweisen, was wir können."

Die ganzen Affären tat der Verteidiger der Ottawa Senators als Nebengeräusche ab. Der Abschied von Holland hätte eher noch Ansporn sein müssen, alles für ihn zu geben.

Auch Routinier Stefan Ustorf glaubt noch an das Viertelfinale: "Sonst könnte ich nach Hause fahren und bräuchte die drei Spiele nicht mehr mitspielen."

Quali für 2010 wahrscheinlich 

In Québec vermied derweil Weißrussland mit dem 3:1 über Frankreich den Gang in die Abstiegs-Playoffs.

Der Weltranglisten-Neunte hat auch dank der deutschen Pleite weiter beste Chancen, sich den letzten direkten Qualifikationsplatz für Olympia 2010 in Vancouver zu sichern.

Die deutsche Mannschaft muss sich dagegen auf ein Qualifikationsturnier im Februar 2009 im eigenen Land einrichten.

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