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NHL

"Mich zieht wenig nach Deutschland"

Von Interview: Florian Regelmann
Dennis Seidenberg ist in der NHL für seine harten Hits bekannt
© Getty

Dennis Seidenberg ist neben Boston-Bruins-Teamkollege Marco Sturm, Christian Ehrhoff, Jochen Hecht und Marcel Goc einer von fünf deutschen Eishockey-Stars, die sich in der NHL durchgesetzt haben. Der 29-Jährige hat sich nach einer starken letzten Saison inzwischen sogar als absoluter Top-Verteidiger etabliert. Im SPOX-Interview spricht Seidenberg über seine Distanz zur Heimat, seinen besten Hit und Tennismatches mit Bruder Yannic.

SPOX: Herr Seidenberg, wenn man das offizielle Foto von Ihnen bei der Team-Präsentation sieht, muss eine Frage erlaubt sein: Es werden schon immer weniger Haare, oder?

Dennis Seidenberg: (lacht) Sehr gute Frage. Das frage ich mich schon länger. Ich habe die Haare ja schon seit einigen Jahren sehr kurz. Gezwungenermaßen. Sie fallen mehr und mehr aus, irgendwann werden sie wohl ganz weg sein.

SPOX: Na ja, ist ja nicht so schlimm. Hauptsache gesundheitlich passt alles. Sind Sie nach Ihrer Handgelenksverletzung zum Ende der letzten Saison wieder vollkommen fit?

Seidenberg: Ja, danke. Es ist wieder alles in bester Ordnung. Ich bin zu 100 Prozent fit und habe keinerlei Probleme mehr. Die Saison kann losgehen. Ich bin auch froh, dass es losgeht. Es war kein schönes Gefühl, in den Playoffs auf der Tribüne zu sitzen und anschauen zu müssen, wie wir nach 3-0-Führung gegen Philadelphia noch verloren haben.

SPOX: Wie haben Sie nach dem Playoff-Aus Ihren Sommer verbracht?

Seidenberg: Ich habe die Hälfte der Zeit in Florida vollbracht und die andere in New Jersey. Es war sehr relaxt alles. Mein Bruder Yannic hat mich wieder für sechs Wochen besucht. Wir haben viel zusammen gemacht, vor allem viel Tennis gespielt.

SPOX: Sie haben in der Jugend sehr gut Tennis gespielt. Kommt die Seidenberg-Vorhand noch?

Seidenberg: (lacht) Am Anfang war es ein bisschen schwierig. Ich musste erst wieder reinkommen, aber nach einiger Zeit hat es wieder ganz gut geklappt. Es hat Spaß gemacht.

SPOX: Das heißt, dass Sie wieder nicht in Deutschland waren. Wann waren Sie überhaupt das letzte Mal in der Heimat?

Seidenberg: Das ist jetzt schon vier Jahre her. Wahrscheinlich wundert das einige, aber mich zieht im Moment wenig nach Deutschland. Ich habe eine amerikanische Frau geheiratet, mein Lebensmittelpunkt ist in den USA. Hier fühle ich mich sehr wohl. Ich habe aber schon vor, die alte Heimat mal wieder zu besuchen. Ich verfolge auch übers Internet, was in Deutschland alles so passiert und fühle mich natürlich schon noch als Deutscher.

SPOX: Sie haben im Sommer auch einen Vier-Jahres-Vertrag über 13 Millionen Dollar bei den Bruins unterschrieben. Auf so einen Vertrag haben Sie lange hingearbeitet.

Seidenberg: Das stimmt. Es ist ein schönes Gefühl, zum ersten Mal in meiner Karriere Sicherheit zu haben. Zu wissen, jetzt vier Jahre bei einem Klub zu bleiben, dann noch bei einer so tollen Organisation wie den Bruins und so einer tollen Stadt wie Boston, wo Eishockey so viel bedeutet, ist einfach toll.

SPOX: Vor der letzten Saison hatten Sie diese Sicherheit nicht. Es hat sehr lange gedauert, bis Sie letztlich bei den Florida Panthers unterschrieben haben. Wie schwierig war die Situation damals?

Seidenberg: Ich war schon sehr nervös. Es war noch nicht soweit, dass ich darüber nachgedacht habe, nach Europa zurückzugehen, weil ich immer Angebote hatte. Es kam aber lange keines, das meinen Vorstellungen entsprochen hätte. Zum Glück hat es dann mit Florida noch gut geklappt alles, das Dreivierteljahr bei den Panthers war im Nachhinein auch eine gute Zeit für mich. Auch wenn die Eishockey-Begeisterung in Boston eine ganz andere ist. Hier werde ich schon mal auf der Straße erkannt, in Florida kommt das eher selten vor.

