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NBA: Die San Antonio Spurs im Sturzflug - Nur noch ein Auslaufmodell

Von Lino Wilczewski
Gregg Popovich könnte mit den San Antonio Spurs zum ersten Mal seit 22 Jahren die Playoffs verpassen.

Die San Antonio Spurs befinden sich nach 22 Playoff-Teilnahmen in Folge im Sturzflug. Gregg Popovich und sein Team durchlebten jüngst die längste Niederlagenserie der Franchise-Geschichte, das Ende des Playoff-Streaks zeichnet sich bereits ab. Was sind die Gründe für den Absturz?

"Möchtest Du etwa andeuten, dass wir uns in einer schwierigen Phase befinden?" fragte Gregg Popovich einen Reporter, kurz bevor seine Spurs gegen die 76ers verloren und damit die längste Niederlagenserie der Franchise-Geschichte aufstellten. "Das ist Bullshit. Wir versohlen Ärsche. Fake News!"

Er hatte ein Grinsen auf den Lippen, sein gewohnter Sarkasmus konnte aber nicht über die trübe Situation hinwegtäuschen, in der sich die Texaner befinden: Acht Niederlagen in Folge (vor dem Sieg gegen die Knicks), eine Bilanz von 6-11, Platz 11 in der Western Conference. Playoff-Chancen? Eher düster.

Nur einmal hat Popovich bisher die Postseason verpasst. Das war in der Saison 1996/97, als er die Spurs beim Stand von 3-15 übernahm und alles daran legte, möglichst schlecht abzuschneiden, um sich im Draft-Rennen um Tim Duncan eine gute Position zu sichern. Seitdem gewann San Antonio fünf Titel und belehrte seine Zweifler immer wieder eines Besseren, auch bei wechselnder Besetzung. Nun ist die Serie aber in Gefahr.

Gregg Popovich: "Es gibt keinen magischen Spielzug"

"Wisst Ihr, der Coach ist, wer er ist. Die Spieler sind, wer sie sind", sagte Popovich über den Saisonstart: "Es gibt keinen magischen Spielzug." In der Vergangenheit schien es manchmal, als ob dem so wäre - als könne der 70-Jährige für jede Spielerkonstellation ein neues System aus dem Hut zaubern und am Ende der Saison eine positive Bilanz verzeichnen, meist sogar über 50 Siege, gerade in den Hochzeiten der Big-3-Ära.

Duncan jedoch sitzt mittlerweile als Assistant Coach an der Seitenlinie, sein Jersey hängt neben denen von David Robinson, Manu Ginobili und Tony Parker unter der Hallendecke - und Kawhi Leonard ist mit einem äußerst erfolgreichen Zwischenstopp bei den Raptors nach Los Angeles gezogen.

An deren Stelle bilden jetzt LaMarcus Aldridge und DeMar DeRozan den Kern der Spurs. Beide sind gute Basketballer, jedoch in der Mitteldistanz beheimatet, in einer Ära, in der dieser Wurf vom Aussterben bedroht und mit dem Etikett 'ineffizient' behaftet ist - und prägen damit das Spiel der gesamten Mannschaft.

Spurs: Die Offense ist nicht das Problem

San Antonio erzielt in dieser Saison 19,4 Prozent seiner Zähler aus der Midrange, mit Abstand der höchste Wert der Liga. Dafür trifft das Team die wenigsten Dreier, nur selten aus der Zone (Rang 26) und lediglich 58 Prozent der Punkte kommen nach Assists (Platz 22). Was die Spurs im Titeljahr 2014 noch auszeichnete - schnelle Passstafetten und eine effiziente Wurfauswahl - hat Coach Pop zugunsten seiner Stars mehr oder weniger über Bord geworfen.

Jedoch galt diese Devise bei den Spurs schon in der vergangenen Spielzeit. Und auch wenn das Team wirkt, als sei es aus den frühen 2000ern angereist, hat es offensiv durchaus Erfolg - nur vier Mannschaften punkten durchschnittlich mehr. Die Probleme liegen woanders begraben.

"Wir treffen genug, um zu gewinnen", schob Popovich Bedenken am Angriff der Texaner beiseite: "Aber man muss seine Gegner auch stoppen können und das haben wir bislang nicht sehr erfolgreich getan."

