Handball

Handball-EM - Matchwinner Kai Häfner: Der Schlüssel für ein neues Märchen

Kai Häfner hat beim Auftaktsieg gegen die Niederlande überzeugt.

Kai Häfner hat beim 34:23-Auftaktsieg der deutschen Mannschaft gegen die Niederlande ein starkes Spiel geliefert. Der rechte Rückraumspieler von der MT Melsungen ist für eine erfolgreiche Europameisterschaft des DHB-Teams unabdingbar.

2.000 Menschen haben sich vor dem Rathaus versammelt, darunter ein völlig euphorisierter Bürgermeister, und eine Musikkapelle spielt: Als Kai Häfner am 7. Februar 2016 in seine 60.000-Einwohner-Heimatstadt Schwäbisch Gmünd im Osten Baden-Württembergs zurückkehrt, ist er plötzlich ein Star.

"Europameister! Wahnsinn!", steht auf einem Plakat, das am Rathausbalkon hängt. Oben steht der damals 27-Jährige und spricht in aller Bescheidenheit zum Volk, das ihm an den Lippen hängt und ihn in diesem Moment fast wie einen König verehrt. "Das ist ein schönes Ende des Märchens", sagt Häfner mit einem noch immer ungläubigen Grinsen im Gesicht.

Häfner im rechten Rückraum zum Abliefern verdammt

Rund vier Jahre später, bei der diesjährigen EM in Österreich, Norwegen und Schweden ist Häfner nach schwierigen Jahren erneut mit dabei - und wichtig wie selten zuvor. Der Junioren-Weltmeister von 2009 hat sich bei der MT Melsungen, wo er seit seinem Wechsel von der TSV Hannover-Burgdorf 2019 spielt, durch starke Leistungen aufgedrängt. In der laufenden Saison bringt er es auf 97 Tore und 59 Vorlagen in 19 HBL-Partien.

Da Häfner nach den Ausfällen von Steffen Weinhold (Fußverletzung/THW Kiel), Fabian Wiede (Schulter-OP/Füchse Berlin) und Franz Semper (Herzmuskelentzündung/SC DHfK Leipzig) der letzte verbliebene gestandene Nationalspieler im rechten Rückraum ist, wird er einer der Schlüssel dafür sein, ob Deutschland ein erfolgreiches Turnier spielt oder nicht. Er ist geradezu zum Abliefern verdammt. Neben Häfner steht nur noch David Schmidt vom TVB Stuttgart für diese Position im deutschen Aufgebot.

Prokop: "Hervorragend Verantwortung übernommen"

Gegen die Niederlande machte der frühere Balinger und Göppinger schon einmal fast alles richtig. Mit fünf Toren war er gemeinsam mit Jannik Kohlbacher bester Werfer der DHB-Auswahl. Häfner leistete sich in 33 Minuten auf der Platte keinen einzigen Fehlwurf und glänzte zudem mit tollen Anspielen an den Kreis und auf die Außenspieler.

"Kai hat hervorragend Verantwortung übernommen", meinte Bundestrainer Prokop nach dem Auftaktspiel in Trondheim. Er und Torhüter Andreas Wolff, der 12 Paraden zeigte und damit eine Quote von 39 Prozent gehaltener Bälle aufwies, seien "die Matchwinner" gewesen. "Man merkt, dass das ganze Team an sich und jeden Einzelnen glaubt. Wir können bei der EM eine gute Rolle spielen", sagte Häfner. "Und ich will natürlich auch eine gute Rolle spielen."

Häfner: In sieben Tagen von der Couch zum EM-Titel

Vor der EM 2016 wären solche Aussagen von Häfner noch undenkbar gewesen. 13 Tage vor der Krönung hatte der rechte Rückraumspieler noch zu Hause auf dem Sofa gesessen und als Fan die ersten fünf Partien des DHB-Teams bei der EM in Polen vor dem Fernseher verfolgt. Nach dem Spiel gegen Russland, in dem sich Steffen Weinhold und Christian Dissinger verletzten, klingelte allerdings Häfners Telefon. Der damalige Bundestrainer Dagur Sigurdsson gab die kurze Auskunft, dass er nachnominiert sei, und die Anweisung, er solle sich sofort auf den Weg nach Breslau machen.

Häfner befolgte den Befehl - und startete komplett durch. Im abschließenden Hauptrundenspiel gegen Dänemark steuerte er drei Tore bei, im Halbfinale gegen Norwegen fünf. Darunter die alles entscheidende Bude in der Verlängerung, exakt fünf Sekunden vor Ablauf der Uhr.

Wer nun dachte, es könnte für einen Nachrücker nicht mehr besser kommen, wurde eines Besseren belehrt: Häfner traf am 31. Januar im Endspiel in Krakau wie von Sinnen, war mit sieben Treffern bester DHB-Werfer und hatte damit maßgeblichen Anteil am 24:17-Sieg gegen Spanien und dem damit verbundenen EM-Coup der Bad Boys. Innerhalb von sieben Tagen war Häfner von der Couch zum EM-Titel gerauscht - und das bei seinem ersten großen Turnier mit der A-Nationalmannschaft überhaupt.

Häfners Durststrecke im Nationalteam

"Natürlich denke ich gerne an 2016 zurück. Aber ich lebe im Hier und Jetzt und weiß, dass man für das, was man damals geleistet hat, heute nichts mehr geschenkt bekommt", sagt Häfner heute. Der mittlerweile 30-Jährige hat längst die Erfahrung gemacht, dass es in der Karriere eines Profisportlers nicht immer perfekt läuft.

Bei den Olympischen Spielen im Sommer nach dem EM-Triumph von Polen überzeugte der Linkshänder noch in Rio de Janeiro, wo er mit dem DHB-Team die Bronzemedaille holte. Auch bei der mit dem Aus im Achtelfinale gegen Katar enttäuschend verlaufenden WM in Frankreich machte Häfner eine gute Figur.

Doch anschließend ging es bergab. Bei der katastrophalen EM 2018 in Kroatien, dem ersten Turnier unter Sigurdsson-Nachfolger Christian Prokop, enttäuschte Häfner. Bei der Heim-WM 2019 wurde er zunächst aussortiert und dann nachnominiert, zum zweiten Mal in Folge ging allerdings für ihn persönlich nichts zusammen.

DHB-Team muss am Samstag gegen Spanien ran

Nun ist er wieder da und die nächste Gelegenheit zu liefern bietet sich bereits am Samstag, wenn das DHB-Team im zweiten Gruppenspiel auf Spanien trifft (18.15 Uhr im LIVETICKER). Gegen die Iberer, die ihre Auftaktpartie mit 33:22 gegen Lettland gewonnen haben, steht bereits enorm viel auf dem Spiel, weil es darum geht, Punkte für die Zwischenrunde zu sammeln.

Vielleicht lehrt er den Spaniern ja mal wieder das Fürchten - so wie am 31. Januar 2016 in Krakau. Es wäre womöglich der schöne Anfang eines neuen Märchens.

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