SPOX: Sie haben eine starke letzte Saison gespielt. Sie haben sehr viel Eiszeit bekommen und punkten als Verteidiger auch immer mehr. Was war der Schlüssel dafür, dass es so gut gelaufen ist?

Seidenberg: Das ist recht einfach zu erklären. Wenn du deine optimale Leistung abrufen willst, musst du zum einen gesund bleiben und zum anderen das absolute Vertrauen des Trainers spüren. Diese Kombination hat bei mir gepasst. Die letzten beiden Jahre waren sicher die besten meiner Karriere.

SPOX: Auch bei den Bruins sind Sie als Top-Verteidiger vorgesehen. Bis zu Ihrer Verletzung haben Sie mit Zdeno Chara das Top-Duo an der blauen Linie gebildet. Wie sehen Sie Ihre Rolle?

Seidenberg: Meine Rolle wird die gleiche sein wie in der letzten Saison. Viele Minuten spielen, Powerplay spielen, Unterzahl spielen - einfach konstant gute Leistungen bringen. Wenn ich wieder mit Chara spielen sollte, würde ich mich freuen. Er macht es einem sehr leicht. Er hat eine unglaubliche Spannweite und ist für seine Größe auch ein sehr guter Schlittschuhläufer. Er ist ja nicht umsonst einer der besten Verteidiger der Welt.

SPOX: Eine Ihrer großen Qualitäten ist neben den Blocks auch Ihr körperliches Spiel. Sie sammeln unglaublich viele Hits. Woher kommt diese Liebe zum Körperkontakt?

Seidenberg: Für mich ist es eine gute Möglichkeit, in die Spiele reinzukommen. Wenn du sofort ein paar Hits landest, bist du gleich im Spiel. Ich will ein guter Allrounder sein als Verteidiger, da gehören auch Hits dazu.

SPOX: Können Sie sich noch an besonders gute Hits erinnern?

Seidenberg: Ja, ein paar hat man noch im Kopf. Ich kann mich an einen erinnern, das war in meinem ersten Jahr. Ich kam von der Strafbank und habe Oleg Kvasha einen schönen Hit verpasst. Er hatte mich gar nicht gesehen. Er war dazu groß, ich war klein, das war nicht schlecht (lacht).

SPOX: Hits gehören zum Eishockey dazu. Aber manchmal wird die Grenze überschritten. So wie im Fall Ihres Teamkollegen Marc Savard, der immer noch unter den Folgen des brutalen Checks von Matt Cooke leidet. Wie geht es ihm?

Seidenberg: Soweit ich weiß, geht es ihm okay. Aber wir wissen leider immer noch nicht, wann er wieder zurückkommen wird. Wir können alle nur hoffen, dass er bald wieder spielen kann. Wir brauchen ihn dringend.

SPOX: Gehören solche Hits wie der gegen Savard zum Spiel dazu, oder muss die NHL da noch stärker eingreifen?

Savard: Hartes Spiel gehört auf jeden Fall dazu, das muss auch so bleiben. Das Problem sind die Blindside-Hits, die ja jetzt auch härter bestraft werden sollen. Das ist auch auf jeden Fall richtig, um die Spieler zu schützen.

SPOX: Boston wartet auf die Rückkehr von Savard, aber dafür ist Tyler Seguin schon da. Was haben Sie für einen Eindruck vom Super-Rookie der Bruins?

Seidenberg: Man sieht jeden Tag im Training, warum er an Nummer zwei gezogen wurde. Er ist ein unglaublich guter Schlittschuhläufer und jedes Mal, wenn er auf dem Eis steht, ist er brandgefährlich.

SPOX: Marco Sturm fällt nach seiner zweiten schweren Knieverletzung wie Savard ebenfalls zum Start aus. Wie viel Kontakt haben Sie?

Seidenberg: Wir haben einen sehr guten Kontakt. Ich wohne in der Innenstadt im italienischen Viertel North End nur einen Kilometer von Marco entfernt. Es steht noch nicht genau fest, wann er wieder spielen kann. Aber irgendwann im November wird es hoffentlich soweit sein.

SPOX: Wenn Marco Sturm wieder spielen kann, werden es wieder fünf Deutsche in der NHL sein. Ehrhoff, Hecht, Goc, Sturm und Seidenberg. Es sind die alten Bekannten. Von den Jüngeren hat noch keiner den Durchbruch geschafft.

Seidenberg: Ich bin aber überzeugt, dass es in den nächsten Jahren einige Jungs packen werden. Es ist nicht so einfach, sich gegen die harte Konkurrenz durchzusetzen, aber wenn man sich einmal etabliert hat, ist der schwierigste Schritt geschafft.

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