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Fussball

Aleksandar Dragovic im Interview: "Salah hatte immer Angst, dass ich ihm den Fuß breche"

In der Saison 2018/19 spielte Aleksandar Dragovic per Leihe bei Leicester City in der Premier League.

Salah landete über die Zwischenschritte Chelsea, Florenz und Roma beim FC Liverpool. Sie zogen 2013 zu Dynamo Kiew weiter. Wie kam es zu dem Wechsel?

Dragovic: Ich habe mich auch deshalb für Kiew entschieden, weil mein großes Vorbild Nemanja Vidic einen ähnlichen Weg gegangen ist. Er ist erst zu Spartak Moskau gewechselt und später bei Manchester United gelandet.

Hat sich im Laufe Ihrer Karriere schon ein Treffen mit Vidic ergeben?

Dragovic: Zu dieser Ehre bin ich leider noch nicht gekommen. 2011 habe ich mit Basel in der Champions League gegen ihn und United gespielt. Wir haben gewonnen und sie rausgeschmissen. Deshalb habe ich mich aber nicht getraut, ihn anzusprechen. Ich hatte Angst, dass er mir den Kopf abhaut. Sein Sohn spielt mittlerweile in der Jugend von Roter Stern. Hoffentlich schaut sein Papa mal am Vereinsgelände vorbei und ich kann mich mit ihm unterhalten. Er und Sergio Ramos wären die einzigen beiden Fußballer, mit denen ich ein Foto machen wollen würde.

Was fasziniert Sie an den beiden?

Dragovic: Ramos ist ein überragender Innenverteidiger und gleichzeitig auch offensivstark. Er hat in den letzten fünf Jahren glaube ich mehr Tore gemacht als ich Spiele. Bei Vidic fasziniert mich sein Wille und wie er sich in jeden Zweikampf reinhaut.

Wenige Wochen nach Ihrem Wechsel nach Kiew begannen die Euromaidan-Proteste in der Stadt. Wie haben Sie das erlebt?

Dragovic: Ich kann mich genau daran erinnern, als das alles losging. Wir waren gerade am Trainingsgelände und irgendwer hat den Fernseher eingeschaltet: Die ganze Innenstadt hat gebrannt und alles war voller Soldaten. Es gab auch Gerüchte, dass der Flughafen gesperrt wird und keiner mehr aus dem Land kommt. Da habe ich schon Angst bekommen. Es herrschte eine große Ungewissheit, ein bisschen wie am Anfang der Corona-Pandemie.

Wie hat Ihr Alltag in diesen Tagen ausgesehen?

Dragovic: Ich bin zwischen dem Trainingsgelände und meinem Zuhause gependelt. Der Verein hat einen Chauffeur gestellt, der uns Spieler hin und her gefahren ist. Einmal standen wir an der Ampel, als drei Leute aus einer Seitengasse gestürmt sind. Sie haben die Reifen von einem Polizeiauto zwei Autos vor uns aufgeschlitzt und die Fenster mit Steinen eingeschlagen. Dann sind sie weggerannt. Nach ein paar Tagen hat sich die Lage wieder beruhigt. Die Stadt war zwar weiterhin voll mit Soldaten, man konnte aber wieder spazieren gehen.

Haben Sie überlegt, den Klub wegen der unsicheren Lage zu verlassen?

Dragovic: Nein, der Verein hat sich gut um uns gekümmert und uns geschützt. Die Meisterschaft ist auch ganz normal weitergelaufen.

Wenig später ist in der Ostukraine Krieg ausgebrochen.

Dragovic: Davon hat man in Kiew gar nichts mitbekommen.

In der Saison 2017/18 spielten sie per Leihe von Leverkusen bei Leicester City. Welche Unterschiede haben Sie zwischen den beiden Ländern ausgemacht?

Dragovic: In England läuft alles viel lockerer als in Deutschland. Das ist echt ein krasser Unterschied. In Deutschland wird man als Fußballer behandelt wie ein Soldat. Übertrieben gesagt darfst du beim Training nicht einmal lachen. In Leicester ist es beim Abschlusstraining dagegen zugegangen wie beim ersten Tag nach dem Urlaub. Es wurde gelacht, rumgeblödelt, das war Spaß pur. Aber sobald der Schiedsrichter angepfiffen hat, sind alle 100 Prozent marschiert.

Wer hat sich beim Rumblödeln am meisten hervorgetan?

Dragovic: Jamie Vardy. Der Mensch ist wie ein Duracell-Hase, immer auf 180. Er kann nicht still sitzen oder ruhig sein. Es war ein Genuss, ein Jahr mit ihm verbringen zu dürfen.

Haben Sie eine besonders lustige Anekdote parat?

Dragovic: Kurz vor einem Cupspiel gegen Chelsea sind wir ohne Trainer für drei Tage nach Stockholm geflogen. Mit dem Verein war alles abgesprochen. Die haben das erlaubt und uns zur Sicherheit sogar ein paar Securities mitgeschickt. Dann haben wir drei Tage lang die Sau rausgelassen. Einmal sind wir in Kostümen durch die Stadt gelaufen. Jamie ist verkleidet in Geschäfte gesprungen und hat die Leute erschreckt. Eineinhalb Tage nach unserer Rückkehr war das Spiel gegen Chelsea, das wir erst in der Verlängerung verloren haben. Sowas ist in Deutschland undenkbar.

Warum ging es ausgerechnet nach Stockholm?

Dragovic: Wir haben uns ein paar Städte überlegt und dann gelost.

Wird Alkoholkonsum von Fußballprofis in England lockerer gesehen?

Dragovic: Ja, bei Leicester hieß es vom Verein aus sogar: Geht's doch mal gemeinsam was trinken. Wir Spieler waren oft im Pub. Natürlich hat sich jeder am Riemen gerissen und nicht so vollgesoffen, dass er nicht mehr gehen kann. Aber ein paar Bier waren kein Problem. Beim Anpfiff musst du 100 Prozent geben, der Rest ist relativ egal. Nach meiner Zeit in Deutschland war das ein Kulturschock. Ich habe mich im ersten Moment gefragt, ob das nur in Leicester oder überall in England so ist. Dann habe ich Basti (Sebastian Prödl) und Marko (Arnautovic) gefragt, wie das bei Watford und West Ham abläuft, und sie haben mir Ähnliches erzählt.

Wie haben Fans auf solche Pub-Besuche reagiert?

Dragovic: Manche wollten ein bisschen mit dir reden, andere haben sogar eine Runde bestellt. Anstrengend war das aber eigentlich nie. Einfach voll easy, voll cool.

Finden Sie diese Freiheiten in England gut?

Dragovic: Ja, ich habe mich damit wohler gefühlt als in Deutschland. Meiner Meinung nach sollte jeder Spieler selbst entscheiden dürfen, was er für sich braucht. Wenn einer mal ein Bier will, dann soll er eines trinken. Wenn einer eine Pizza will, dann soll er eine essen. Solange die Leistung passt, sehe ich da kein Problem.

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