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MLB

Michael Jordans Abenteuer Baseball: Der fast erfüllte Kindheitstraum

Michael Jordan versuchte sich 1994 als Baseballspieler im Farmsystem der Chicago White Sox.

Unterm Strich spielte Jordan respektabel für einen 31-Jährigen, der 13 Jahre lang keinen Schläger in der Hand hatte und plötzlich gegen hochveranlagte Talente, die teils zehn Jahre jünger waren, antrat. Seine Zahlen waren objektiv betrachtet nicht der Rede wert, doch zeigte er im Laufe des Jahres eine klare Verbesserung und sah zumindest mal in Ansätzen wie ein professioneller Baseballspieler aus.

Was aber nach all den Jahren wohl viel eher in Erinnerung bleiben wird als seine Produktion auf dem Platz, war sein Wirken daneben. Seine damaligen Weggefährten erinnern sich immer noch gern an die kuriose Zeit zurück.

Der damalige Manager, Terry "Tito" Francona, seines Zeichens nun seit 20 Jahren Manager in der MLB und zweimaliger World-Series-Gewinner mit den Boston Red Sox, erzählte ESPN, wie er Jordan erklären musste, dass das Team nicht von Stadt zu Stadt fliege, sondern mit dem Bus fahre: "Birmingham nach Orlando? Zwölf Stunden."

Sicher ein Kulturschock für Jordan, der Charter- und Privatjets gewohnt war. "Ich hab kein Problem damit, mit dem Bus zu fahren - solange es ein Luxusbus ist", sagte Jordan seinerzeit trocken. Er ließ seinen Worten Taten folgen und organisierte einen Luxusbus der "gut genug für die Partridge Family (amerikanische TV-Serie der 70er Jahre über eine Familienband, Anm. d. Red.) gewesen wäre", wie Francona es umschrieb: "Michael signierte den Bus und so war der Jordancruiser geboren".

Michael Jordan: Baseball-Statistiken bei Birmingham Barons

JahrSpieleRunsHitsHomerunsRBIStolen BasesSchlagdurchschnitt
1994127468835130.202

Abgesehen vom Bus gab sich Jordan als angenehmer Teamkollege und verbrachte trotz seines außergewöhnlichen Status viel Zeit mit den Teamkollegen und Coaches. Es wurde Ping Pong oder Karten gespielt, zudem gab es des Öfteren Pickup-Basketball-Spiele im Apartment-Komplex der Spieler in Hoover, südlich von Birmingham - Jordan mit den drei Coachs gegen vier eher größer gewachsene Spieler.

Scott Tedder, einer der Spieler, erzählte gegenüber ESPN: "Ich habe damals vielleicht vier Dreier versenkt. Aber man merkte, dass Michael sich zurückgehalten hat. Als wir dann 15:11 geführt hatten und nur noch einen Korb zum Sieg brauchten, sagte Michael zu mir ganz nüchtern: 'Junge, ihr macht keine Punkte mehr.' Und kurz darauf hatten wir verloren, 15:17 und die Coachs feierten ihren Sieg."

Jordan zeigt ansteigende Form im Laufe des Sommers

Auf dem Baseball-Feld steigerte Jordan seine Leistung über den Sommer und schlug sogar drei Homeruns, allesamt magische Momente im Ballpark. Darüber hinaus sorgte er für 51 RBI - er schlug also sich selbst oder seine Teamkollegen nach Hause - und stahl 30 Bases, was damals wie heute eine beeindruckende Zahl war. Und zumindest eine davon offenbarte, wie grün Jordan doch noch war im Baseball. Als die Barons eines Tages 11:0 gegen die Chattanooga Lookouts vorn lagen, stahl Michael nach einem Double die dritte Base. Ein absolutes No-Go für Baseball-Traditionalisten.

