Laureus-Academy-Mitglied Tony Hawk im Porträt

Tony Hawk: Ein Hauch von Rocky

Von Bastian Strobl
Dienstag, 29.03.2011 | 16:42 Uhr
Flyin' sideways: Für Tony Hawk schien in seiner Karriere (fast) nichts unmöglich
© Getty

Egal ob in der Halfpipe oder auf dem Bildschirm: Tony Hawk ist das Gesicht des Skateboardens. Sein krankhafter Ehrgeiz machte ihn als Kind zum Fall für den Schulpsychologen - und half ihm später dabei, den "Heiligen Gral" der Skater-Szene zu finden. SPOX sprach mit der deutschen Skateboard-Legende Titus Dittmann über den 42-jährigen "Beckenbauer des Skateboardens", der sich auch für die Laureus Sports for Good Foundation engagiert.

Jack Nicholson steht auf der Bühne. Lässig-leger öffnet er den Umschlag und verkündet mit der ihm eigenen Art: "And the winner is... Rocky!" Es ist der 28. März 1977, als das Box-Drama im altehrwürdigen Dorothy Chandler Pavilion von Los Angeles den Oscar für den besten Film gewinnt. Der Streifen erzählt die Geschichte eines Mannes, der sein Herz in die Hand nimmt und sich seinen Weg nach oben boxt.

Aber es ist mehr als das. Der Film ist vielmehr eine Hommage an den menschlichen Willen, die eigene Zielstrebigkeit und das Durchhaltevermögen eines jeden Einzelnen.

Im selben Jahr beginnt 200 Kilometer von Hollywood eine ganz ähnliche Geschichte. In San Diego bekommt ein neunjähriger Blondschopf von seinem älteren Bruder ein blaues Skateboard geschenkt, das seine besten Zeiten schon hinter sich hat. Es ist das erste Mal, dass Anthony "Tony" Hawk das Brett betritt, das für ihn in den nächsten Jahrzehnten die Welt bedeuten sollte.

Der Birdman

34 Jahre später hat sich wenig verändert. Hawks Haare sind kürzer geworden und ein paar Falten sind dazugekommen. Birdman wird er jetzt genannt, seine Leidenschaft ist dieselbe geblieben.

Er hat den Sport in die Welt hinausgetragen, ihn bekannt gemacht und revolutioniert - kurzum: Tony Hawk ist Skateboarden. "Er ist vergleichbar mit Franz Beckenbauer", sagt der deutsche Skateboard-Papst Titus Dittmann im Gespräch mit SPOX. Dass er dabei sein eigenen Geldbeutel füllen konnte, ist für Hawk selbst nicht mehr als ein schöner Nebeneffekt.

Als Kind ein "Albtraum"

Der Antrieb für die Leistungen der letzten Dekaden war ein anderer. Einer, der schon seit frühester Kindheit in seinem Inneren schlummerte. Der junge Tony steckte sich schon im Kindergartenalter hohe Ziele. Als er zum ersten Mal in einem Swimming Pool schwamm, wollte er von einer Seite des Beckens bis zur anderen Seite tauchen. Sein Versuch schlug fehl.

Wenig später traf er den Ball beim Baseball dreimal hintereinander nicht. Strikeout! Zu viel für den kleinen Tony. Verbittert versteckte er sich in einer nahe gelegenen Höhle und musste von seinem Vater herausgezerrt werden.

Misserfolg bewirkte bei Tony oft aggressives Verhalten. Er war frustriert. Von sich selbst und von seinem Körper, der mit seinen Vorstellungen nicht mithalten konnte. Hawk selbst bezeichnet sich in seiner Biografie "Hawk: Occupation: Skateboarder" rückblickend als einen "Albtraum".

Überraschung beim Schulpsychologen

Seine Mutter nannte diese Charakterzüge liebevoll "challenging". Doch selbst Nancy Hawk musste sich bald eingestehen, dass das Verhalten ihres Sohnes längst nicht mehr der Norm entsprach. Schweren Herzens schickten sie und Vater Frank Tony zum Schulpsychologen. Das überraschende Ergebnis: Tony sei "gifted", talentiert. Er wurde deswegen sogar in höhere Kurse in der Schule gesteckt.

Und sein aggressives Verhalten? Laut dem Psychologen zeigte er diese Verhaltensweisen, weil er feststeckte. Im Körper eines Achtjährigen, während sein Verstand und Ehrgeiz dem eines Zwölfjährigen glichen.

"Er wurde ein anderer Typ"

Bis zu dem folgenschweren Tag im Jahr 1977, als sein Bruder Steve ihm das blaue Banana-Skateboard aus Fiberglas gab. Endlich fand er eine Leidenschaft, die ihn ins Gleichgewicht brachte: das Skateboarden. Körper und Seele fanden im Laufe der Zeit Einklang.