DeMar DeRozan: "Wir sind defensiv einfach scheiße"

Wo die Spurs in der vergangenen Saison immerhin eine mittelmäßige Defensive aufs Parkett brachten, steht nun die viertschlechteste Verteidigung der Liga. Wenige Teams lassen gegnerische Dreierschützen so häufig offen stehen wie San Antonio, nur zwei erlauben eine bessere Feldwurfquote.

Man muss den Kader gar nicht allzu genau unter die Lupe nehmen, um eklatante Schwachstellen zu erkennen. Ein 34-jähriger Aldridge kann zwar noch den einen oder anderen Wurf in der Zone blocken, aufgrund seiner mangelnden Agilität aber nicht mehr mithalten, wenn er an den Perimeter gezogen wird. DeRozan hat seine Kontrahenten noch nie in Angst und Schrecken versetzt, einzig Derrick White und Dejounte Murray darf man als (sehr) gute Verteidiger bezeichnen.

"Wir müssen realisieren, dass wir defensiv scheiße sind", stellte DeRozan nüchtern fest: "Schlicht und ergreifend. Wir sind schrecklich. Unser Stolz ist gefordert, es ist einfach peinlich, so viele Spiele zu verlieren."

San Antonio Spurs: Der leichteste Spielplan der Liga

Weniger peinlich als vielmehr besorgniserregend ist außerdem, dass diese Niederlagen gegen eine vergleichsweise schwache Konkurrenz kamen - einzig die Pacers hatten laut ESPN zum Saisonbeginn einen leichteren Spielplan. Nur fünf von San Antonios 16 Gegnern hatten eine positive Bilanz, gegen keinen davon war man erfolgreich. Mit Ausnahme der Wizards gewannen die Spurs nur gegen Teams, die zu den schlechtesten dreien ihrer jeweiligen Conference zählen.

Auch Verletzungen können nicht als Ausrede für die Misere genommen werden, bisher sind nämlich alle Akteure gesund geblieben. Murray absolviert nach seinem Kreuzbandriss und einer einjährigen Zwangspause gut 22 Minuten im Schnitt, davon jedoch nur wenige neben seinem eigentlich vorgesehenen Backcourt-Partner White. Wie so vieles bei den Spurs habe diese Kombination laut Pop "einfach nicht funktioniert".

Die San Antonio Spurs im Ligavergleich: Statistiken

OffensiveDefensive
Off-Rating3er-AnteilDef-RatingFeldwurf-Quote Gegner3er-Quote Gegner
Spurs111,127%113,748%38%
Rang530272628

Spurs: Der Draft als Ausweg?

Wie geht es also weiter am Riverwalk? DeRozan und Aldridge stehen jeweils mit einem Gehalt von über 26 Millionen Dollar in den Büchern, beide Verträge laufen noch bis 2021, wobei DeRozan für die kommende Saison eine Spieler-Option hat.

Natürlich könnte General Manager R.C. Buford bei anderen Franchises anklopfen, um das Team umzukrempeln - einen Abnehmer für einen der beiden Ecksteine zu finden, dürfte sich aus den oben genannten Gründen jedoch schwierig gestalten. Ganz davon abgesehen, dass der letzte Spurs-Trade während einer Saison über fünf Jahre zurückliegt.

Macht San Antonio keinen plötzlichen Leistungssprung, scheint das Team also unweigerlich auf ein Ende des 22-jährigen Playoff-Streaks zuzusteuern. Aber vielleicht ist das auch gar nicht so schlimm?

Schon mit weniger guten Picks haben die Spurs in der Vergangenheit ihr gutes Auge für junge Talente bewiesen. Parker und Ginobili schnappten sie sich spät im Draft, Leonard luchsten sie den Pacers in einem Draft-Trade ab. Beim letzten Mal, als sie in der Lottery wählen durften, kam Duncan nach Texas.

Vielleicht braucht Popovich also keinen magischen Spielzug, um das Blatt zu wenden, sondern einfach einen magischen Draft. Bis dahin kann es jedoch hässlich werden - oder vielleicht eher bleiben.

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