Ein ungeschriebenes Gesetz besagt, dass man bei klarer Führung gewissermaßen nur noch Dienst nach Vorschrift macht, sprich: Normal schlagen an der Platte ist okay, aber Bases stehlen und andere extravagante Dinge tun, eben nicht. Es ist ein wenig mit Football zu vergleichen, wo ein Team bei klarer Führung letztlich das Passspiel einstellt und nur noch läuft, um die Zeit herunterzuspielen.

Francona erinnerte sich im Interview mit Scott Wulf: "Ich habe dann eine entschuldigende Geste zum anderen Manager gemacht, der nur lachte. Nachdem Michael dann zur Bank kam, sagte sich: 'Was macht du da, willst du uns killen?' Und er sagte: 'Nun, wenn du in der NBA mit 20 Punkten führst, versucht du auf 30 zu erhöhen.'"

Später verriet Jordan, dass er genau solche Dinge gerade von seinen Teamkollegen gelernt habe, obwohl eben jene sehr viel jünger waren als er selbst. Andersherum aber betätigte er sich als Mentor in anderen Belangen. Dem dominikanischen Catcher Rogelio Nunez etwa brachte er beim Ping Pong nebenbei Englisch bei - eine Vokabel pro Tag. Als Belohnung gab es für jedes erlernte Wort 100 Dollar - im Ping Pong gewann aber Jordan.

Nach der Saison stand Jordan in der Fall League auf dem Rasen, die Talente-Liga im Herbst in Orten wie Arizona oder Cape Cod an der Ostküste, an der normalerweise nur die hochveranlagten Prospects teilnehmen. Er steigerte seinen Schlagdurchschnitt um sagenhafte 50 Prozentpunkte im Vergleich zur Saison, doch zu einer ausgedehnten Baseball-Karriere kam es nicht.

Spielerstreik verhindert Baseballkarriere von Michael Jordan

"Meiner Meinung nach hätte er mit 1.500 mehr At-Bats einen Weg in die Major League gefunden", konstatierte Francona in der ESPN/Netflix-Doku "The Last Dance". Doch es hatte nicht sollen sein. Äußere Umstände machten ihm und dem Baseball einen Strich durch die Rechnung: Ende der Saison 1994 kam es zum bis heute längsten Spielerstreik in der Geschichte der MLB, sogar die World Series fiel aus.

Der Streik erstreckte sich bis ins Frühjahr 1995. Jordan wurde sogar gebeten, als eine Art Ersatzspieler zu fungieren und für die White Sox in der MLB zu spielen - als Minor-League-Spieler war er kein Mitglied der Spielergewerkschaft und wäre daher spielberechtigt gewesen.

Doch Jordan, der Spielervertreter in der NBPA war, wollte nichts davon wissen, Streikbrecher wollte er nicht in seiner Vita stehen haben. MJ selbst bestätigte dies in seiner Biographie "Driven From Within" (2005): "Ich hatte keinen Gedanken daran, zurückzukehren. Ich denke nicht, dass ich ohne den Streik zurückgekommen wäre."

Michael Jordan und sein berühmtes Fax: "I'm back!"

Und so gab er im März 1995 zunächst seinen Rückzug vom Baseball bekannt und rund eine Woche später erschien in nahezu allen relevanten Medien sein berühmtes Statement mit den Worten: "I'm Back!" Jordan war zurück bei den Bulls, mit denen er von 1996 bis 1998 noch drei weitere Meisterschaften gewinnen sollte.

Doch was bleibt von Jordans Abstecher in die Baseballwelt? Sicherlich die Frage, was hätte sein können. Hätte er es tatsächlich in die MLB geschafft? Als Extra-Outfielder oder gar als Starter? Diese Frage wird für immer unbeantwortet bleiben. Doch Baseball hinterließ bei Jordan sicherlich einen bleibenden Eindruck.

"Baseball war nicht das einzige, was er bei uns gelernt hat. Ich glaube wirklich, dass er sich selbst neuentdeckt hat, seine Freude am Wettbewerb. Wir haben dafür gesorgt, dass er wieder Basketball spielen wollte", konstatierte Francona, der hinzufügte: "Und er machte aus mir einen besseren Manager."

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