"Er wurde ein anderer Typ", sagte sein Bruder Steve über diese Zeit. Hawk wurde ruhiger und fokussierter. Er fand seine ganz eigene Befriedigung, die es sogar zuließ, dass er sich beim Pac-Man-Spielen nicht mehr aufregte.

Der heilige Gral des Skateboardens

Die gesparte Energie war auch dringend nötig, vor allem bei der Erfindung von neuen Tricks. Über 80 davon kreierte er in seiner Karriere, die meisten mit illustren Namen wie Stalefish, Madonna oder Gymnast Plant. Seine Schienbeine erzählen die Story eines jeden einzelnen davon.

Mitte der 80er Jahre schrieb er eine Wunschliste mit Tricks, die er in seinem Leben noch stehen wollte. Kurz vor dem neuen Jahrtausend hat er es dann tatsächlich geschafft: Hinter jedem Trick konnte Tony einen Haken machen. Bis auf einen, dem schwersten: dem "900". Zweieinhalb Drehungen zwischen Abheben und Landen müssen dafür vollbracht werden.

Viele haben ihn versucht. Einige waren knapp dran. Aber niemand hat ihn gestanden. Dadurch wurde er zu einem Mythos, zum heiligen Gral des Skateboardens.

Der Tag der Unsterblichkeit

Bis zum 27. Juni 1999. Die X-Games stehen an, die Olympischen Spiele der Extrem-Sportler. 22 Jahre, nachdem er zum ersten Mal ein Skateboard betreten hat, will sich Tony Hawk unsterblich machen. Beim Best-Trick-Contest in der Halfpipe ist die Zeit eigentlich schon abgelaufen. Doch anstelle von Applaus herrscht gespenstische Stille.

Alle blicken in die Röhre, wo ein Skateboarder in einem Teufelskreis gefangen zu sein scheint. Tony Hawk will nicht aufgeben. Er will sich nicht damit zufrieden geben, dass sein Körper den anvisierten "900" nicht zu leisten im Stande ist.

Die ganze Szenerie hat etwas Tragisch-Komisches. Hawk fährt in die Halfpipe, nimmt Geschwindigkeit auf, und scheitert immer wieder an dem Trick, zu dem er eine Hassliebe pflegt. Die Minuten vergehen, die Hoffnung schwindet.

Der übertragende Sender "ESPN" schaltet dennoch nicht ab. Ein Offizieller der X-Games spricht den Fans aus der Seele: "Wir machen die Regeln, so wie wir wollen. Er soll es weiter versuchen!" Keiner der anderen Sportler protestiert. Jeder will den geschichtsträchtigen Moment miterleben.

Aller guten Dinge sind zwölf

Mittlerweile ist Hawk beim elften Versuch angekommen. Wieder scheitert er. Man sieht Müdigkeit und Frustration in seinen Augen. Aber der Wille ist noch da.

Ein letztes Mal macht er sich auf den Weg nach oben: Versuch Nummer zwölf. Rein in die Halfpipe, Schwung nehmen, Geschwindigkeit aufbauen, und dann der entscheidende Moment. Wie aus einem Guss dreht sich Hawk zweieinhalb Mal um die eigene Achse. Bei der Landung kommt er leicht aus dem Gleichgewicht, er strauchelt, aber der Birdman kann sich gerade noch auf dem Brett halten.

Der Mythos des "900" ist gebrochen. Tony Hawk hat es geschafft: Er ist im Skate-Olymp angekommen. Er hat es allen gezeigt. Vor allem aber sich selber.

Müller'sche Siegquote

Früh ließ sich erahnen, dass er irgendwann diesen Thron besteigen würde. Einmal vom Skateboard-Fieber befallen, stieg Tony bereits als Jugendlicher zu neuen Sphären auf. Vom Oasis Skatepark, seinem täglichen Trainingsort, bis ins ganze Land hinaus - bald fesselte Tony die Skate-Fans allerorten.

Als Zwölfjähriger gewann er in Kalifornien Wettkämpfe wie am Fließband. Mit 14 wurde er Profi, mit 16 war er schon einer der besten Skateboarder weltweit. Ein Jahr später verdiente er durch Sponsorengelder bereits mehr als sein damaliger High-School-Lehrer.

Bis zu seinem 25. Geburtstag hat Hawk an 103 Skate-Contests teilgenommen. Sein unglaublicher Rekord: 73 Mal stand er ganz oben auf dem Treppchen. Eine Gerd Müller'sche Quote.

Bis zum Jahr 1991 erzählt sich die Geschichte wie ein Märchen der Gebrüder Grimm. Fast zu schön, um wahr zu sein?

Teil II: Die Skate-Depression und Hawks Weg zum Mainstream-Star

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